Verkehr

Berliner Staugeschichten

Seit gestern gleicht die Berliner Innenstadt einer Festung. Absperrungen, Polizeifahrzeuge, Umleitungen: Wer im Umkreis des Regierungsviertels unterwegs war, musste bei der Verkehrswahl kreativ werden.

Bis die Nato-Außenministerkonferenz am Freitag endet, werden die Berliner umdenken müssen. Wie diese vier Berliner, die unserer Zeitung ihre persönliche Verkehrsgeschichte erzählt haben.

* Klaus Uhlmann (69) steht im Nieselregen vor dem "Hilton"-Hotel am Gendarmenmarkt. Er kurbelt das Fenster seines Taxis herunter, fährt ein Stück vor und lächelt - obwohl er heute viel erlebt hat: "Als Taxifahrer hat man es heute natürlich überhaupt nicht leicht. Zu Recht sind die Fahrgäste unruhig, schließlich wird es für sie nicht günstiger, wenn ich auf Umleitungen ausweichen muss oder wir im Stau stehen. Und das war heute keine Seltenheit: Alle Straßen in Mitte sind abgesperrt, gerade wurde ich nur vor das Hotel gelassen, weil ich Gäste dabeihatte. Vorhin war es noch schlimmer. Da musste ich meine Fahrgäste schon an der Leipziger Straße herauslassen, zum Justizministerium mussten sie dann zu Fuß weiter. Die Polizei ist sehr konsequent mit den Absperrungen, trotzdem wirkt auf mich alles chaotisch. Ich fahre schon seit 16 Jahren Taxi, so was wie heute hab ich lange nicht mehr erlebt - das letzte Mal, als Rumsfeld aus Amerika hier war."

* Ilonka Fedke (32) hetzt aus dem Bahnhof Friedrichstraße heraus, sie muss schnell etwas kaufen, in der Drogerie. Die Zeit eilt. Ein paar Minuten hat sie trotzdem: "Ich bin heute Morgen in Prenzlauer Berg gestartet. Um 12.15 Uhr hätte ich bei der Freien Universität sein müssen, ich studiere dort Grundschulpädagogik und englische Philologie. Pünktlich kam ich, wie man sich denken kann, nicht. Ganz ehrlich: Ich bin auch ein wenig zu spät losgefahren. Aber auch die Tram kam zu spät. Chaotisch wurde es dann am Alexanderplatz, da stauten sich die Autos, Busse und Trams, vor allem vor dem 'Park Inn'-Hotel. Am Wittenbergplatz stellte ich dann verwundert fest, dass zwei Mal hintereinander die Linie U 1 kam - wohl auch wegen der Absperrungen. In Dahlem angekommen zu meinem Forschungsseminar bin ich dann zu spät, und dann wurde der Kurs auch noch in einen anderen Raum verlegt. Riesig aufgefallen ist das aber nicht; es ist generell so eine Art Unsitte, dass viele Studenten zu spät kommen."

* Jan van Golsbach (43) ist umgeben von Gemälden, Skulpturen und anderen Antiquitäten. Vor der Tür des Auktionshauses steht noch sein Auto, auch er hat heute viel Geduld beweisen müssen: "Von dem Nato-Gipfel habe ich ehrlich gesagt vorher nichts gehört und war ziemlich überrascht, was mich dann heute im Auto auf der Straße erwartete. Von Tegel aus muss ich morgens bis in die Friedrichstraße Ecke Unter den Linden fahren. Ich beliefere da ein Auktionshaus, heute musste man auf die Bilder, die ich im Auto transportiert habe, warten. Polizeifahrzeuge, Busse, Trams, das war heute das ganze Programm unterwegs. Über 45 Minuten stand ich in der Schlange, eine kleine Geduldsprobe. Insgesamt unterwegs war ich bestimmt anderthalb Stunden. Am schlimmsten war der Stau vom Schering-Gebäude bis zur Friedrichstraße. Als Holländer wusste ich nur, dass unsere Königin Beatrix derzeit in der Stadt ist - aber Nato-Gipfel?"

* Torsten Katzorke (23) läuft vorbei am Kaufhaus Dussmann, er ist schon wieder zu spät heute, eine Verabredung fürs Mittagessen wartet: "Ich bin heute früh gemeinsam mit einem Freund in Schöneberg losgefahren. Von dem Nato-Gipfel hatte ich im Vorfeld gelesen. Mein Fehler war jedoch offensichtlich, dass ich heute kein Radio gehört habe - und deshalb recht unvorbereitet in das Stauchaos gefahren bin. Ursprünglich wollten wir über die Leipziger Straße fahren und später in die Friedrichstraße abbiegen, um zur Bibliothek zu kommen. Der Plan wurde durchkreuzt: Wir mussten das Auto zwangsläufig am Alexanderplatz parken und von dort mit der S-Bahn weiterfahren. Gegen 10.30 Uhr stiegen wir ein, und da war es wirklich noch sehr voll in den Abteilen - aber immerhin noch akzeptabel. Hätte ich mich ein wenig besser informiert, wäre das nicht passiert. Und ich wusste ja, insofern ist das alles dumm gelaufen, dass der Gipfel stattfindet."

"Die Polizei ist konsequent mit den Absperrungen, trotzdem wirkt auf mich alles chaotisch"

Klaus Uhlmann, Berliner Taxifahrer