Berliner Spaziergang

Ein Leben für die Kunst

Ein beneidenswerter Mensch, der es sich leisten kann, in zwei Welten zu leben. Klaus Fußmann macht dies. Er kann sich diesen Luxus leisten. In den düsteren Wintermonaten ist er ein Großstadtmensch, in der helleren, der freundlicheren Jahreszeit lebt er auf dem Land nahe der Ostsee.

Das allerdings stimmt nur geografisch und damit oberflächlich. Denn die volle Wahrheit ist, dass Klaus Fußmann seit 61 Jahren, seit er als Zwölfjähriger Zeichenunterricht beim Bauhausschüler Karl Klode erhielt, nur in einer Welt lebt: der der Kunst. Gerade 73 Jahre alt geworden, zählt er zu den bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Malern der Gegenwart. Bevor Fußmann in den nächsten Wochen Berlin verlässt und Sommerquartier in seinem Bauernhaus in Gelting nahe der Flensburger Förde bezieht, haben wir uns zum Spaziergang am Grunewaldsee verabredet.

Wir haben ein richtig schlechtes Wetter erwischt. Es ist kalt, und es regnet. Welch ein Glück, dass unser Treffpunkt das einst königliche Forsthaus Paulsborn ist. Statt draußen am See beginnen wir unser Gespräch bei einer Tasse Tee in dem mit Wildtrophäen dekorierten Gasthaus, einst Teil des benachbarten Jagdschlosses Grunewald und seit 110 Jahren beliebtes Ausflugslokal der Berliner, in das schon Theodor Fontane seine Jenny Treibel einkehren ließ.

Viel Besuch, viele Telefonate

Zwei Welten in einer - wie lebt Klaus Fußmann in ihnen? In der Bauernlandschaft rund um Gelting male er vor allem, erzählt der 73-Jährige. Bevorzugt Landschaften und Blumen, in unterschiedlichen Techniken, mal in Öl, mal als Aquarell, meist in satten Farben. In Berlin dagegen - hier wohnt er mit seiner Frau Barbara im Bayrischen Viertel in Schöneberg - sei er in das städtische Leben eingebunden. Das heißt: viel Besuch, viele Telefonate, Theater, Ausstellungen, Konzerte. Bleibt in der großen Stadt das Schöpferische, das Künstlerische auf der Strecke? Der Künstler lächelt und wiegt den Kopf mit dem vollen grauen Haarschopf. "In meinem Atelier in den Weddinger Gerichtshöfen entwerfe ich jetzt Keramik. Picasso hat das einst in den frühen 50er-Jahren vorgemacht und ist zum prägenden Neugestalter der bemalten Keramik geworden. Er hat alle übertroffen, die es ihm nachmachen wollten. Selbst bei Chagall hat es nicht geklappt. Nun versuche ich es auf meine Art." Vasen, Kannen und Krüge entwirft er, für das Formen hat er mit Helga Schmelzle eine sehr begabte Keramikerin gefunden, dann werden die Rohlinge bemalt und gebrannt. Meist sind es wieder kräftige Farben, häufig durchsetzt mit allegorischen Figuren. "Das macht mir viel Spaß. Aber ich kann auch immer problemlos aussteigen. Wenn ich wieder im Norden in Gelting bin, ist es wie abgelegt. Dann male ich."

Angesichts seiner farbintensiven Blumenaquarelle fühlen sich viele Betrachter an Emil Nolde erinnert und ziehen Vergleiche. Als ich Klaus Fußmann darauf anspreche, hört er das gar nicht gern. "Das sagen alle. Aber das tut mir weh. Denn es stimmt nicht ganz." Zweifellos habe Nolde sehr schöne aquarellierte Blumen gemalt. "Aber wenn man meine dagegen sieht, erkennt man, dass es andere sind, dass eine andere Auffassung dahintersteckt. Nolde hat zum Beispiel nie Rosen gemalt. Meine Blumen zeugen bei aller Schönheit zugleich von Vergänglichkeit. Denn Blumen sind die Boten des Nichts; sie sind Allegorien der Täuschung. Sie sind schnell verwelkt und ein kurzes Vergnügen. Aber sie werden auch dann noch blühen, wenn die Dialoge über die Kunst alle passé sind." Inspiriert zu immer neuen Varianten seiner Blumenmalerei wird er im großen Blumengarten hinter dem strohgedeckten Bauernhaus, den seine Frau hegt und pflegt.

Wie hat es die Fußmanns überhaupt an die dänische Grenze verschlagen? "Es war der Zufall. Eine Freundin hatte uns im Frühjahr eingeladen, da haben wir die Landschaft und das Haus für uns entdeckt. Wir waren sofort begeistert und haben es dann 1979 gekauft. Heute können wir ohne das gar nicht mehr sein. Das Haus liegt ein paar Minuten von der Ostsee entfernt, dazwischen nur ein Wald, nach vorne blicken wir auf ein großes Feld. Das ist für mich sehr wichtig; Wald einerseits, die weite Fläche andererseits." Wie sehr er diese Landschaft lieb gewonnen hat, zeigen besonders markant seine Bilder mit den leuchtend gelben Rapsfeldern, den schwarzgrünen Knicks und roten Katen unter blauem Himmel.

Von der Ostsee zurück nach Berlin. In der Stadt ist Klaus Fußmann nicht nur zum großen Künstler geworden. Hier lehrte er auch 31 Jahre lang von 1974 bis 2005 als Professor an der Universität der Künste (UdK). Ein akademischer Lehrer, aber kein akademischer Maler. Seine Bilder bedürfen zum Verstehen keiner Übersetzung. "Aber das heißt nicht, dass man nur die einfache Oberfläche abpinselt. Realität allein reicht nicht. Es muss schon ein bisschen in die Tiefe gehen. Der Künstler muss etwas transportieren, er muss eine Botschaft über den gerade aktuellen Modetrend hinaus vermitteln."

Was ist seine Botschaft? "Die steckt natürlich in den Bildern; eine gewisse Zurückgewandtheit, auch Resignation, die Suche nach dem Eigentlichen. Aus diesem Tasten entsteht dann eine andere Sensibilität, Misstrauen, sehr viel Vorbehalt. Aber doch nicht soweit, dass Verzweiflung, Chaos, Untergang dominant sind." Schlichter formuliert liegt man nicht ganz falsch, seine heutige Kunstrichtung als eine Spielart des Expressionismus einzuordnen.

Moderne Kunst - da kommen Betrachter heute oft ins Grübeln und fragen sich, was der Künstler ihnen wohl sagen wolle? Grübelt Fußmann manchmal auch? "Ich grübele nicht mehr. Ich erkenne Scharlatanerie sofort ..."

Ein Blick aus dem Fenster zeigt einen aufgehellten Himmel. Also schnell raus zu unserem Spaziergang. Jetzt erst wird mir der Künstler in seiner vollen Größe bewusst. Stattliche zwei Meter misst er. In seiner sandfarbenen Cordhose, den edlen braunen Halbschuhen und der dunkelgrünen Wetterjacke gleicht er eher einem Landadeligen denn einem Künstler, denen ja gemeinhin ein gewisser Hang zur Extrovertiertheit, zum Schrillen nachgesagt wird. Aber wir bleiben bei der Kunst. Die ist bekanntlich nicht gerade die beste Grundlage zum gesicherten Broterwerb. Ab wann hat der Künstler Fußmann von seinen Bildern leben können? "Das war so ab 1970. Dabei hat mir eine kleinere Berliner Galerie, die von Walter Schüler, sehr geholfen. Die hatte acht Bilder von mir aufgehängt. Und gleich zwei von ihnen fanden einen Käufer. Das war mein erster Brückenkopf", erinnert er sich.

600 Mark bekam er für seine ersten Bilder. Die waren noch ziemlich düster, zeigten ruinöse Straßenzüge, verwahrloste Wohnungen oder eine Müllkippe ausgerechnet am Wannsee - alle vom Hauch des Existenzialismus durchzogen. "Wir sind doch damals alle nach West-Berlin gekommen, weil uns die allein auf den wirtschaftlichen Wiederaufbau fixierte Bundesrepublik zu eng und zu piefig geworden war. Hier wurde damals spekuliert, ausprobiert, was in der Kunst, im Theater, in der Philosophie alles möglich war. Nächtelang haben wir diskutiert und getrunken. Das war eine Insel der Seligen."

Und wie war das dann, als Klaus Fußmann 1974 mit 36 Jahren Professor wurde und die studentische Rebellion noch längst nicht gebändigt war? "Ja, da waren alle Strukturen, war alles Ästhetische zusammengebrochen. Das war aber schon damals nicht mein Verständnis von Kunst und Malerei. Ich habe dann die Studenten, die eine gewisse Begabung und zugleich Interesse zeigten, besser behandelt und gefördert. Das fanden die anderen nicht fair und verflüchtigten sich relativ schnell. So war das Problem für mich gelöst."

Tour durch Deutschland

Bleibt noch die Frage, wie tief man denn heute in die Tasche greifen muss, um einen Fußmann zu erwerben? "Ein Aquarell gibt es ab etwa 4000 Euro, ein Bild so ab 12 000 Euro."

Mit zwei großen Werken hat er sich besonders bekannt gemacht. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl schickte Klaus Fußmann im Jahr 1996 auf die Reise durch alle 16 Bundesländer mit der Vorgabe, das wiedervereinigte Deutschland künstlerisch darzustellen. So entstanden aquarellierte, gezeichnete und gemalte Landschaften aus allen Bundesländern. Die Bilder dokumentieren die Vielfalt Deutschlands und zugleich die Variationsbreite des Künstlers mit seinen unterschiedlichen Techniken und Farbakzenten. Diese "Galerie Deutschland" wurde im Oktober 1996 im damaligen Bonner Kanzleramt ausgestellt - das erste Mal, dass einem lebenden Künstler diese Ehre zuteil wurde. Leider ist die Sammlung - übrigens keineswegs eine Anreihung "blühender Landschaften" - in ihrer Gesamtheit nicht mehr vorhanden. Die Bilder sind an Private verkauft worden.

Von ganz anderem Kaliber sind die beiden Großgemälde in Öl, die in der Ullsteinhalle im Axel-Springer-Haus hängen: Ein Blick über die Dächer von Berlins Mitte (sechs mal vier Meter) und ein Landschaftsmotiv aus der Uckermark (vier mal vier Meter) mit einem satten gelben Rapsfeld im Zentrum, wie es der Maler so schätzt. Die beiden gegenüber in eine Holzwand montierten Bilder symbolisieren die Verbundenheit zwischen Berlin und Brandenburg, zwischen Stadt und Land, die ja auch für Fußmann selbst so bedeutsam ist. Ist Malerei eigentlich anstrengend? "Ja. Alles was man professionell macht, ist anstrengend."

Ein paar Hunde im Auslaufgebiet beschnuppern uns friedlich, während wir unseren Spaziergang um den See fortsetzen. Ich vernehme staunend, dass der emeritierte Professor noch immer zu Pinsel, Farbkasten und Malpapier greift. Auch draußen in der Natur, selbst bei so regnerischem Wetter wie heute. "Man muss dann eben nur ein Stück Papier anzünden, die Flamme an der frischen Farbe entlang schaukeln, dadurch verdunstet das Wasser in der Farbe, und das Aquarell trocknet." So einfach ist das also. Die Motivsuche auch? "Ich erkenne ein Motiv sofort. Und dann zögere ich nicht. Draußen zu malen ist ursprünglicher, hat mehr Flair", sagt der Künstler.

Seine Frau bringt viel Verständnis und Geduld auf, wenn der Ehemann aus einem Spaziergang mal wieder eine malerische Spontansitzung macht.

Die große Nachsicht mag damit zusammenhängen, dass Fußmanns Frau, eine Amerikanerin aus Los Angeles, einst selbst Künstlerin war; eine erfolgreiche Sopranistin, so lange die Stimme mitmachte. Seit 38 Jahren sind die beiden verheiratet. Das Geheimnis ihrer für Künstler nicht gerade üblichen langen Ehe? "Unsere Ehe ist nicht allein in Freundlichkeit erstarrt. Wenn einer von uns glaubt, dass der andere Unsinn redet, dann sagen wir uns das auch. Das hat den Vorteil, dass wir nicht den ganzen Tag mit einem bestimmten Ärger herumlaufen."

Sammlung mit 1200 Werken

Klaus Fußmann, seit Jahrzehnten mit Preisen und Ausstellungen überhäuft, vereint viele Fähigkeiten. Er ist nicht nur ein Meister-Maler, auch ein Schreib-Künstler. Bücher von ihm wie "Wahn der Malerei" oder "Die Schuld der Moderne" zählen zu Standardwerken der Kunstgeschichte. Und Meister-Sammler sind er und seine Frau Barbara auch noch. Etwa 1200 Bilder, Keramiken und indische Miniaturen bilden den Schwerpunkt ihrer Sammlung. "Einiges ist wertvoll, nicht alles ganz so viel wert wie die zehn Prozent Spitzenstücke. Aber ich glaube doch, es ist insgesamt eine beachtliche Sammlung. Wir sind gerade dabei, sie in eine Stiftung einzubringen."

Klaus Fußmann - ein Mann mit dem Blick für das Gute und Schöne. Und einer, der an der Neige seines so kunstvollen Lebens auch noch den Sinn für das Gemeinwohl für sich entdeckt.