Atomkrise

"Wir müssen dem Volk die Wahrheit sagen"

Der ehemalige Hamburger Umweltsenator Fritz Vahrenholt (SPD) arbeitet seit Jahren als Manager im Bereich erneuerbarer Energien. Er plädiert angesichts der Ausstiegseuphorie in Sachen Atomkraft für eine realistischere Sicht auf die Möglichkeiten Deutschlands, in Zukunft klimafreundlichen Strom zu erzeugen. Mit dem Chef von Innogy, einem Tochterunternehmen des RWE-Konzerns für Erneuerbare-Energie-Projekte, sprach Andrea Seibel.

Berliner Morgenpost: Seit dem Moratorium sind sieben Atomkraftwerke ausgestellt worden - und nichts ist passiert. Kein Blackout, keine Engpässe. Es geht doch.

Fritz Vahrenholt: Vorsicht! Seit der Abschaltung der sieben Kernkraftwerke durch das Moratorium der Bundesregierung hat sich das ohnehin chronische Erzeugungsdefizit im Süden verschärft. Verhindert wird ein Blackout zurzeit dadurch, dass seit dem 17. März Tag für Tag ein starker Import aus Frankreich mit bis zu 3000 Megawatt und Tschechien mit bis zu 2000 Megawatt stattfindet. Die Leitungen von dort sind nunmehr bis zum Anschlag voll ausgelastet.

Berliner Morgenpost: Können Sie belegen, dass die Deutschen schon jetzt Atomstrom aus Nachbarländern beziehen?

Fritz Vahrenholt: Das kann jeder, auch die Bundesregierung und die bayerische Staatsregierung, beim europäischen Übertragungsnetzbetreiber Entso-E im Internet nachlesen. Diese Zusammenhänge würde ich gerne mal mit Herrn Seehofer erörtern. Der CSU kann der Ausstieg ja nicht schnell genug passieren. Dabei steht die Engpasssituation vor der Tür. Im Mai werden weitere 8000 Megawatt Kohle und Kernkraft wegen sicherheitsbedingter Revisionen und Reparaturen vom Netz genommen werden müssen.

Berliner Morgenpost: Sie warnen also vor einem schnellen Atomausstieg, wie er jetzt angestrebt wird?

Fritz Vahrenholt: Ich setze mich ja seit Jahr und Tag für den Windausbau, insbesondere offshore, ein. Es nutzt nur nichts, wenn wir - auch RWE - Zigtausende Megawatt Wind im Norden bauen und der Strom im Süden nicht ankommt. Wir brauchen 3400 Kilometer Leitungen, um die Ausbauziele des bestehenden Energiekonzeptes zu erfüllen. Die sehe ich nicht bis 2020. Jetzt will die Regierung den Ausbau der Erneuerbaren auch noch beschleunigen. Ich kenne keine große Leitung unter zwölf Jahren Planungs- und Bauzeit. Die Leitungen Schwerin-Hamburg oder von Weimar nach Nordbayern über den Thüringer Wald kommen seit 20 Jahren nicht voran. Übrigens gibt es nicht eine Leitung, für die sich die Grünen in Deutschland starkgemacht hätten. Ihnen fliegen die Wählerherzen jetzt zu, sie waren aber die Drahtzieher des Protestes an allen Stromtrassen Deutschlands. Aber selbst wenn wir die Leitungen hätten, müssten wir Vorsorge leisten für die Zeit des Jahres, in der der Wind nicht bläst und die Sonne nicht scheint. Das sind beim Wind drei Viertel des Jahres, bei der Sonne 90 Prozent des Jahres, für die Speicher gebaut werden müssten. Wir wissen, wovon wir reden: RWE plant gemeinsam mit Partnern, im Südschwarzwald ein Pumpspeicherwerk mit 1400 Megawatt Leistung zu bauen. Bau- und Planungszeit liegen nicht unter zehn Jahren.

Berliner Morgenpost: Malen Sie nicht zu schwarz?

Fritz Vahrenholt: Wenn wir in den nächsten Jahren keine Leitungen und Speicher gebaut haben, werden wir nach Abschalten aller Kernkraftwerke im Süden Deutschlands eine solch extreme Unterversorgung bekommen, dass zur Vermeidung eines Blackouts Industriebetriebe und vielleicht sogar ganze Städte abgeschaltet werden müssen. Wenn es zu einem Blackout kommt, wird es uns auch nichts helfen, wenn am nächsten Mittag wieder die Sonne scheint, denn die Fotovoltaikdächer sind nicht schwarzstartfähig, das heißt, mit ihnen kann die Stromversorgung nach einem Blackout nicht hochgefahren werden. Die strukturellen Engpässe im Netz können zu einer Aufspaltung Deutschlands in eine Niedrigpreiszone im Norden und eine Hochpreiszone im Süden führen. Die Bundesnetzagentur lässt das schon untersuchen. Hessen importiert nach dem Abschalten von Biblis A und B zwei Drittel seines Strombedarfs. Nach der Stilllegung aller Kernkraftwerke wird das in Bayern und Baden-Württemberg nicht anders sein.

Berliner Morgenpost: Heute beginnt die Ethikkommission der Bundesregierung ihre Arbeit. Nur ein Konzernchef, der BASF-Chef Jürgen Hambrecht, ist dabei. Erwarten Sie eine sachliche und rationale Debatte?

Fritz Vahrenholt: Ich gehe davon aus. Allerdings frage ich mich: Wer bringt die energiewirtschaftlichen Risiken eines Ausstiegs und dessen Folgen für den Verbraucher zur Sprache? Energiewissenschaftler werden ja nicht gefragt. Es ist die Zeit der Politologen, Bischöfe und ehemaligen Politiker.

Berliner Morgenpost: Erwarten Sie neue Erkenntnisse durch die Stresstests?

Fritz Vahrenholt: Wir unterstützen die Sicherheitsüberprüfung der Kernkraftwerke. Es ist notwendig und folgerichtig, den schweren Reaktorunfall in Japan genau zu analysieren und etwaige Erkenntnisse, die sich hieraus ergeben, zur weiteren Verbesserung der hohen deutschen Sicherheitsreserven zu nutzen. Es wird ja wesentlich um den Flugzeugabsturz gehen. Die zivile Luftfahrt ist kein wirkliches Problem, wegen des Überflugverbots. Der Terrorgefahr nach dem 11. September in Biblis zum Beispiel ist man durch die automatische Vernebelung des gesamten Kraftwerksareals begegnet. Das ist im europäischen Ausland noch nicht überall umgesetzt.

Berliner Morgenpost: Sind die Energiekonzerne frustriert und werden auf die Investitionsbremse treten?

Fritz Vahrenholt: RWE hat seit 2008 das größte Investitionsprogramm eines deutschen Unternehmens in europäische erneuerbare Energien gestartet. Jedes Jahr investieren wir mehr als eine Milliarde und verschieben damit den Strommix des Konzerns um jeweils ein knappes Prozent in Richtung Erneuerbare. Das hierfür notwendige Kapital kommt aus unseren Kohle- und Kernkraftwerken. Für die nächsten Jahre hat der Konzern unter anderem wegen der Kernbrennstoffsteuer die Investitionen für alle Bereiche kürzen müssen. Einzige Ausnahmen sind Investitionen in Erneuerbare bei RWE Innogy und Gasexploration bei RWE DEA.

Berliner Morgenpost: Energie ist vielen so etwas wie ein öffentliches Gut. Waren die Konzerne zu taktisch und ignorant gegenüber den Ängsten der Bevölkerung vor Atomenergie? Was hat RWE falsch gemacht?

Fritz Vahrenholt: Ich kenne ja RWE aus der Zeit vor 2008, als ich noch Chef des Windkraftunternehmens REpower war. Da war RWE nicht gerade ein Fackelträger der Erneuerbaren. Im Gegenteil: Der Konzern hatte festgelegt, dass man in subventionierte Bereiche nicht investieren wolle. Erst Großmann hat das Ruder herumgerissen und RWE auf nachhaltigen Kurs gebracht. Aber dann darf man ihm nicht die Schiffsschrauben abstellen.

Berliner Morgenpost: Warum brauchen wir überhaupt große Stromkonzerne, denen immer der Ruch des Monopolisten anhaftet?

Fritz Vahrenholt: Energieversorgung ist im Wettbewerb europäischer und geopolitischer Interessen durchzusetzen. Wer mit Gazprom tanzen will, braucht dicke Schuhe. Oder glauben Sie, ein lebensnotwendiges Projekt wie die Nabucco-Pipeline von Deutschland nach Aserbaidschan und Turkmenistan könnte von den Stadtwerken Buxtehude oder Lichtblick geschultert werden?

Berliner Morgenpost: Was haben die Verbraucher in Deutschland noch zu erwarten?

Fritz Vahrenholt: Herr Özdemir und Frau Roth haben erklärt, dass die Preise nicht steigen werden, wenn Kernkraftwerke abgestellt und durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Noch ist Windstrom doppelt so teuer wie der Börsenpreis und Fotovoltaik 500 Prozent teurer. Die Speicherkosten und die Kosten für den Netzausbau mal außen vorgelassen. Aber der aktuelle Preisanstieg von 10 bis 20 Prozent ist marktgetrieben. Wenn das Angebot verknappt wird, steigen die Preise, auch wenn manche Politiker das nicht wahrhaben wollen.