Berliner Spaziergang

Keine Verspätung bis Vietnam

Peter Buchner hält die Hand über die Augen und starrt in die Ferne. Hier ist nichts, rundherum nur ödes, flaches Land. Sabaikalsk heißt der Ort, an dem er warten muss, eine kleine Stadt in Russland, an der Grenze zu China.

Zuerst wurde der Bahnhof für die Transsibirische Eisenbahn gebaut, dann Sabaikalsk. Es ist so entsetzlich einsam, dass auch die 14 Freunde, mit denen er sich auf diese Zugreise von Berlin nach Hanoi aufgemacht hat, ganz still werden. 8000 Kilometer liegen hinter, noch 3000 Kilometer liegen vor ihnen. Peter Buchner muss 24 Stunden warten, bis der Zug auf die chinesischen Drehgestelle umgesetzt ist. Aber er ist gern still und schaut auf eine weite Landschaft.

Peter Buchner, der Chef der Berliner S-Bahn, erzählt von dieser sehr weiten Zugreise, die vier Jahre her ist, als er auf der Berliner Pfaueninsel steht, einem Ort, der sich an diesem Tag ein bisschen wie Sabaikalsk anfühlt. Einsam und weit weg. Und es wird auch klar, er ist kein geübter Geschichtenerzähler. Die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn, für viele das spannendste Abenteuer überhaupt, sei für ihn "ganz schön langweilig" gewesen. "Aus dem Fenster immer nur Birken." Aber er betont, wie sehr er es mag, stumm aus dem Fenster zu schauen. Das Beste aber an der Reise sei gewesen: dass kein einziger Zug bis nach Vietnam Verspätung gehabt habe. Höchstens ein, zwei Minuten.

Schon als wir uns an der Bushaltestelle "Wannsee" begegnen, gleich gegenüber dem S-Bahnhof, spricht er von "Punkt 9.48 Uhr". Das ist die Zeit, zu der wir Richtung Pfaueninsel abfahren werden. Er ist schon 20 Minuten früher gekommen. Er ist sehr gern hier draußen, sagt er. Er könne dann gut nachdenken. Gerade beim Wandern. Wenn er drei Stunden lang, ohne ein Wort zu sagen, einfach durch den Wald läuft, wenn er einen Fuß vor den anderen setzt, dann wird er innerlich ganz ruhig. Das braucht er immer wieder für sich. Aus diesem Grund hat er sich diese Gegend fernab jeder S-Bahn-Schiene ausgesucht. Wir hätten aber auch mit der Ringbahn fahren können, denn wenn die Bahnen gerade nicht bestreikt werden, fahren sie ganz pünktlich.

Wie anders war das noch vor wenigen Wochen oder in den Monaten nach jenem 1. Mai 2009, als in Kaulsdorf bei einem Zug ein Rad brach. Danach war für das Unternehmen nichts wie vorher. Zwar wurde durch den entgleisten Zug niemand verletzt, aber es kam heraus, dass Vereinbarungen gegenüber dem Eisenbahn-Bundesamt nicht eingehalten wurden. Das Amt legte einen Großteil der Flotte still. Flotte, so heißt das nicht nur bei Schiffen. Die neue Geschäftsführung musste einschneidende Entscheidungen treffen: Drei Wochen später fuhr zwischen Bahnhof Zoo und Alexanderplatz nichts mehr. Touristen starrten verwirrt auf die S-Bahn-Schilder, Berliner machten um die Wette Witze über die S-Bahn, und die Geschäftsführer mussten gehen. Peter Buchner, der als "Regionalleiter Nordost" bisher eher die Strecken zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern im Blick hatte und gerade auf Dienstreise in Dresden war, bekam einen Anruf.

"Lassen Sie sich nicht unterkriegen!"

Von diesem Anruf, der ihn zum S-Bahn-Chef machte, erzählt er, als wir in den Bus 218 einsteigen. Es ist ein historischer Bus, über dessen Tür die Einsteigenden eingeteilt werden in die zwei Gruppen "Sichtkarten" und "Barzahler". Buchner gehört zu keiner der Gruppen, er zeigt seinen S-Bahn-Ausweis vor, geht aber nicht davon aus, dass er als S-Bahn-Chef erkannt wird. "Das passiert sehr selten", sagt er. Und selbst wenn, hört er selten Kritik, sondern eher: "Lassen Sie sich nicht unterkriegen!" Das bezog sich vielleicht auf den Titel "zweitpeinlichster Berliner". Den hatte das Stadtmagazin "Tip" ihm verliehen, hinter Harald Ehlert, dem Chef der Treberhilfe, und vor Thilo Sarrazin. Den Text habe er ganz gut ignoriert. Es gab schließlich auch gute Nachrichten: Kurz davor hatte er den Schienenverkehrs-Preis des Bahnkunden-Verbands erhalten, für seinen offenen Umgang mit Kritikern am Fahrgast-Sprechtag.

Wir setzen uns auf braunes Kunstleder und reden über die Zeit vor 60 Jahren, in der Busse wie dieser historische noch fuhren. Damals, sagen jetzt viele, sei die Ringbahn noch im Zweiminutentakt gefahren, auch im Winter. "Ich bin kein Anhänger dieser Zeit", sagt er. "Denn die Leute vergessen schnell, dass man damals auch viel länger nach Hannover oder Frankfurt gebraucht hat."

Obwohl er jetzt für die Berliner S-Bahn zuständig ist, hat er noch immer das große Ganze im Blick. Hannover, Sabaikalsk, Peking. Und in Hanoi gibt es gar keine S-Bahn, zum Beispiel.

Am Ufer gegenüber der Pfaueninsel steigt Peter Buchner aus. Für den Spaziergang hatte er eigentlich den Nikolskoer Weg vorgesehen, doch als die Pfaueninsel-Fähre auf uns zukommt, ist uns die Entscheidung abgenommen. Die Fährmänner denken, wer am Ufer steht, der will auf die andere Seite. Zusammen mit Fotograf Martin Lengemann sind wir zu dritt. Der Fährmann sagt: "Eigentlich müssen Sie neun Euro zahlen, aber mit Familienkarte sparen Sie einen Euro." Aber wir sind keine Familie. Fährmann: "Das entscheiden immer noch wir. Acht Euro bitte." Wir verlassen das Berliner Festland, und Buchner steht für eine kurze Zeit an der Reling und schaut aufs Wasser. Er sieht für einen Moment aus wie 34 und nicht wie 44 Jahre alt.

Wir reden über den langen Winter und den Schnee und landen wieder bei der S-Bahn. Da wird er plötzlich lauter: "Nicht der Schnee, sondern der Flugschnee ist das Problem", sagt Peter Buchner, der vor 18 Monaten noch wenig über verschiedene Schneesorten wusste. Flugschnee werde durch den Fahrtwind aufgewirbelt und durch die Belüftungszufuhr in die S-Bahn-Aggregate hineingezogen. "Genau dieser Schnee hat das Chaos verursacht." Dabei war noch wenige Tage zuvor alles wirklich gut vorbereitet gewesen. Sein Team und er hatten eine "große Liste" abgearbeitet, sie legten sich 90 Fahrmotoren auf Lager. "Dann fiel Anfang Dezember der erste Schnee, und 69 Weichen ließen sich nicht mehr stellen." Er wirkt fast persönlich beleidigt. Vom Flugschnee und vom Winter.

Wir machen vor einem seltsamen Naturprodukt halt. Ein Baum im Baum. Es ist eine über 300 Jahre alte Linde, die schon hier stand, als noch Königin Luise ihre Sommerfeste veranstaltete. In dem toten Stamm des Baumes pflanzten vor rund 20 Jahren Menschen mit Humor und Weitblick einen neuen Baum. Ausgerechnet eine sogenannte Winter-Linde. Für Botaniker ist dieser Doppelbaum eine kleine Sensation, für den S-Bahn-Chef immerhin ein Grund, versonnen nach oben zu schauen. In jedem Fall spannender als die Birken an der Transsibirischen Eisenbahn. Er sagt nur: "Schön."

Dann reden wir über seine Freizeit, und eigentlich reden wir doch immer von Fahrzeugen auf Schienen. Als er vom Bergsteigen und Skifahren erzählt, muss er an seinen Urlaub im österreichischen Serfaus denken, dort steht die kleinste Stadt der Welt mit U-Bahn. "Die ist auch bei Schnee immer ganz pünktlich." Sieben Minuten für vier Stationen: Parkplatz, Kirche, Raika und Seilbahn. Rund 800 000 Fahrgäste im Jahr. Die S-Bahn hat rund 400 Millionen Passagiere. Als wir dann von Filmen reden, fällt ihm sein Lieblingsfilm ein, der ausgerechnet "Zugvögel" heißt. Er handelt von einer Liebe, die in einem Zugabteil beginnt, zwischen einem Deutschen und einer Finnin, die beide gern in Kursbüchern blättern, jene Nachschlagewerke, in denen auf hauchdünnen Seiten die Abfahrtszeiten für jeden Zug verzeichnet sind. Jetzt gibt es sie nicht mehr. Buchner findet das schade.

Vertrauen und Zuverlässigkeit, sagt er, sei das wichtigste Gut eines Verkehrsunternehmens. Deswegen hatte die S-Bahn zuerst einen "Not-Not-Fahrplan" und anschließend einen "Schleich-Fahrplan" entwickelt, bei dem im Januar und Februar alle Züge nur 60 Kilometer pro Stunde fahren durften. Doch zurück zum Film "Zugvögel". Er teilt mit dem Film eine Geschichte: Auch Buchner hat sich im Zug verliebt.

Das war, als er als Steward in Interregio-Bistros gearbeitet hat. Eines Tages tritt eine junge Architekturstudentin an die Theke und sagt, sie schreibe ihre Diplomarbeit über Speisewagenküchen. Ob sie wohl hinter die Theke und einmal abmessen ...? Er lädt sie auf einen Kaffee ein, und sie reden, über Bistroküchen, Zugfahren und das Leben außerhalb der Schiene. Es ist eine Zeit, als er viele Mitarbeiter bei der Bahn kennt - was ihm hilft. Er könne ihr Kontakte zu einer Firma in Weiden vermitteln, sagt er, die mehr zu Speisewagenküchen weiß. Er würde sie auch begleiten, wenn sie nichts dagegen...? Auch Monate später saßen sie oft im Zug. Sie wohnte in Rosenheim, er in München. Heute ist er mit ihr verheiratet, hat einen fünfjährigen Sohn.

Als Buchner in Richtung Norden weiterläuft, taucht in der Ferne das weiße Schloss auf, das Markenzeichen der Insel, ein Gebäude, das als Edel-Ruine konzipiert war. Wir schauen auf die Brücke zwischen den beiden Türmen und warten auf eine Frau im weißen Kleid, die dort eigentlich entlangschweben müsste. Aber sie kommt nicht. Stattdessen taucht hinter einem Busch plötzlich ein Pfau auf, kurz darauf noch ein zweiter. Sie stehen beide da wie frisch geputzte Vogel-Statuen, bewegen sich auch nicht, als wir näher kommen. Buchner ist aber kein Ornithologe, und wir sind alle keine Federndiebe, so schön eine bunte Schwanzfeder auch ist.

Der Zug - wichtiger als das Diplom

Viel eher macht es Buchner offenbar Spaß, hier zwischen Feenschloss und Vogelgeistern von Achsenradscheiben und Drehkraftsedimentabscheidern zu sprechen. Das sind Themen, die ihn aktuell umtreiben. Denn die S-Bahn-Wagen müssen mit neuen Rädern ausgestattet werden, die an der entscheidenden Stelle dicker sind. Es geht jetzt um rund 500 Viertelzüge, jeder hat acht Achsen, also 16 Räder. "Das sind insgesamt rund 8000 Räder, die ausgetauscht werden müssen", sagt Buchner. Deshalb will er langsam auch zurück auf die andere Seite des Ufers. Laut seinem Plan geht ein Bus um genau 11.28 Uhr. Er will sich im Betriebsbahnhof Wannsee noch einen Überblick verschaffen.

Auf dem Rückweg frage ich ihn nach seiner Zeit als Nachtschaffner, da war er Anfang 20. Meine Vorstellung vom Alltag eines Nachtschaffners ist ähnlich wie die von einer Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn: Abenteuer. Verrückte Passagiere. Vielleicht ein Mord. Andreas Baader zum Beispiel war auch Nachtschaffner, und der Autor Steffen Kopetzky hat in seinem Buch "Grand Tour" derart verrückte Schaffnergeschichten zusammengetragen, dass man das Gefühl hat, es sei der spannendste Beruf der Welt. Aber Peter Buchner überlegt, setzt einen Fuß vor den anderen, schaut aufs Wasser, als suche er dort nach Anekdoten.

Dann aber fällt ihm ein, dass er beinahe seine gesamte Zukunft aufs Spiel gesetzt hätte für eine Zugfahrt. Nicht ganz so weit wie Sabaikalsk oder Hanoi, aber weit genug weg von Berlin. Als er die Geschichte zu Ende erzählt hat, wird klar: Wenn im Sommer der Berliner Senat entscheidet, den Vertrag mit der Deutschen Bahn im Jahre 2017 nicht zu verlängern, wird das jemand sehr persönlich nehmen.

"Am Tag meiner Vordiplomprüfung hatte ich ein Problem: Entweder schreibe ich von 15 bis 17 Uhr wie alle anderen meine Prüfung, oder ich nehme um 16.30 Uhr den Zug nach Lecce in Süditalien." Es wäre die letzte Gelegenheit, denn die Strecke, die direkt von München bis in den Absatz des Italien-Stiefels führt, soll nach dieser Fahrt eingestellt werden. Er sagt: "Am Nachmittag um 16 Uhr gab ich ein fast leeres Prüfungsblatt ab und nahm den Zug."

An den Streit mit seinen Eltern danach erinnert er sich kaum. Er musste immerhin ein Semester wiederholen. Aber er weiß noch genau, wie weit der Blick aus dem Fenster war. Die Adria, bei Sonnenaufgang, zwischen Rimini und Brindisi.