Becker-Prozess

Das eiserne Schweigen der Täter

Schweigen kann man auf viele verschiedene Arten. Das erleben derzeit Beobachter des Prozesses gegen die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker vor dem Oberlandesgericht Stuttgart. Denn dort ist seit einigen Wochen fast die gesamte ehemalige Führungsriege der sogenannten "zweiten Generation" der Terrororganisation als Zeuge im Mord an dem ehemaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback am 7. April 1977 geladen.

Doch die, die den Namen der Mörder nennen könnten, schweigen beharrlich, wenngleich auf unterschiedliche Weise: Der Ex-Jurist und Ex-Terrorist Siegfried Haag, der am Donnerstag vor Gericht auftrat, versah sein Schweigen mit dem - juristisch korrekten - Hinweis, er wolle nichts sagen, weil er sich sonst selbst belasten könnte. Haag war damals zunächst einer der Wahlverteidiger von Andreas Baader gewesen, bevor er 1975 selbst in die Illegalität abtauchte. Bei seiner Verhaftung im November 1976 fand die Polizei bei ihm Unterlagen, die unter anderem Pläne für die Anschläge auf Siegfried Buback, Jürgen Ponto und Hanns Martin Schleyer enthielten. Da diese aber verschlüsselt waren, konnten die Ermittler die Anschläge dennoch nicht verhindern. So war der Anschlag auf Buback unter dem Stichwort "Margarine" vermerkt, eine Anspielung auf eine bekannte Margarinemarke und zugleich die Initialen von Buback. Haag wurde 1979 wegen Beihilfe zum Mord und anderer Delikte zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. 1987 wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen. Auch sein einstiger Kumpan Roland Meyer, mit dem er 1976 verhaftet worden war, verweigerte am Donnerstag die Aussage.

Das hatten zuvor schon andere gemacht. Ex-Terroristen wie Günter Sonnenberg, der nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft beim Mord an Buback das Tatmotorrad gefahren haben soll, und Stefan Wisniewski, gegen den derzeit wegen einer Beteiligung am Buback-Mord ermittelt wird. Während Sonnenberg mit wenigen Sätzen versuchte, sich zum Märtyrer zu stilisieren, ließ sich Wisniewski in seinem Schweigen von einer Gruppe junger Sympathisanten feiern.

Die Rädelsführerin vor Gericht

Vergangene Woche schwieg Brigitte Mohnhaupt, die einstige Rädelsführerin der "zweiten Generation", vor Gericht. Nicht ohne dem Richter mitzuteilen, dass ein Gerichtssaal für sie "nicht der richtige Ort" sei, um über ihre Täterschaft zu sprechen. Michael Buback, Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts, der den Prozess als Nebenkläger begleitet, wird diese Einschätzung nicht teilen.

Was der richtige Ort für sie sei, ließ Mohnhaupt, die sich unter einer Perücke versteckte, offen. Gerüchten zufolge hat sie zwischenzeitlich darüber nachgedacht, eine Autobiografie zu verfassen. In den Monaten vor Beginn des Becker-Prozesses soll Mohnhaupt andere ehemalige RAF-Mitglieder darauf eingeschworen haben, vor Gericht nichts zu sagen. Auch Haag berichtete vor Gericht, dass sich vor seiner Vernehmung die ehemaligen Terroristen Rolf Heißler und Sieglinde Hofmann bei ihm gemeldet hätten und ihm geraten hätten, bei der Verhandlung "ruhig Blut" zu bewahren. Beide waren ebenfalls als Zeugen geladen gewesen und hatten, wenig überraschend, nichts gesagt. Eisern geschwiegen hat vor Gericht auch Irmgard Möller, die als Einzige den kollektiven Selbstmord der Stammheim-Gruppe um Andreas Baader überlebt hat.

Bis Mitte April wird die bislang unergiebige Befragung ehemaliger RAF-Terroristen im Verfahren Becker noch dauern. Danach sollen noch einmal frühere Aussagen der Terroristen vorgetragen werden. Auch Polizeibeamte, die am Tattag in Karlsruhe im Einsatz waren, werden noch einmal gehört. Immer fraglicher wird, ob es dem Gericht am Ende gelingt, die Täterschaft von damals aufzuklären. Denn auch die Angeklagte Verena Becker schweigt beharrlich. Es klingt resigniert, wenn Michael Buback in dem Blog, den er über den Prozess verfasst, schreibt: "Es gibt keine Gnade für die Angehörigen, die entweder resignieren und aufgeben oder die Tortur eines sehr belastenden Prozesses noch über Monate, vielleicht Jahre ertragen müssen."