Spitzentreffen

Widerstand gegen die Frauenquote

Die deutsche Wirtschaft stemmt sich mit Macht gegen die von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) angestrebte Quote für Frauen in Toppositionen. Bei einem Spitzentreffen der 30 Dax-Konzerne mit der Bundesregierung verpflichteten sich die teilnehmenden Manager zwar dazu, noch in diesem Jahr jeweils für ihr Unternehmen spezifische Ziele zur Erhöhung des Frauenanteils in Führungspositionen öffentlich zu benennen.

Auch werde jeder Konzern seine "unternehmensspezifische Zeitleiste definieren", heißt es in der gemeinsamen Erklärung der Dax-Vorstände. Konkreten Vorgaben des Gesetzgebers erteilten sie aber eine Absage.

Selbst der von Familienministerin Kristina Schröder als Kompromiss vorgeschlagene Stufenplan stieß auf Widerstand. Schröder hatte in den vergangenen Wochen wiederholt klargemacht, dass sie von einer starren Quote nichts hält. Die Ministerin will stattdessen die Unternehmen verpflichten, sich ab 2013 selbst eine verbindliche Quote zu setzen, die bei Nichteinhaltung mit Sanktionen bestraft wird. "Flexi-Quote" heißt das Konzept. Diese Regelung soll allerdings nur greifen, wenn es der Wirtschaft nicht gelingt, bis 2013 den Frauenanteil in Toppositionen zu verdreifachen. Ein entsprechendes Gesetz will Schröder noch in diesem Jahr vorlegen.

Der Personalvorstand von BMW, Harald Krüger, sprach nach dem Gespräch in Berlin von einem "konstruktiven Dialog, aber den Stufenplan haben wir nicht bestätigt". Der BMW-Manager sagte, weltweit liege der Anteil weiblicher Führungskräfte bei dem Autobauer bei zehn Prozent. Ziel sei es, diesen Anteil zu verdoppeln.

Siemens-Personalvorstand Brigitte Ederer sagte: "Jede Form von Quote lehnen wir ab." Sie verwies darauf, dass ein Industriekonzern wie Siemens überwiegend Führungskräfte mit technischer Qualifikation habe. "Solange der Anteil der Frauen bei diesen Ausbildungsgängen so gering ist, ist es schwierig, ausreichend Kandidaten für Vorstandsposten zu bekommen." Die individuelle Situation jedes Unternehmens müsse bei der politischen Forderung nach mehr Frauen in Toppositionen berücksichtigt werden.

Ins gleiche Horn stieß auch die Hauptgeschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Gabriele Sons. Allen Bemühungen von Politik und Wirtschaft zum Trotz liege der Frauenanteil in der Metall- und Elektrobranche nur bei rund 20 Prozent, "und dies, obwohl Verbände und Unternehmen seit Jahren intensiv um Frauen werben". Das Berufswahlverfahren der Frauen müsse sich verändern, forderte Sons. In der Rangliste der Ausbildungsberufe 2010 liege bei jungen Frauen die Industriemechanikerin auf Platz 52, bei jungen Männern dagegen auf Platz drei. Bei den Studienfächern zeige sich ein ähnliches Bild: Zwar stellten Frauen die Hälfte aller Studienanfänger, der Anteil bei Maschinenbau liege jedoch bei nur 18 Prozent, bei Elektrotechnik sogar nur bei elf Prozent, beklagte die Verbandschefin.

Arbeitsministerin von der Leyen sprach nach dem eineinhalbstündigen Gespräch von einer "Veranstaltung mit Licht und Schatten". Zwar sei man sich mit der Wirtschaft einig in dem Ziel, dass es in Zukunft mehr weibliche Vorstände und Aufsichtsräte geben solle. Ihr sei die Selbstverpflichtung jedoch nicht konkret genug. "Mir fehlen konkrete Zahlen, Ziele und Konzepte", bemängelte die CDU-Ministerin. Derzeit sind rund drei Prozent der Vorstände und zehn Prozent der Aufsichtsräte in den 200 größten Aktiengesellschaften Frauen. Von der Leyen strebt eine Quote von 30 Prozent bis 2020 an.

Allerdings ist die Bundesregierung bei der Frauenquote tief zerstritten. Dies wurde auch bei dem Spitzentreffen erneut deutlich. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) machte keinen Hehl daraus, dass er weiterhin gesetzliche Regelungen für überflüssig hält. Er sei optimistisch, dass die Wirtschaft angesichts des Fachkräftemangels und der demografischen Entwicklung im eigenen Interesse Frauen künftig verstärkt an die Spitze bringe, sagte Brüderle nach dem Treffen. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) verwies darauf, dass in der Wirtschaft bereits ein Kulturwandel "voll im Gang" sei. Einheitliche Zielvorgaben über alle Unternehmen und Branchen hinweg seien nicht der richtige Weg.

Damit ist die FDP nahe bei der Position des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). BDI-Chef Hans-Peter Keitel warnte: "Der Gesetzgeber sollte die Unternehmensführung und die Personalpolitik in der Wirtschaft nicht überregulieren." Die Wirtschaft sehe sich konfrontiert mit Forderungen, die sich realistischerweise kaum erfüllen ließen, zumindest nicht in der kurzen Frist, wie die Politik es sich vorstelle. Die Vorstellungen der Politik dürften für Unternehmen aus Branchen mit hohem technischen Fertigungsanteil wie etwa der chemischen Industrie oder dem Maschinenbau "kurzfristig kaum oder gar nicht erreichbar sein", mahnte der BDI-Präsident. Von den Wirtschaftsvertretern wurde vor allem die in der Politik herrschende Vorstellung, bis 2013 könne der Frauenanteil in den Vorständen drastisch steigen, als vollkommen unrealistisch kritisiert.

Nur ein Minimalkonsens

Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger wertete das Spitzentreffen trotz der unterschiedlichen Auffassungen als "einen Durchbruch" für die Frauenförderung, der noch vor Kurzem undenkbar gewesen sei. Erstmals sei es gelungen, dass die 30 Dax-Konzerne einen Konsens in dieser Frage erzielen konnten. Die Unternehmen wollten nun "alles dafür tun, damit Frauen nach oben kommen". Die Telekom hatte vor einem Jahr die Einführung einer Frauenquote beschlossen. "Weil wir vorangegangen sind, haben wir eindeutig einen Wettbewerbsvorteil", sagte Sattelberger. Der Anteil weiblicher Bewerberinnen sei um 15 Prozent in die Höhe geschnellt. Um den Streit in der Bundesregierung beizulegen, haben die vier zuständigen Minister eine Arbeitsgruppe eingerichtet. Auf Ebene der Staatssekretäre und unter Beteiligung der Koalitionsfraktionen soll ein Kompromiss erarbeitet werden. Grundlage ist, so hat das Kanzleramt entschieden, der Stufenplan der Familienministerin. Kristina Schröder sieht sich denn auch zunächst einmal als Gewinnerin im Kampf mit von der Leyen. Nun muss sie die Liberalen noch von der Notwendigkeit überzeugen, noch 2011 ein Gesetz vorzulegen. Je unverbindlicher dies ausfällt, desto eher werden die FDP-Minister wohl zustimmen. Allerdings sitzt der Familienministerin die Unionsfraktion im Nacken. Hier sind die Frauen mehrheitlich klar auf der Linie von der Leyens.

"Jede Form von Quote lehnen wir ab"

Brigitte Ederer, Managerin bei Siemens