Gesundheit

Der Impfstoff kommt - aber nicht für alle

Nun wird es doch gefährlich: Die Schweinegrippe breitet sich immer schneller aus. Und immer mehr Menschen wollen sich deshalb impfen lassen. Doch es gibt nicht genügend Impfstoff. Der neue Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) bestellte seine Länderkollegen deshalb gestern zu einer Krisensitzung nach Berlin.

Auch der Vertreter eines Impfstoffherstellers saß mit am Tisch im Bundesgesundheitsministerium an der Friedrichstraße.

Um 13 Uhr begann das Treffen, zweieinhalb Stunden später konnte Rösler immerhin eine positive Nachricht mitteilen: Bis Ende des Jahres sollen 20 Millionen Dosen des Impfstoffs Pandemrix ausgeliefert werden. Das habe der Hersteller Glaxo Bund und Ländern zugesagt. "Diese Zahlen machen schon deutlich, dass nicht jeder geimpft werden kann", sagte Rösler. Er appellierte an die Bevölkerung: "Wichtig ist, dass jetzt nicht jeder sofort zu den Impfstellen rennt."

Rösler mahnte zur Besonnenheit und bat um Verständnis für die Schwierigkeiten beim Start der "größte Impfaktion in der Geschichte Deutschlands". Erst vor einem halben Jahr ist das Virus H1N1 als Verursacher der Schweinegrippe identifiziert worden. Innerhalb weniger Monate wurde dann ein Impfstoff entwickelt. Erst vor zwei Wochen wurde mit den Impfungen begonnen. "Insofern ist das eine Leistung", sagte Rösler.

Risikopatienten haben Vorrang

Zunächst sollen nun Risikopersonen wie Ärzte, Pfleger, Polizisten immunisiert werden. Anschließend sind Patienten mit chronischen Krankheiten an der Reihe. Gesunde Menschen könnten nicht schon Ende November reihenweise geimpft werden, sagte Rösler. Insgesamt hatten die Länder 50 Millionen Impfdosen bestellt. Dass diese wie geplant bis Ende Januar kommenden Jahres ausgeliefert werden, ist jetzt jedoch unwahrscheinlich.

Noch kurz vor dem Treffen hatte Sachsen-Anhalts Gesundheitsministerin Gerlinde Kuppe (SPD) die Impfstoffhersteller aufgefordert, klare Angaben zu machen, bis wann sie welche Impfstoffmengen liefern können. Die Länder brauchten eine "verlässliche Perspektive", sagte Kuppe im Deutschlandfunk. Sie erwarte nicht, dass die ursprünglich angepeilten Mengen an Impfstoff in absehbarer Zeit verfügbar seien. "Aber von Woche zu Woche die vage Ansage, es könnte wieder weniger werden oder es könnte doch wieder mehr sein, damit werden wir uns nicht zufriedengeben", sagte die Ministerin.

In den vergangenen Tagen war der Impfstoff gegen die Schweinegrippe knapp geworden. Nachdem die Immunisierung anfangs von der Bevölkerung nur zögernd angenommen wurde, gibt es nun einen Ansturm auf Arztpraxen und Gesundheitsämter. Grund dafür sehen Experten in dem rasanten Anstieg der Infektionszahlen. Die Menschen reagieren auf solche bedrohlichen Nachrichten.

Das Robert-Koch-Institut in Berlin weist in seiner Statistik bereits mehr als 40 000 bestätigte Fälle von Infektionen mit dem H1N1-Virus aus. Nachdem im August und September die wöchentliche Infektionsrate zunächst auf 860 zurückgegangen war, stieg die Zahl in der vergangenen Woche sprunghaft auf fast 8000 Neuansteckungen an. Allein in Bayern wurden innerhalb von 24 Stunden 1530 neue Fälle bestätigt. Bundesweit sind 13 Patienten verstorben.

Die Medizinische Hochschule Hannover meldete gestern drei neue H1N1-Infektionen. Die Patienten seien durch andere Vorerkrankungen besonders geschwächt und würden auf der Intensivstation in der Klinik künstlich beatmet. Damit hat jetzt offensichtlich eine zweite, dramatischere Infektionswelle Deutschland erreicht. Alle großen weltweiten Grippewellen des vergangenen Jahrhunderts, die sogenannten Pandemien, hatten sich nach diesem Muster ausgebreitet. So forderte auch die Spanische Grippe in den Jahren 1918/19 erst in ihrer zweiten Ausbreitungswelle rund um den Globus 20 Millionen Todesopfer.

Infektion in zwei Wellen

Die Schweinegrippe wird zwar durch ein Virus ausgelöst, das mit dem Erreger der Spanischen Grippe verwandt ist. Jedoch ist der Krankheitsverlauf dieser neuen Grippe bislang deutlich milder, als von den Experten befürchtet worden war. Aber schon geringfügige Änderungen im Erbgut des Erregers könnten ausreichen, um ihn zu einer gefährlichen Bedrohung zu machen. Umso wichtiger ist es nach Ansicht des Robert-Koch-Instituts, einer solchen Entwicklung vorzubeugen. Die Experten plädieren dafür, dass sich möglichst viele Menschen impfen lassen.

Doch von Anfang an gab es erhebliche Schwierigkeiten. In Berlin stockte, wie berichtet, die zügige Verteilung des Impfstoffs an die Arztpraxen. In Hamburg weigerten sich Ärzte und Pfleger, sich impfen zu lassen. Hamburgs Gesundheitssenator Dietrich Wersich (CDU) sprach von einem unverantwortlichen Verhalten.

Auf der anderen Seite konnten die Hersteller die zugesagten Impfstoffmengen gar nicht bereitstellen. So hatte etwa Schleswig-Holstein 1,72 Millionen Impfdosen bestellt. Bislang wurden nur 184 000 Impfdosen geliefert. In der kommenden Woche sollen noch einmal 50 000 Impfdosen ausgegeben werden. "Und danach soll es dann deutlich mehr werden", sagte Christian Kohl aus dem Kieler Sozialministerium der Berliner Morgenpost. Der Grund für die Engpässe bei der Impfstoffproduktion sind offensichtlich Probleme mit den sogenannten Saatviren, aus denen der Impfstoff hergestellt wird. Diese Saatviren hatten sich nicht in ausreichender Menge vermehrt. In Rheinland-Pfalz werden sich nach Einschätzung von Gesundheitsstaatssekretär Christoph Habermann (SPD) die Impfungen bis Anfang 2010 hinziehen: "Wir haben noch nicht ausreichend Ärzte."

Angesichts der Schwierigkeiten bei der Verteilung des Impfstoffs kritisierte Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer, die zuständigen Behörden. "Man muss sich fragen, ob es klug war, in jedem Bundesland ein anderes Verteilungsverfahren zu machen", sagte Montgomery. Künftig sei eine bundesweit einheitliche Vorgehensweise nötig.