Festakt auf der Bornholmer Brücke

"Gorbi, Gorbi, Gorbi, Gorbi"

Das Volk hat sich zeitig eingefunden. Ein paar Hundert Leute stehen im eiskalten Nieselregen auf der westlichen Seite der Bösebrücke. Sie sind nicht einfach "Schaulustige", wie es dann immer so heißt. Einer zieht seinen DDR-Reisepass aus der Tasche. Ein Stempel vom Grenzübergang Bornholmer Straße ist drin.

"Ick hatte nur meinen Schlafanzug an und einen Trainingsanzug drüber, paar Latschen. Ich wollte doch bloß mal gucken! Ick hatte 'ne Frau und 'nen Säugling zu Hause!"

Als dann der Zug mit den Prominenten sich nähert, kommen die ersten Rufe, die man auf der Bahnhofseite nicht recht versteht. Nachher wird es klar. Es gibt einen Namen, den sie hier immer wieder rufen, und es ist nicht der von Angela Merkel, der Bundeskanzlerin, und auch nicht der von Lech Walesa, dem polnischen Arbeiterführer und späteren Ministerpräsidenten. Es ist der des früheren Generalsekretärs der KPdSU, Michail Gorbatschow, den man kaum erkennt, weil er sich eine blaue Schiebermütze aufgesetzt hat.

"Gorbi, Gorbi, Gorbi, Gorbi!" Als der Tross mit Merkel an der Spitze vom Osten her auf die Brücke kommt, schwillt die Lautstärke an. Gorbatschow sagt nicht viel, aber die Dankbarkeit der Leute tut ihm sichtbar gut. Merkel wird flankiert von Joachim Gauck, dem früheren Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde, und dem Liedermacher Wolf Biermann, der über beide Ohren freudig grient. Biermann erheitert die Wartenden - mit plattdeutschen Gedichten, auf Sächsisch vorgetragen. "Das ist eine Mischung wie Senf und Marmelade, ich hab das alles von meiner Oma Meume gelernt", ruft der Liedermacher. Gelächter.

"Heute sind fast wieder so viele Menschen hier wie damals", sagt Andreas Händel und stellt sich auf einen Brückenabsatz, um besser sehen zu können. "Ich bekomme alle zwei Minuten eine Gänsehaut." Auf die Brillengläser des 66-Jährigen hat sich Sprühregen gelegt. "Damals war ich auch hier, war genau das gleiche Mistwetter", sagt Händel. Die Erinnerungen an seine ersten Schritte auf West-Berliner Territorium hat der ehemalige DDR-Bürgerrechtler nicht vergessen. "Zwar hat sich ein wenig Staub der Geschichte darübergelegt, aber heute, hier auf der Brücke, fallen mir sogar Details wieder ein."

Mit einem Bekannten ist Händel vor 20 Jahren aus der Dunckerstraße in Prenzlauer Berg in Richtung Westen aufgebrochen. Rund um die Bösebrücke - so wird die Bornholmer Brücke auch genannt - hatten sich Tausende Menschen versammelt. "Wir kamen mit der Straßenbahn zur Grenzübergangsstelle", so der 66-Jährige. "Und wir hatten ein mulmiges Gefühl, weil wir nicht genau wussten, was uns erwartet." Die Grenzsoldaten hielten sich zurück. Irgendwann in der Nacht fiel der Schlagbaum. Die Grenzer stellten die Kontrollen ein. "Wir rannten los und hatten Tränen in den Augen, auch noch, als wir wieder auf dem Heimweg waren."

Besucher haben ihre DDR-Ausweise dabei

Auch der 58-jährige Wolfram Klose war damals in Richtung Gesundbrunnen unterwegs. An diesem Montag hat er seinen blauen DDR-Ausweis dabei, nebst Ausreisestempel. Den möchte er hochhalten, wenn Merkel an ihm vorbeigeht. Zur Erinnerung, denn sie habe damals auch über die Bösebrücke den Westen besucht, sagt er. "Vielleicht sieht sie den Ausweis, und wir kommen ins Gespräch", sagt Klose.

Dann tauchen die Bundeskanzlerin, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), Gorbatschow und die anderen Prominenten auf. Händel ruft der Kanzlerin zu und winkt. Doch seine Stimme geht im Jubel unter. Klose hält seinen Ausweis in die Luft. Keiner nimmt von den beiden Notiz. "Schade, dass sie nicht mal zur Seite geschaut haben", sagt Händel.

In der Mitte der Straße haben die Organisatoren ein riesiges Foto aufgestellt, von damals natürlich, als die Brücke voller Menschen war. Das Bundespresseamt hat das Ehepaar Fischer davor postiert; die beiden halten ein Bild von sich in die Höhe, wie sie damals aussahen, vor 20 Jahren, mit rotgeweinten Augen. Die Bundeskanzlerin, die seit dem frühen Morgen Termine absolviert, bahnt sich einen Weg. "So, nun wollen wir mal kurz erklären, was hier jetzt passiert, damit jeder Bescheid weiß. Denn heute an diesem Tag wollten wir unbedingt eine Begegnung mit dem Volk organisieren, aber oft kann man das Volk nicht sehen, weil so viele Fotografen davorstehen!"

Es ist Gauck, der dem Ereignis einen tieferen Resonanzboden verschafft. Wie die Fürsten früherer Zeiten hätten die Herrschenden der DDR ihren Bürgern eine Lektion in Gehorsam erteilt. "Wir haben sie gelernt", ruft Gauck. "Aber als wir dann die Prüfung ablegen sollten, da stellte sich heraus, dass wir auch etwas anderes wissen: Ich bin ein Bürger, ich bin zuständig." Merkel lobt die polnische Gewerkschaft Solidarnosc: "Das hat den Regierenden besonders wehgetan, dass hier genau die Arbeiterklasse aufstand, die sie zu vertreten vorgaben."

Die Bundeskanzlerin erinnert an die Ausweisung Biermanns, der nach einem Konzert im Westen nicht wieder in die DDR zurückgelassen wurde. "Dass sie so etwas tun würden, überstieg meine Fantasie", sagt die Kanzlerin. "Wenn es etwas gibt, was ich bedauere, dann, dass wir so lange gebraucht haben, bis wir diese Schicksale gewürdigt haben." Vollständig werde das wohl auch nie gelingen.

Händel und Klose haben aufmerksam zugehört. Die offiziellen Worte der Bundeskanzlerin, die aus Lautsprechern hallen, stimmen Klose milde. "Danke für jeden, der heute gekommen ist", sagt die Kanzlerin. Das gefällt ihm. Danach geht man rasch auseinander. Der Nieselregen.

Bewegende Feier in der Versöhnungskirche

Am Morgen, da hat es auch schon geregnet. Sehr emotional hat dieser Tag begonnen. "Heute vor 20 Jahren hätte noch jeder sein Leben riskiert, der versucht hätte, hierherzukommen." Mit diesen Worten hat der Pfarrer der Versöhnungsgemeinde und Vorstand des Trägervereins der Gedenkstätte Berliner Mauer, Manfred Fischer, die bewegende Andacht in der Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße in Mitte eröffnet. Hunderte Menschen, von denen nur die wenigsten in der kleinen Kapelle Platz finden, sind gekommen, um an diesem einst im Todesstreifen gelegenen Ort der Ereignisse vom 9. November 1989 zu gedenken. Die Andacht wird deshalb auf Deutsch und Englisch nach draußen übertragen, um die geduldig im Nieselregen verharrenden Menschen aus aller Welt zumindest akustisch an den Feierlichkeiten teilhaben zu lassen.

Durch den Mauerfall sei "eine in Ost und West tief gespaltene Welt" eins geworden, sagt Fischer. Er erinnert daran, dass die Mauer kein Bollwerk gegen einen Feind von außen, sondern als Gefängnismauer gegen die Bürger der DDR errichtet wurde. Unter den Gästen in der Kapelle sind neben dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) auch der damalige Bürgermeister Walter Momper (SPD) sowie Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und Lala Süsskind, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Den emotionalen Höhepunkt der Andacht liefert jedoch Ernst Cramer. Der 97-jährige Vorstandsvorsitzende der Axel Springer Stiftung begeisterte nicht nur durch seine einleitenden Worte in norwegischer Sprache, mit denen er den rund 400 eigens angereisten jungen Skandinaviern vor der Kapelle ausdrücklich für ihr Engagement dankt, sondern vor allem durch seine sehr persönlich gehaltene Rede, mit der er an das deutsche Schicksalsdatum 9. November erinnerte.

Der Jude Ernst Cramer hatte am 9. November 1938 die Novemberpogrome erlebt, als Nazi-Schergen die Wohnung der Familie zerstörten. Cramer, der in der NS-Zeit im KZ Buchenwald inhaftiert war und schließlich in die USA auswandern konnte, kehrte 1944 nach Europa zurück - als amerikanischer Soldat. Cramer bezeichnet den Mauerfall als "ein Wunder" der deutschen Geschichte. Möglich geworden sei dieses glückliche Ereignis erst durch die "nach Freiheit dürstenden Demonstranten". "Wir danken Gott und diesen Menschen, die diesen Tag erst möglich machten", sagt Cramer, der dafür stürmischen Applaus erhält. (Siehe S. 3)

Bei der anschließenden Eröffnung des neuen Besucherzentrums der Gedenkstätte an der Bernauer Straße sagt Wowereit, es dürfe nicht vergessen werden, "wie viel Leid von dieser Mauer ausgegangen ist". Die Erinnerung an die DDR-Diktatur sei wichtig und müsse als Mahnung für die junge Generation dienen, "dass Diktaturen in Deutschland keinen Platz haben". Auch Kulturstaatsminister Neumann betont, die Gedenkstätte müsse dazu genutzt werden, um an einem authentischen Ort zu zeigen, "wohin Verblendung und Ideologie führen können". Gerade jüngere Menschen wüssten zu wenig über die Mauer und die Diktatur in der DDR. Das neue Gebäude soll Besuchern der Gedenkstätte künftig Informationen über die Mauer und ihre Geschichte bieten. Außerdem sollen dort Lesungen und Seminare stattfinden. Der Öffentlichkeit wird das neue Besucherzentrum am kommenden Sonntag bei einem Tag der offenen Tür vorgestellt.