Landtagswahl in Baden-Württemberg

Jung, seriös und sparsam

Die baden-württembergischen Bürger erhielten von CDU-Hilfswahlkämpferin Ursula von der Leyen kürzlich eine kompakte Gebrauchsanleitung. Wer dem Land "weiter Erfolg und Zukunft" wünsche, müsse die Union wählen, riet die Arbeitsministerin in Ludwigsburg.

Wer "gut Gemeintes schlecht gemacht haben will", setze sein Kreuz bei den Grünen. Und die SPD gelte für all jene als beste Wahl, die "unauffälliges Mittelmaß bevorzugen".

Nun ist "Mittelmaß" wahrlich nicht der erste Begriff, der einem bei dem SPD-Spitzenkandidaten Nils Schmid in den Sinn kommt. Unauffällig, das schon: Der protestantische Jurist, häufig mit dunklem Anzug und roter Krawatte unterwegs, tritt zurückhaltend, seriös und bedächtig auf. Er ist kein Menschenfänger, kein emotionsgeladener Bauchpolitiker. Selbst mit 37 Jahren hat Schmid zudem noch dieses Konfirmandengesicht, das manche als "bubihaft" bezeichnen. Doch vom Mittelmaß ist Schmid, der Wahlforschern zufolge tatsächlich erster sozialdemokratischer Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden könnte - und damit jüngster Landesvater in Deutschland -, weit entfernt.

Der Sohn eines Beamten und einer Lehrerin hat sein Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,0 hingelegt, dem folgte ein Prädikatsabschluss als Jurist. Seinen Doktorhut erwarb er bei Ferdinand Kirchhof, der heute Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts ist - und dessen Bruder einst im Wahlkampf von Gerhard Schröder als "Professor von Heidelberg" verspottet worden war. Seine Dissertation ("summa cum laude") hatte Schmid übrigens als junger Familienvater neben seinem Vollzeitjob als Politiker erarbeitet. Im Jahre 2006 wurde aus Nils Schmid Dr. jur. Nils Schmid, damals war er 33 Jahre alt und seit neun Jahren Mitglied im Landtag - als jüngster Abgeordneter aller Zeiten.

Und schließlich, auch das kein durchschnittliches biografisches Detail, ist der zweifache Vater mit Tülay Schmid verheiratet. Er lernte die Tochter türkischer Gastarbeiter an der Universität kennen, wo die damals alleinerziehende Mutter Jura studierte. Nach der Hochzeit vor zehn Jahren adoptierte Schmid Tülays mittlerweile volljährigen Sohn, im Jahre 2009 kam die gemeinsame Tochter Elif zur Welt. Durch Nils Schmid könnte Deutschland also auch seine erste türkischstämmige First Lady erhalten.

In der SPD gilt Schmid als Modernisierer, linke Träume und Utopien sind ihm ein Gräuel. Im Landtag hat sich Schmid einen Namen als Haushaltspolitiker gemacht; wer ihn über den Landeshaushalt reden hört, zweifelt an dem gängigen Klischee, Sozis könnten nicht mit Geld umgehen. Selbst das Thema seiner Promotionsarbeit kommt ausgesprochen solide daher: "Staatsverschuldung und Staatsvermögen". Wer als Schwabe über derlei Dinge schreibt, neigt nicht zu einer spendierfreudigen Haushaltspolitik. In einer für ihn eher untypischen Vollmundigkeit pocht Schmid dieser Tage selbst immer wieder auf diesen Charakterzug: "Etwas Seriöseres als mich gibt es in diesem Land nicht."

Zum bisweilen unberechenbaren Stefan Mappus (CDU) positioniert sich Kopfmensch Schmid mithin als klarer Gegenentwurf. Er sei so bedacht, heißt es, dass er seiner Familie Rauchmelder zu Weihnachten schenke. Dass Ministerpräsident Mappus mit dem fragwürdigen Kauf der EnBW-Anteile just gerade die finanzpolitische Seriosität der CDU infrage stellte, hat Schmid zudem noch mehr Glaubwürdigkeit in Sachen Finanzen verschafft. Kaum zufällig trat der frühere Bundesfinanzminister Peer Steinbrück gleich sieben Mal für die SPD im Wahlkampf auf. Altbundeskanzler Gerhard Schröder warb ebenfalls für Schmid. Dieser nennt allerdings nicht Schröder oder Willy Brandt, sondern seinen Namensvetter Helmut Schmidt als sein großes Vorbild in der Politik. Den eigenen Politikstil umreißt er so: "Zuhören und dann entscheiden." Viel Mühe musste Schmid aufwenden, um die SPD beim umstrittenen Projekt Stuttgart 21 zu einer gemeinsamen Haltung zu bringen, die da lautet: Wir sind für die Neubaustrecke, setzen uns aber ebenso für eine Volksabstimmung ein und respektieren das Votum der Bürger. Schmid musste in den eigenen Reihen lange für den Volksentscheid über das Bauvorhaben werben; ihm ging es dabei auch darum, den Grünen dieses Thema nicht zu überlassen. Persönlich bekennt er klipp und klar: "Ich bin für Stuttgart 21." Es ist der wirtschaftsfreundliche Pragmatiker, der auf Verlässlichkeit setzt, der da spricht.

Schon früh hatte Schmid eine Koalition mit den Grünen unter deren Führung nicht ausgeschlossen. Den Genossen im Land war das nicht immer ganz leicht zu verkaufen. Vor allem ältere SPD-Mitglieder schmerzt immer noch die Wunde der Grünen-Gründung vor mehr als 30 Jahren in Karlsruhe. Als wegen Stuttgart 21 die Umfragewerte der Grünen durchs Dach gingen und nahe der CDU landeten, waren die Parteispitzen auf beiden Seiten daher wenig begeistert: Die Sorge ging um, dass die Aussicht auf einen grünen Ministerpräsidenten viele traditionsbewusste SPD-Wähler abschrecken und von der Wahl abhalten könnte.

Jetzt sind beide Parteien gleichauf - optimale Bedingungen mithin, um die jeweilige Klientel zu mobilisieren. Ganz bewusst üben Schmid und der grüne Spitzenkandidat Winfried Kretschmann daher im Endspurt des Wahlkampfes einen engen Schulterschluss. Schmid trat am Mittwoch bei der Abschlusskundgebung der Grünen auf, Kretschmann bei jener der SPD. So funktioniert ein Lager-Wahlkampf. Einst hielten es Schröder und Joschka Fischer so. Sollte Kretschmann am Ende vorn liegen und als Chef in die Villa Reitzenstein einziehen dürfen, würde Schmid wohl Finanzminister. "Dafür spricht viel", heißt es in der SPD.

Eine Juniorpartnerschaft unter Führung der CDU gilt als weitgehend ausgeschlossen, aber würde für einen Regierungswechsel die Linkspartei benötigt, spräche Schmid mit ihr: "Ich will nicht mit den Linken regieren. Wenn der Wähler aber entsprechende Fakten schafft, gilt es, das zu respektieren." Er werde "im Zweifel auch mit der FDP reden".

Einfluss wächst

Neben den sozialdemokratischen Themen wie Bildung, Arbeit und Soziales wirbt die SPD in diesen Tagen mit ihrer Wirtschafts- und Finanzkompetenz. Schmid fordert mehr Ganztagsschulen und will die Studiengebühren abschaffen. Eine einprozentige Reichensteuer soll kostenlose Kindergärten finanzieren, auch, damit Migrantenkinder besser integriert werden. Sollte es zu einer Regierung mit den Grünen kommen, dürfte Schmids Aufgabe darin bestehen, deren millionenschwere Ausgabenwünsche für die Hochschulen etwa einzuhegen. Eine gemeinsame Linie zu Stuttgart 21 wird auch nicht einfach.

Unabhängig vom Wahlausgang dürfte der Einfluss von Nils Schmid in der Bundes-SPD wachsen. Als Ministerpräsident würde er ohnehin in die erste Reihe der Politik rücken. Doch auch als wichtiger Minister eines finanzstarken Landes könnte er sich über den Bundesrat hinaus Gehör verschaffen. Selbst im für seine Partei schlechtesten Fall dürfte es dem Spitzenmann kaum schlecht ergehen: Sollte die SPD weiter in der Opposition verharren, gibt es wenig Zweifel daran, wer die Partei - und womöglich künftig deren Landtagsfraktion - im Südwesten führt: nämlich Nils Schmid.

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