Studie analysiert Anziehungskraft

Genosse Trend ist ein Grüner

Die Grünen sind trotz ihrer guten Umfragewerte noch keine Volkspartei, haben aber einen strukturellen Vorteil gegenüber SPD und CDU. "Genosse Trend ist ein Grüner": Zu diesem Schluss kommt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Mit 54 312 Mitgliedern hat die Partei derzeit einen neuen Höchststand erreicht.

Grundlage für die DIW-Studie ist das sogenannte sozioökonomische Panel. Dies ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung, die seit mehr als 27 Jahren läuft. Im Auftrag des DIW Berlin werden jedes Jahr in Deutschland über 20 000 Personen - immer dieselben - aus rund 11 000 Haushalten von Sozialforschern befragt - unter anderem zu Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung, aber auch zu parteipolitischen Präferenzen.

Die Professoren Martin Kroh von der Humboldt-Universität und Jürgen Schupp, Leiter des sozioökonomischen Panels, kommen in ihrer Langzeitbetrachtung, die aktuelle Entwicklungen außen vor lässt, zu dem Schluss, dass der typische Grünen-Wähler so aussieht: 42 Jahre alt, er gibt sich umweltbewusst, ist gut gebildet, verdient als Beamter oder Selbstständiger gut und lebt in einer Stadt mit mehr als 500 000 Einwohnern. Von gering Gebildeten, Arbeitslosen und Geringverdienern bekommen die Grünen dagegen kaum Unterstützung.

Laut der Studie gelang es den Grünen, ihr in den 70er- und 80er-Jahren junges Wählerklientel bis heute in weiten Teilen als Anhängerschaft zu halten und gleichzeitig auch heute noch junge Wähler anzusprechen. "Wenn man dazu die demografische Entwicklung nimmt und sieht, dass die Grünen gerade bei den geburtenstarken Jahrgängen viele Anhänger haben, gibt es hier einen Vorteil Grüne", so Kroh. Trotz möglicher aktueller Entwicklungen sehen die Forscher die Grünen aufgrund der Analyse der Langzeitentwicklung dauerhaft bei 18 Prozent.

Kein Austausch bei den Wählern

Obwohl die Grünen mit ihrer Anhängerschaft den bürgerlichen Parteien CDU und FDP Konkurrenz machen, gibt es jedoch so gut wie keinen Austausch bei den Wählern. Der findet nur mit der SPD statt. "Die Grünen gewinnen aber nicht nur von der SPD. Wenn sie eine Krise haben, verlieren sie auch an die Sozialdemokratie", so Kroh. Das geschah vor allem in Momenten, in denen die Grünen als Regierungspartei über Fragen wie den Kosovo-Krieg und den Afghanistan-Einsatz entscheiden mussten. Eine Friedenspartei sind die Grünen in den Augen ihrer Anhänger schon lange nicht mehr. Aber auch andere Themen verbinden die Wähler trotz aller Parteibemühungen kaum mit den Grünen. Den typischen Grünen-Wähler bewegen immer noch Umweltthemen wie der Klimawandel. Und das, obwohl die Untersuchung auf Daten basiert, in die die Ereignissen in Japan und die Atomdiskussion noch nicht mit eingeflossen sind.

Interessant auch für die in Berlin anstehende Abgeordnetenhauswahl ist die Erkenntnis, dass Themen wie Wirtschaft kaum für die Wahlentscheidung der Grünen-Anhängerschaft interessant sind. Auf Wirtschaftsthemen in Verbindung mit Umweltthemen setzt in der Hauptstadt die Spitzenkandidatin der Grünen, Renate Künast. Nur vier Prozent machen sich über die Wirtschaft Sorgen, 15 Prozent hingegen nicht. Das entspricht auch der Einkommensentwicklung. Denn viele Parteianhänger der Grünen sind wohlhabend geworden. Wenn man die Einkommen in Deutschland in fünf Gruppen unterteilt, gehören 16 Prozent der Grünen Wähler zur reichsten Gruppierung, zwölf Prozent zur zweitreichsten. Die DIW-Forscher kommen aber zu dem Schluss, dass die Grünen noch keine umfassende Volkspartei sind. "Selbst wenn man nach dem Wochenende in Baden-Württemberg einen Ministerpräsidenten stellen kann", so Schupp. Die Anhänger seien dafür zu homogen. "Es fehlt den Grünen die soziale und politische Breite von SPD und Union zur Volkspartei", so Kroh.