Atom-Katastrophe

In den USA wächst mit der Sorge auch der Ärger auf Tokio

Wenn an diesem Freitag wie vorhergesagt die ersten radioaktiven Isotope aus Fukushima die US-Westküste erreichen, werden Jodtabletten von San Francisco bis San Diego ausverkauft sein. Offenkundig misstrauen die Amerikaner den Verlautbarungen Japans wie den Versicherungen der US-Behörden, ihre Gesundheit sei nicht gefährdet.

Apotheker in Kalifornien berichten von Hamsterkäufen und panischen Anrufen. Gegen die ausdrückliche Warnung der Gesundheitsbehörden in Kalifornien, die den Jodmitteln in hoher Dosierung Nebenwirkungen wie Erbrechen, Herzrhythmusstörungen, Blutungen zuschreiben. Das aufgeschreckte Publikum hört im Fernsehen, dass US-Hubschrauberpiloten vor Hilfsflügen in die Region von Fukushima solche Tabletten einnehmen. Auf die ersten Wolken aus Japan würden weitere mit erhöhter Strahlung folgen, heißt es. Zeitversetzt trägt der Wind die freigesetzte Strahlung der Unfallserie über den Pazifik.

Der Ton gegenüber Japan wird rauer

Einiges deutet darauf hin, dass das Mitgefühl mit den Opfern in Japan schwindet, je mehr eine eigene Bedrohung wahrgenommen wird. "Tödlich verstrahlt für Jahrzehnte", so beschrieb ein US-Regierungsbeamter gegenüber dem Sender ABC die schlimmsten Befürchtungen des Weißen Hauses. Der Ton gegenüber dem Freund und engsten Bündnispartner in Asien wird rauer. Es gibt anonyme, aber scharfe Kritik an der Informationspolitik der japanischen Regierung, an dem zu eigenmächtigen und inkompetenten Auftreten des Energiekonzerns Tepco, an der mangelnden Führung der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA. In einer CNN-Sendung am späten Mittwochabend erregten sich Experten darüber, wie das am meisten erdbeben- und tsunamigefährdete Land der Erde sechs Atomreaktoren direkt am Meer und so nah beieinander errichten konnte, dass ein Störfall mit Bränden die ganze Anlage bedroht. Es gibt Respekt für den Todesmut der "50 von Fukushima", die unter Einsatz ihres Lebens die Katastrophe im Zaum zu halten versuchen, und erst recht für die zusätzlichen Freiwilligen, die zum Opfer bereit sind. Doch statt verzweifelt zu improvisieren, so die erzürnten Fernseh-Fachleute, hätten die Japaner lieber vor Tagen internationale Hilfe annehmen sollen, um das Reaktorunglück wirksam zu bekämpfen. Der Vorwurf, entscheidende Stunden durch Zögern und Geheimniskrämerei vergeudet zu haben, ist exakt derselbe, der viele Japaner nach dem Beben von Kobe im Januar 1995 bestürzte und beschämte. Gerade weil er gerechtfertigt war.

Dazu passen auf beunruhigende Weise Enthüllungen des britischen "Telegraph", der in den geheimen Botschafts-Depeschen, die das Enthüllungsportal Wikileaks jüngst veröffentlichte, ebenso frühe wie fruchtlose Warnungen der IAEA an Japan findet. Im Dezember 2008 soll die Behörde zu dem Befund gekommen sein, dass die Sicherheitsbestimmungen in den japanischen AKW nicht mehr zeitgemäß seien und starke Beben "ernsthafte Probleme" für die Kraftwerke mit sich bringen würden. In einer Depesche von US-Diplomaten in Japan wird die Meinung eines Fachmanns wiedergegeben: "Er erklärte uns, dass in den vergangenen 35 Jahren die Sicherheitsregeln nur dreimal angepasst wurden, und dass die IAEA diese Regeln nun wieder prüfe." Taro Kono, ein Abgeordneter des japanischen Unterhauses, hat laut den geheimen Unterlagen US-Diplomaten im Oktober 2008 bestätigt, dass die japanische Regierung nukleare Störungen und Unfälle "vertusche". Diese Einzelheiten zeichnen zumindest ein neues Bild der Nuklear-Nation Japan, der man stets höchste Sicherheitsstandards nachsagte. Diese nachträglichen Enthüllungen dürften auch das Zutrauen in die heutigen Erklärungen der Regierung mindern.

Der gereiztere Tonfall der US-Medien zum Thema Japan hat einen offenkundigen Grund: Prominente, teuer bezahlte Moderatoren können sich nicht wie sonst vor den Bildern des Grauens spreizen. Sie fürchten um ihre Gesundheit, und die japanischen Opfer spielen nicht mit bei einer Inszenierung, die vor allem Rührung stiften soll. Zu stoisch, zu karg sind die Berichte der Menschen; viele sind dazu alt, also wenig attraktiv für US-Zuschauer. Denen lässt man verlegen erklären, dass die Japaner sich in "gaman" übten. In Würde und Ruhe das Unvermeidliche hinzunehmen und dabei das Gemeinwohl über das eigene Streben zu stellen. Das klingt für viele sehr nach kommunistischer Massenhypnose. Unangenehm fremd für Amerikaner, die sich auf Individualismus, Tatkraft und zur Not auch krassen Egoismus viel zugutehalten. Wenn man Amerikaner die Krise in Japan nur managen ließe, so klingt durch, wäre die Sache längst unter Kontrolle.

Geschmacklose Witze in US-Medien

Da die Japaner so gar nicht zu pittoresken Opfern taugen, verlegen sich die eingeflogenen US-Fernsehreporter auf Familienzusammenführungen. Sie stöbern Amerikaner auf, die noch nicht zu Hause anrufen konnten, und zelebrieren ihre Hilfe als Heldentat und Wunder. Während aus den Rührklischees vor allem Verlegenheit spricht, überbieten sich einige dummdreiste Amerikaner mit mitleidlosen Katastrophen-Witzen. Der Komiker Gilbert Gottfried fand es lustig zu sagen: "Japaner sind wirklich weit entwickelt, die lassen den Strand zu sich kommen statt hinzugehen." Und: "Ich habe mich gerade von meiner Freundin getrennt, aber, wie die Japaner sagen, eine neue dürfte jede Minute vorbeitreiben." Gottfried wurde als Werbestimme des Versicherungskonzerns Aflac, der in Japan gute Geschäfte macht, gefeuert. Das gleiche Schicksal ereilte den Pressesprecher von Haley Barbour, dem Gouverneur von Mississippi. Der Sprecher schrieb auf einer Webseite, Otis Reddings klassischer Hit "(Sittin' on) The Dock Of The Bay" sei zurzeit "kein großer Erfolg in Japan". Man hofft, dass der Mann nun mit viel freier Zeit selbst auf der Mole sitzt und sich verflucht. Andere Witzbolde in den USA sind gewarnt.