Atom-Alarm

Zwanzig Freiwillige für den Höllenjob im Reaktor von Fukushima

Chinook-Hubschrauber der japanischen Armee mit Doppelrotoren und verstärkter Bleiplatte im Boden gegen die radioaktive Strahlung fliegen Dauereinsätze. Unaufhörlich nehmen sie mit einem riesigen roten Korb an einer 15 Meter langen Stahltrosse Meerwasser auf, 7,5 Tonnen pro Fuhre, und werfen es aus einer Höhe von 90 Metern über den havarierten Reaktoren zur Kühlung ab.

2000 Tonnen Wasser fasst das Kühlbecken eines Reaktors. Doch die Helikopter können ihre Last nicht zielgenau auf die glühend überhitzten Brennkammern bringen, weil sie wegen der austretenden radioaktiven Strahlung nicht tief genug heruntergehen dürfen. Der starke Wind tut ein Übriges, etliche Hektoliter verfehlen ihr Ziel, der Rest verdampft unmittelbar nach dem Auftreffen auf den Reaktorkern, wo Brennstäbe teilweise freiliegen - die Strahlung wird nicht geringer. Am Nachmittag stellt der AKW-Betreiber Tepco (Tokyo Electric Power Co.) diese Sisyphusarbeit ein, sie soll heute wieder aufgenommen werden.

Einen Block weiter versuchen Soldaten, 30 Tonnen Wasser in ein Abklingbecken zu pumpen, um verbrauchte Brennstäbe zu kühlen. Aber auch das gelingt zunächst genauso wenig wie der vorherige Versuch, das Becken mit Wasserwerfern zu füllen. Verteidigungsminister Toshimi Kitazawa sagt im Fernsehen, elf Löschflugzeuge des Militärs sollen über dem Reaktor eingesetzt werden. Außerdem seien weitere Wasserwerfer auf dem Weg. Ein ungleicher Kampf, Tropfen auf glühend heiße Steine.

Zweiter Hoffnungsstrang: Techniker versuchen verzweifelt, eine Starkstromleitung zu den Reaktorruinen von Fukushima zu legen, um die Pumpen, Ventile und Motoren zuverlässiger mit Strom zu versorgen und die Kühlsysteme mit riesigen Generatoren wieder anfahren zu können. Ein Wettlauf gegen die Zeit.

Dritter Hoffnungsstrang: die heldenhaften 20. Tepco hat freiwillige Arbeiter gesucht, die in die atomare Hölle vordringen, um das zu tun, was weder Roboter noch Wasserwerfer oder sonstiges technisches Hilfsgerät zu leisten im Stande sind: die Kühlung der Brennstäbe wieder aufzubauen. Auf das Ersuchen des Unternehmens hätten sich sowohl Firmenmitarbeiter als auch Mitarbeiter anderer Unternehmen gemeldet, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Jiji.

Einer dieser Helden, denen der Twitter-Beitrag von "kristalberg" ein "Gott schütze die Kamikaze von Fukushima" mit auf den Weg gibt, ist offenbar ein 59-jähriger Techniker mit jahrzehntelanger Erfahrung im Bereich der Kernenergieproduktion. Alles, was die Welt über den Mann weiß, stammt von dessen Tochter. Sie teilte über Twitter mit, dass sie stolz und verängstigt zugleich sei.

"Ich habe gegen die Tränen gekämpft, als ich gehört habe, dass mein Vater, der in einem halben Jahr pensioniert werden soll, sich zur Mithilfe bereit erklärt hat", schrieb sie. Er habe gesagt, die Zukunft der Atomgeneration hänge davon ab, wie Japan dieser Katastrophe begegne. "Ich begebe mich auf eine Art Mission", zitierte die Frau ihren Vater, der sich einreihen wird in die Liste der bislang namenlosen japanischen Märtyrer.

Drastische Worte findet ein anderer Twitter-Nutzer: "Unsere Pro-Atom-Politiker sollten nach Fukushima gehen, um dort zu helfen. Sie sollten NICHT nach Freiwilligen suchen, die dort an der Strahlung sterben werden!" Ein Anderer schreibt: "Die Apokalypse entfaltet sich über Japan ... Möge Gott bei den Arbeitern sein, die sich freiwillig auf ein Selbstmordkommando begeben haben, um den Schaden zu reparieren."

Die Ingenieure und Techniker, die Tag und Nacht daran arbeiten, eine Katastrophe im beschädigten Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi noch zu verhindern, gelten schon jetzt als Helden. Ihr Leben wird bedroht von einem unsichtbaren Feind, der schleichend, leise und gewaltlos tötet: Radioaktivität. Die meisten der Helfer werden sterben, nicht sofort, aber sehr bald. So wie die vielen Tausend Menschen, die vor fast genau 25 Jahren ungeschützt in die havarierte Anlage im ukrainischen Tschernobyl geschickt wurden. Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien zufolge sind bislang mindestens 20 Mitarbeiter verstrahlt worden. Einer von ihnen sei sehr starker Strahlung ausgesetzt gewesen.

Extrem hohe Strahlung

"Ich weiß nicht, wie ich es anders sagen soll: Das ist wie ein Himmelfahrtskommando im Krieg", sagt Keiichi Nakagawa aus der Radiologieabteilung der Tokioter Universitätsklinik. Gregory Jaczko, Chef der US-Atomregulierungsbehörde NRC, sagte in Washington: "Wir glauben, dass rund um den havarierten Reaktor eine extrem hohe Strahlung herrscht. Es ist sehr schwierig für die Arbeiter, nahe an den Reaktor zu kommen. Und wenn sie es tun, wird die Dosis, die sie aufnehmen, in sehr kurzer Zeit tödlich sein."

Die Techniker kommen in kleinen Gruppen und pumpen Meerwasser in die überhitzten Reaktoren, führen Messungen durch und beseitigen Trümmer. Länger als eine Viertelstunde können sie nicht bleiben, dann wird die Strahlung zu hoch. Sie werden dann abgelöst, die Teams rotieren. Ihr einziger Schutz sind Mondanzügen gleichende Overalls mit Schutzhelm und großem Sichtfenster sowie Atemgeräte mit Sauerstoffflaschen.

Teilweise steigt die Strahlenbelastung derartig an, dass die Arbeiten komplett unterbrochen werden müssen. Am Mittwoch war das der Fall, da mussten die Arbeiter laut Regierungssprecher Yukio Edano ihre Tätigkeit einstellen, weil bis zu 250 Millisievert pro Stunde über dem Reaktor gemessen wurden, in einigen Bereichen sogar 600 Millisievert. Japanische Soldaten dürfen laut Gesetz einer Strahlenbelastung von höchstens 100 Millisievert pro Stunde ausgesetzt sein.

Das japanische Gesundheitsministerium erhöhte den Grenzwert für die Arbeiter im Atomkraftwerk auf 250 Millisievert. Gestern sank die Belastung wieder auf 87 Millisievert in der Wasserabwurfhöhe der Hubschrauber. Unter normalen Bedingungen nimmt der Mensch pro Jahr etwa sechs Millisievert auf - eingeschlossen Röntgenaufnahmen.

"Trotz der Angst vor 400 Millisievert halten die Arbeiter durch", schrieb die Zeitung "Yomiuri" nicht ohne Stolz auf die todesmutigen Katastrophenschützer. Einer der Arbeiter, der ein Ventil in dem Atomkraftwerk geöffnet hatte, sei nach dem Einsatz in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Nach nur zehn Minuten in der Strahlung habe der Mann über Erschöpfung und Übelkeit geklagt.

Michiko Otsuki hat als Tepco-Mitarbeiterin im Reaktor 2 gegen die Überhitzung der Brennstäbe angekämpft. Wie die die "Straits Times" aus Singapur berichtet, gehörte sie zu den 750 Mitarbeitern, die Tepco schließlich evakuiert habe. Zurück blieben 50 von Otsuikis Kollegen. In ihrem Blog schreibt sie: "Die Leute fallen über Tepco her, aber die Belegschaft hat sich geweigert aufzugeben. Die Kollegen kämpfen und riskieren ihr Leben. Bitte hört auf, uns zu attackieren!"

Die Einträge in dem Webjournal zeichnen das Bild einer unermüdlichen Mannschaft im Kampf gegen die entfesselten Kräfte. "Als der Tsunami-Alarm am Freitagmorgen um drei Uhr ausgelöst wurde, haben wir versucht, die Reaktoren zu kontrollieren, obwohl wir wegen der Dunkelheit überhaupt nichts sehen konnten."

Dabei sei allen bewusst gewesen, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzten. "Wir haben gegen die Müdigkeit und unsere leeren Mägen angekämpft und uns immer wieder zum Weitermachen aufgerafft." Viele seien die ganze Zeit bei den Pumpen an der Küste geblieben, statt ihre Verwandten anzurufen, die sich logischerweise große Sorgen machen. Denn kaum jemand weiß, ob alle Helfer überhaupt jemals zurückkehren werden. Mit ihrem Blog wolle Michiko Otsuki auf die selbstlosen Taten ihrer Kollegen aufmerksam machen, schreibt sie, entschuldigt sich zugleich für die Indiskretionen und schließt mit dem in diesen Zeiten merkwürdig anmutenden Satz: "Ich bin stolz, ein Mitglied von Tepco zu sein."

"Ich begebe mich auf eine Art Mission"

Freiwilliger Helfer, der sich von seiner Tochter verabschiedete