Japan

Alltag in Ruinen - vom Überleben im andauernden Ausnahmezustand

Ein paar Kinder laufen herum, manche helfen ihren Eltern, ihre schlammverschmierten Stiefel im Schwimmbad zu putzen. Die Grundschule am Stadtrand von Ishinomaki ist eine von vielen Notunterkünften der vom Tsunami zerstörten Stadt nordöstlich von Sendai.

Von den etwa 160 000 Einwohnern sollen bis zu 10 000 durch den Tsunami ums Leben gekommen sein.

Auf den Fluren im dritten Stock ist es ruhig. Hier sind in einem Raum 30 Kinder untergebracht, deren Eltern vom Tsunami mitgerissen wurden und die seitdem spurlos verschwunden sind. Sie sitzen still, vertieft in Bücher, manche legen Karten vor sich hin. Masami Hoshi ist eigentlich Sportlehrer der Schule, doch seit der Tsunami über seine Schule und die Stadt kam, ist er damit beschäftigt, Lebensmittel für die Überlebenden in der Schule zu organisieren und nach verschwundenen Schülern und ihren Eltern zu fahnden. Bei einer Handvoll war er erfolgreich, aber diese 30 sind immer noch allein.

"Der Tsunami traf genau in dem Moment ein, als die Eltern der Mittelklasse an der Schule ankamen, um ihre Kinder abzuholen. Es gelang uns, sie ins Gebäude zu holen", sagt Hoshi. Die Schule liegt knapp zwei Kilometer von der Schutzmauer entfernt, die Ishinomaki vor Flutwellen schützen sollte. Dennoch überschwemmte der Tsunami den Spielplatz. "Einige Eltern wurden mit hinausgerissen auf den Spielplatz, als das Wasser zurückfloss. Wir warfen ihnen Wasserschläuche zu und konnten alle retten", sagt Hoshi. In der Schule gibt es keinen Strom, keine Heizung, kein fließend Wasser. Hoshi hofft, dass Essen geliefert wird.

So etwas wie Alltag

Es ist keine Flucht, es ist eine Reise. Seit Monaten geplant, als Forschungstrip nach Europa. Die Reise hat Sebastian Maslow nach London geführt, dann geht es nach Brüssel, dann nach Berlin. Und dann nach zwei Wochen, am 29. März, wird der 28-jährige Doktorand der Politikwissenschaft wie selbstverständlich zurückfliegen, in seine zweite Heimat, nach Sendai. Wo er seit fünf Jahren wohnt, wo er am Freitag die Katastrophe erlebte.

Die Telefongesellschaft hat drastisch die Kosten gesenkt, die Menschen, die Japan verlassen, sollen nicht auch noch draufzahlen, wenn sie aus dem Ausland mit ihren Familien in der Heimat sprechen. Maslow hält Kontakt zu seinen Freunden in der Stadt, die von Zerstörung und Leid erschüttert ist - und in der es trotz allem noch so etwas wie einen Alltag gibt. Sendai ist eine Millionenstadt, sie ist weitläufig und zieht sich von der Küste bis in die Berge hinein.

Als Maslow an jenem Tag die Erde beben spürt, erst in vertikalen, dann in horizontalen Schwingungen, als er seine Wohnung in der Innenstadt betritt, die Zerstörung sieht, als er sich mit unzähligen Einwohnern ins Auffanglager der nächstgelegenen Schule begibt - da dauert es noch ganze zwei Tage, bis er erfährt, dass ein Teil der Stadt von einer gigantischen Flutwelle zerstört wurde, dass Tausende Menschen starben und Tausende vermisst werden. Erst als der Strom nach 48 Stunden wieder angestellt wird, kann er die ersten Fernsehbilder sehen.

Maslow harrt ein paar Tage aus, schlafen kann niemand, sobald es mal wieder Strom gibt, schrillt der Alarm, der das nächste Beben ankündigt. Auf den Handys gehen automatische Warnungen vor Nachbeben ein. Bei horizontalen Schwingungen heißt es: Ruhe bewahren. Bei Vertikalen: Haus verlassen.

Dann steht für Maslow die Forschungsreise an. Nur: Wie soll er zum Flughafen nach Tokio kommen? Man kommt nicht weg aus der Stadt. Die deutsche Gemeinde in Sendai tut sich zusammen, sie fordert die deutsche Botschaft auf, ein paar Busse zu schicken. Und tatsächlich kommen in Begleitung des Technischen Hilfswerks drei Busse der deutschen Schule von Yokohama in Sendai an, die die Ausländer wegbringen. Viele Städte haben bis jetzt keine Hilfe bekommen - die Transporte kommen einfach nicht durch, die Straßen sind kaputt, die Häfen kann man nicht ansteuern. In den Städten fahren Helfer den Schutt zusammen. Es wird aufgeräumt, irgendwie.

Und ja, es ist alles wahr, sagt Maslow. Alles was man über die Geduld und Ruhe und Solidarität der Japaner hört - es ist eigentlich noch viel besser. "Die Leute wissen", sagt er, "bis die Hilfe der Regierung eintrifft, müssen lokale Mechanismen greifen - und es funktioniert. Als Erstes organisiert man sich selbst, Bürger vernetzen sich, sie gehen nachts mit Taschenlampen durch die Häuser und sehen nach dem Rechten, ob das Gas abgedreht ist und so weiter. Wir schließen ja nicht einmal unsere Wohnungen ab. Dann greifen Präfektur- oder Stadtbehörden und organisieren Hilfsleistungen. Und dann erst kommt der Staat."

Wasser, wo das Auto parkte

Es ist halb vier nachmittags, als die Riesenwelle über Kesennuma schwappt. Der junge Reporter Keiichi Nakane ist gerade dabei, Erdbebenopfer in einem Notaufnahmelager zu befragen. Plötzlich schreit jemand: "Der Tsunami kommt!" Im nächsten Moment schiebt die Welle Häuser und Autos vor sich her. Immer wieder, wie in Trance, drückt Nakane auf den Auslöser seiner Kamera. Die Menschen stürmen die Treppen hinauf auf das Dach, mit ihnen Nakane. Es ist der Moment, in dem er merkt, dass er selbst zum Opfer geworden ist. Dort wo sein Wohnblock stand: Wasser. Dort wo sein Auto parkte: Wasser.

Nakane ist einer von etwa 450, die der Tsunami zu Geiseln gemacht hat. Über Nacht suchen sie Zuflucht vor der Kälte im dritten Stock des Gebäudes. Mit 100 Menschen zwängt er sich in einen Lagerraum. Es ist so eng, dass einige versuchen, im Stehen zu schlafen. Aber die Nähe spendet Wärme, die Gespräche Trost. Am Morgen kommt ein Rettungshubschrauber, nachmittags ein zweiter. Nakane wird nach 43 Stunden gerettet.