E.on-Chef Johannes Teyssen

Wie ein deutscher Strommanager mit der Atomwende hadert

Er wirkt müde und gestresst. Seit Freitag stehe er "auf der Kommandobrücke", sagt Johannes Teyssen, der Chef des Energiekonzerns E.on. "Und ich bin seitdem kaum von der Brücke heruntergekommen." Es herrscht Ausnahmezustand für alle, die Atomkraftwerke betreiben.

Den lange geplanten Abendtermin in der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf hat er dennoch wahrgenommen. Es ist der erste große Auftritt des Mannes, dessen Unternehmen in Deutschland noch sechs Atomkraftwerke betreibt - solange es die Politik zulässt.

Teyssen spürt, dass er zurzeit wenig für seine Sache ausrichten kann, die Atomkraftbetreiber sind nun mal die Bösen. Das ärgert den Mann, der seit mehr als 20 Jahren in der Branche tätig ist. Aber da muss und will er durch. Einmal vergleicht er seinesgleichen sogar mit Gladiatoren, für die der Daumen bereits gesenkt ist. Das Publikum erwartet es so. Wobei wahrscheinlich, aber nicht ausgesprochen ist, dass er den gesenkten Daumen für den der Kanzlerin hält. Auf Nachfrage äußert er sich zu seinem Verhältnis zu Angela Merkel lieber nicht. Er wundere sich aber über die vielen Schnelldenker im Lande, die sich in den vergangenen Tagen zu Wort gemeldet haben, sagt er an anderer Stelle.

In Düsseldorf lässt er seinen Vortrag über die "Energiewende" gleich in der Aktentasche, stattdessen spricht er weitgehend frei über Japan und die Folgen. Er tut das in einer Mischung aus Nachdenklichkeit und Kompromissbereitschaft, manchmal sogar mit ein wenig Demut, aber immer mit Verständnislosigkeit über die Diskussion in Deutschland. Und er setzt eine moralische Kettenreaktion in Gang, die überrascht: Jetzt müssten doch die Hilfe und das Mitgefühl für die Japaner im Vordergrund stehen. Da könnten die Deutschen doch nicht über energiepolitische Fragen oder die Kosten der vorübergehenden Stilllegung alter Atommeiler debattieren. "Das ist der Zeit nicht angemessen", meint Teyssen.

Hochsensibles Netz

Er male "weder ein Beruhigungs- noch ein Armageddon-Szenario", merkt Teyssen an. Deutsche Kernkraftwerke hätten weiterhin den höchsten Sicherheitsstandard weltweit. Deshalb begrüßt er den geplanten Stresstest für Europas Kernkraftwerke, wie ihn EU-Kommissar Günther Oettinger vorgeschlagen hat.

"Ich sage nicht, dass wir jetzt einfach zur Tagesordnung übergehen können." Selbstverständlich müsse jetzt alles überprüft werden. Das Moratorium der Bundesregierung, die ältesten Kraftwerke für drei Monate abzuschalten, passt ihm allerdings überhaupt nicht. Es habe keinen Sinn. Schließlich müssten die Brennelemente nach Abschaltung noch bis zu fünf Jahre gekühlt werden. "Sofortiges Abschalten ändert überhaupt nichts am Sicherheitszustand. Wir hätten ohne Weiteres zwei oder vier Wochen Zeit gehabt, das alles zu besprechen."

Überhaupt sieht Teyssen durch den Kabinettsbeschluss die Sicherheit des Stromnetzes und der Versorgung gefährdet, wenn gleich sieben Meiler keinen Strom mehr lieferten. "Ich hoffe, die Politiker haben mögliche Probleme bedacht, die hier auftreten können", sagt der E.on-Chef mit leicht drohendem Unterton - und erinnert an den Ausfall des europaweiten Netzes vor einiger Zeit, weil im Emsland ein einziges Kabel abgeschaltet war. Das Netz sei hochsensibel. Und nur mit Windenergie könne man die Netzsicherheit nicht gewährleisten.