Börse

Ökonomen spielen den GAU durch

Ökonomen warnen nach der Atomkatastrophe in Japan vor schweren Schäden für die Weltwirtschaft. "Wenn sich an den Finanzmärkten Panik ausbreitet, gerät die Finanzierung von Investitionsprojekten und Handel in Gefahr. Das trifft dann auch die Konjunktur", sagte Konjunkturexperte Gustav Horn der Berliner Morgenpost.

Das Wirtschaftswachstum in Europa könnte dann deutlich schlechter ausfallen als bisher erwartet, fürchtet der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Auch andere Experten fürchten, dass die zuletzt kräftig angehobenen Prognosen für die Weltwirtschaft möglicherweise wieder herabgesetzt werden müssen.

Auf der ganzen Welt waren nach dem Erdbeben in Japan die Aktienkurse abgestürzt. Der Deutsche Aktienindex (Dax) verlor im Sog des japanischen Nikkei in der Spitze um 5,6 Prozent an Wert. Der Kursrutsch an den Finanzmärkten könnte auch die Europäische Zentralbank (EZB) zum Umdenken zwingen. Sie hatte auf ihrer Sitzung Anfang des Monats signalisiert, im kommenden Monat erstmals seit Juli 2008 die Zinsen wieder erhöhen zu wollen.

"Wenn sich die nuklearen Probleme in Japan vergrößern und die Aktienmärkte nicht nur ein oder zwei Tage, sondern ein oder zwei Wochen fallen, dann dürfte die EZB ihre Leitzinserhöhung verschieben", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Wenn die Weltmärkte für ein oder zwei Tage auf Talfahrt gehen, ist dies für die Konjunktur keine Gefahr. Wenn die Finanz- und Vermögenswerte aber weiter dauerhaft fallen, müssten Unternehmen Abschreibungen vornehmen. "Und das träfe auf einen Bankensektor, der nicht gesund ist", warnt IMK-Direktor Horn. Erinnerungen an den Beginn der Finanzkrise im Herbst 2008 könnten wach werden. Damals hatte die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers die Welt in eine Schockstarre versetzt.

Noch deuten Indikatoren, die die Angst auf den Finanzmärkten messen, nicht auf solch ein Horrorszenario hin. Aber solange nicht klar ist, wie stark sich die radioaktive Strahlung in Japan ausbreitet, ist es auch nicht auszuschließen. Die deutschen Immobilienfinanzierer prüfen bereits, was sie im Fall einer atomaren Katastrophe tun könnten. Insgesamt stecken Analysten zufolge bis zu acht Milliarden Euro aus Deutschland in japanischen Immobilien, die von radioaktiver Verseuchung bedroht sind.

"Wir haben jedoch keine Versicherung, es gibt auch keine Möglichkeit, die Gebäude gegen atomare Strahlung oder Schäden durch Kernenergie zu versichern" sagt Matthias Danne, Immobilienvorstand der DekaBank, die allein 550 Millionen Euro in Japan investiert hat.

"Keinerlei Erfahrungswerte"

Doch selbst wenn die Gebäude nutzbar bleiben: Im beengten Tokio macht der Grundstückswert rund 80 bis 90 Prozent des Immobilienwertes aus - und die Preise für Grundstücke dürften in einer verstrahlten Umgebung deutlich fallen. "Das Szenario, dass Tokio von nuklearem Fall-Out getroffen wird, hat bislang noch niemand zu denken gewagt. Hier gibt es keinerlei Erfahrungswerte", sagte Claus-Jürgen Cohausz, Vorstand der Westdeutschen Immobilienbank. Ob und wann die Immobilienfinanzierer nun die Gebäude, für die sie Hypotheken gewährt haben, neu bewerten müssen, sei völlig offen, sagt Gernot Archner, Geschäftsführer beim Bundesverband der Immobilien-Investment-Sachverständigen.

Angesichts der kritischen Lage des Atomkraftwerks Fukushima 1 spielen inzwischen auch einige Ökonomen einen Super-GAU durch. Das wirtschaftliche Leben im Großraum Tokio, wo 35 Millionen Menschen leben, könnte in diesem Katastrophenfall wochenlang stillstehen. "Große Teile der landesweiten Produktion kämen zum Erliegen", sagt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz. Besonders bitter: Konkurrenten würden Japan Marktanteile abnehmen, glaubt der Ökonom. Die japanische Wirtschaft wäre dauerhaft geschwächt. Im Großraum Tokio werden 18 Prozent der japanischen Wirtschaftsleistung erzeugt.

Ein GAU hätte auch Folgen für die Weltwirtschaft. Angesichts der hohen Arbeitsteilung zwischen den asiatischen Volkswirtschaften wäre die globale Produktion vorübergehend gestört. Besonders Südkorea und China handeln stark mit Japan. Das Wachstum in den asiatischen Ländern würde gedämpft werden. Das träfe indirekt die deutsche Wirtschaft, die zuletzt auch dank der boomenden Exporte nach China so stark gewachsen ist.

Vor allem aber dürfte ein Super-GAU Panik an den Finanzmärkten auslösen. Auch das hätte unmittelbare Folgen auf Europa: Die Euro-Krise dürfte sich verschärfen, weil Anleger nur noch in sichere Anlagen wie deutsche Staatsanleihen flüchten würden. Papiere von angeschlagenen Volkswirtschaften blieben eher liegen, die Länder müssten höhere Zinsen zahlen, um überhaupt Käufer zu finden, was wiederum die ohnehin belasteten Haushalte treffen würde.

Zudem würde sich der private Konsum abschwächen: "Ein dauerhafter Rückgang der Aktienkurse um zehn Prozent führt zu einer Verringerung des Konsums um 0,5 Prozent", sagt Uni-Credit-Volkswirt Andreas Rees.

Ländliche Regionen zerstört

Noch gehen Experten aber nicht davon aus, dass dieses Horrorszenario eintritt. Sollte sich die radioaktive Strahlung in Grenzen halten, "ist der wirtschaftliche Schaden nicht so dramatisch", sagt Edward Lincoln, Wirtschaftsprofessor und Japan-Experte der New York University. Denn das Beben und der Tsunami haben vor allem ländliche Regionen zerstört, das industrielle Zentrum Japans ist noch intakt.

Studien und die Erfahrung nach dem Erdbeben in Kobe 1995 zeigen, dass die Industrieproduktion nach einem schweren Erdbeben zwar kurzzeitig einbricht. "Doch wenn der Wiederaufbau einsetzt, wird sich das auch wieder positiv auf die Wirtschaft auswirken", sagt Lincoln.