Verkehr

Auf der Flucht nach Tokio

Nasushiobara gleicht einer Geisterstadt - Geschäfte und Behörden sind geschlossen, die Bürgersteige leer gefegt, die Tankstellen verlassen. Allein am Bahnhof pulsiert das Leben, die Menschen stehen dicht gedrängt - es ist der letzte noch geöffnete Bahnhof im nuklearen Krisengebiet rund um Fukushima. Nur von hier führt der Weg hinaus aus dem nuklearen Krisengebiet Japans.

Denn wer mit dem Auto versucht, die Stadt über die überfüllten Autobahnen zu verlassen, braucht Benzin - so viel wie möglich.

An der einzigen noch geöffneten Tankstelle Nasushiobaras stauen sich die Autos kilometerlang, fünf Stunden muss man mindestens warten. Sie beschweren sich nicht, sie weinen nicht, sie nehmen alles mit Würde. Doch an der Tankstelle anzustehen heißt für die Menschen in der Gefahrenzone, wertvolle Zeit zu verschwenden. Aus den Reaktoren in Fukushima 1, die Straße weiter runter, entweichen die radioaktiven Strahlen - und wer weiß schon, ob man überhaupt noch fünf Stunden Zeit hat, um vor den Strahlen zu fliehen.

Die Menschen, die sich am Bahnhof drängen, kommen aus der Stadt oder den umliegenden Orten, zu Fuß, mit dem Fahrrad, in den Händen noch die Kanister für Benzin - und es werden immer mehr. "Ich konnte nicht schlafen und habe Fernsehen geschaut", sagt Noriyuki Fukada, eine Englischlehrerin. "Dann wurde eine Regierungserklärung für 6.30 Uhr angekündigt. Ich dachte mir, wenn die Regierung etwas um 6.30 Uhr ankündigen will, kann es keine gute Nachricht sein."

Es ist keine gute Nachricht. Regierungssprecher Yukio Edano muss nach Tagen der Beschwichtigung zugeben, dass in einem der beschädigten Reaktoren die Brennstäbe freiliegen und radioaktive Strahlung in die Atmosphäre gelangt. Das Atomkraftwerk muss evakuiert werden, zurück bleibt nur das Skelett eines Notfallteams, das versucht, gegen die Katastrophe zu kämpfen. Und das Schlimmste: Eine Explosion am Tag zuvor hat möglicherweise die Reaktorhülle beschädigt, die letzte Barriere zwischen Reaktorkern und Außenwelt.

"Wir müssen feststellen", sagt Regierungssprecher Edano, "dass die ausströmende Menge mittlerweile gesundheitsgefährdend ist. Ich bitte Sie, die Nachricht mit Ruhe und Besonnenheit aufzunehmen." Die Schweißperlen sind deutlich auf seiner Stirn zu sehen.

Dies ist der Moment, in dem ich und ein Großteil der Bevölkerung von Koriyama, der dem Atomkraftwerk Fukushima 1 am nächsten liegenden Stadt, beschließen zu fliehen. Der Bahnhof von Koriyama ist schon seit Tagen geschlossen, doch das Gerücht geht um, dass immer noch ein paar Züge vom Bahnhof in Nasushiobara abfahren, einer rund 40 Kilometer entfernten Stadt.

Es ist nur eins von vielen Beispielen japanischer Güte, die in diesen Tagen trotz des Elends zu sehen sind: Viele der Menschen, die sich entscheiden, zu Hause zu bleiben, geben ihr wertvolles Benzin an die weiter, die mit dem Auto den Bahnhof in Nasushiobara erreichen wollen. Niemals würden sie Geld dafür annehmen. Und so setzt sich eine lange Autoschlange Richtung Süden in Bewegung.

Der Anblick der weißen Schnauze des langen Hochgeschwindigkeitszugs verschafft den Ankommenden ein tiefes Gefühl der Erleichterung. Japans Ruf in Sachen Atomkraft mag beschädigt sein, aber das Land stellt uns Mittel zur Verfügung, schnell aus der Gefahrenzone zu fliehen. In der Wartehalle des Bahnhofs herrscht eine japanische Version von Panik - eine, die sich dramatisch von der westlichen Variante unterscheidet - kein Geschrei, kein Geschubse. Aber auch ohne das ist den Menschen die Anspannung anzumerken. Man sieht in den Gesichtern bebende Nasenflügel und großen Schrecken in den Augen.

Die elektronische Tafel zeigt nur noch zwei Züge für diesen Tag - viel zu wenig für die Menschenmasse am Bahnhof. Die Situation wird unangenehm, die Stimmung angespannter, überall ist böses Zischen und Murmeln zu hören. Dann hören wir: Es hat etwas Falsches auf der Anzeigetafel gestanden.

Dann bricht in der Schlange am Kartenschalter Streit aus. Ein Mann will umständlich mit Kreditkarte bezahlen und hält alle anderen auf. Die Menschen sind gestresst, die wenigsten sprechen unsere Sprache, einer sagt nur: "Glücklich. Glücklich, hier rauszukommen." Die Rucksäcke der anderen und die Koffer, die wir sehen, sehen nicht nach Wochenendausflügen aus. Die Menschen sind darauf eingestellt, länger wegzubleiben. Wir sehen große Familien, Kinder, alte Menschen.

Und dann: Während Tausende auf den Zug warten, der sie aus der Stadt bringt, kommen auf dem gegenüberliegenden Gleis tatsächlich Menschen an, die hier hinwollen. Haben sie die Nachrichten nicht gehört?

Als wir abfahren, ist der Zug so voll, dass es keinen Zentimeter Raum für Bewegung gibt, nicht vor den Türen und nicht in den Gängen. Als der Zug Fahrt aufgenommen hat und wir uns mit Tempo 200 vom Kraftwerk entfernen, wird die Stimmung im Zug gelöster. Ich selbst fühle mich deutlich besser. Angst und Erleichterung: Dazwischen liegen nur 75 Minuten Fahrtzeit. Auch wenn das vielleicht eine Illusion ist. Der Wind hat zeitweise Richtung Tokio geweht, die radioaktive Strahlung in der Stadt hat zugenommen.

Frau Fukada, die Englischlehrerin, sagt: "Die Menschen wollen sich nicht mehr vorschreiben lassen, was sie tun sollen, und nicht wie Idioten behandelt werden. Das Problem mit Radioaktivität ist doch, dass du nichts wissen kannst - du bist von der Regierung abhängig, um die Informationen zu bekommen, die dein Leben retten. Nun haben wir selbst die Entscheidung gefällt, aber wir haben Angst, dass es zu spät ist."

Vielleicht ist es so. Vielleicht ist es zu spät. Es ist kein Trost, aber wenigstens war der Zug pünktlich.

© The Telegraph

Aus dem Englischen von Eva Sudholt