Ausstellung

Plötzlich ist Tschernobyl wieder aktuell

Mykola Wlasow ist, wie er sagt, "der Letzte aus dem Kommando". Seine Freunde von damals sind alle tot. Der heute 62-Jährige war einer der ersten Armeeangehörigen, die nach dem Super-GAU 1986 im Kernkraftwerk Tschernobyl eintrafen.

Acht Monate half er beim Bau des Sarkophags, des Betonmantels, mit dem die radioaktive Verseuchung um den explodierten Atomreaktor eingedämmt werden sollte. Den Ukrainer, der bei Operationen einen Großteil seines Magens verloren hat, treibt eine Mission: Er will, dass die Menschen nicht vergessen. Nach Japans Atomalarm gilt Wlasows Schilderungen nun besonders großes Interesse, - ebenso wie der Ausstellung "25 Jahre nach Tschernobyl".

Die Wanderschau wird in einer ehemaligen Werkstattgarage auf dem Landtagsgelände in Potsdam bis 25. März (Mo. bis Fr. 8 bis 17 Uhr) gezeigt. Wlasow und andere Zeitzeugen sind dort allerdings nur noch bis Freitag anzutreffen. Das Interesse ist so groß, dass ohne Anmeldung ein Gespräch mit ihnen in einer abgetrennten Ecke des Raumes schwierig werden dürfte. Zumindest eine Führung ergatterte die Schulklasse, die am Mittwochvormittag unangemeldet vor der Tür stand: Die Jugendlichen in einem Schulverweigerungsprojekt in Potsdam-Hermannswerder waren sichtlich betroffen von den Bildern und Schicksalen der Menschen nach der unbeschreiblichen Katastrophe, die am Sonnabend, dem 26. April 1986, um 1.23 Uhr mit der Explosion des Reaktors in Tschernobyl begann und die für die Überlebenden in der Region nie geendet hat. Noch heute leisten unzählige Vereine Tschernobyl-Hilfe, nehmen Kinder aus den verseuchten Gebieten zum Erholungsurlaub in Deutschland, Italien oder Frankreich auf. Über drei Jahre lang unterdrückten die Behörden Informationen zu den tatsächlichen Auswirkungen und stellten eine Rückkehr zum Leben vor der Katastrophe in Aussicht. Am 28. April erschien gegen 21 Uhr die erste kurze Meldung der Nachrichtenagentur Tass, sie wurde am nächsten Tag im "Neuen Deutschland" (ND) auf Seite 5 gedruckt. Elke Riemkasten, die zu den ersten Besuchern der Ausstellung in Potsdam gehört, erinnert sich: "Ich habe von dem Unglück über einen West-Sender erfahren, es war der Rias oder der SFB." Die Informationen in der DDR blieben zunächst spärlich, sagt die heute 60-Jährige, die 1986 als Ingenieurin in einem Büro am Prenzlauer Berg in Ost-Berlin arbeitete. Die Tochter war damals sechs Jahre alt, der Sohn neun. "Angst hatte ich keine", sagt Elke Riemkasten. "Wohin sollte ich auch mit ihr? Wir waren ohnehin in der DDR eingeschlossen." Vorsichtig wurde sie trotzdem. Pilze hat sie nie wieder gesammelt, bis heute nicht. Die Berlinerin hatte sich spontan entschlossen, die Ausstellung auf dem Brauhausberg in Potsdam anzusehen. "Das hier ist brandaktuell", sagt sie. "Die Spätfolgen der Katastrophe von damals sind grauenvoll, die Menschen haben so viel mitgemacht." Für Elke Riemkasten ist dies aber nur ein "Test dafür, was den Menschen in Japan bevorsteht". Sie befürchtet das Schlimmste. Das Ehepaar Barbara und Rüdiger Gomberg ist auch aus Berlin gekommen, aus Spandau. Barbara Gomberg kann sich noch allzu genau an die Zeit nach der Tschernobyl-Katastrophe erinnern. Und sie sagt: "Als ich das von Japan hörte, dachte ich, die Welt gerät aus den Fugen." Für Mykola Wlasow und die anderen Zeitzeugen von Tschernobyl ist sie das schon seit 25 Jahren.