Berliner Spaziergang

Vom Staatsfeind zum Behördenchef

Freiheit genießen. Der Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg, ein Tisch vor einem Café, Sonne. Roland Jahns Blick gleitet die Lychener Straße hinunter, über den Kinderspielplatz, hoch in den heute sehr blauen Himmel. Er denkt an seine Tochter, die Stieftochter, seine drei Enkel, die um die Ecke wohnen, genießt den Augenblick, die Sonnenstrahlen.

Er weiß genau, wann auf welcher Straßenseite die Sonne scheint. Er sucht sie, morgens beim Zeitunglesen und jetzt beim Spazierengehen. "Manchmal denke ich, das ist der letzte Rest von so einer Knastmacke", sagt er. Beinahe 30 Jahre ist es her, dass die Stasi ihn ins Gefängnis steckte. Weil er sich "ein Stück Meinungsfreiheit genommen hatte". Es gab keine Fenster, bloß Glasbausteine, die wenig Licht durchließen. Monatelang konnte er die Sonne nicht sehen, sie nicht auf der Haut spüren, "da hat sich diese wahnsinnige Sehnsucht entwickelt".

Ausgerechnet ihm, einem ehemaligen Stasi-Häftling, wird am morgigen Montag bei einem Festakt im Deutschen Historischen Museum das Amt des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR übergeben. Mit einer großen Mehrheit von 92,7 Prozent der Stimmen hatte der Bundestag ihn Ende Januar für die nächsten fünf Jahre gewählt. Nach Joachim Gauck und Marianne Birthler ist Roland Jahn nun der dritte Verwalter der 111 Aktenkilometer, er ist der erste von ihnen, der die volle Härte der DDR-Diktatur am eigenen Leib erfahren musste.

Roland Jahn, kleine Statur, kurzes graues Haar, kantiges Gesicht, möchte einen Spaziergang durch Prenzlauer Berg machen. Er trägt, wie eigentlich immer, Schwarz. Wir verlassen das Café und gehen der Sonne hinterher. Jahn deutet auf ein Haus, dort wohnen Freunde. Zeigt über die Straße, sein Lieblingsitaliener. Wenn er spricht, ist noch das Thüringische zu hören. Jahn wurde in Jena geboren, Jahrgang 1953, als zweiter von zwei Söhnen. Sein Vater hatte den Traum gehabt, Fußballer zu werden. Doch dann kam der Zweite Weltkrieg, er wurde eingezogen und verlor mit 17 Jahren ein Bein. "Seinen Traum verwirklichte er dann, indem er den Fußballklub Carl Zeiss Jena mit aufbaute", erzählt Jahn. Der Vater hätte es gern gesehen, wenn einer der Söhne seinen Traum gelebt hätte. Doch auch das wurde nichts. Roland Jahn verbrachte trotzdem viel Zeit auf dem Fußballplatz - als Zuschauer und Spieler. Gelernt habe er damals, "dass es immer auf die Mannschaft ankommt. Und: nicht aufgeben, gekämpft wird bis Spielende!"

Kontakt zu oppositionellen Gruppen

Die Eltern lebten ein braves, bürgerliches Leben. In der Partei waren sie nicht. "Die Erfahrung der Diktatur und des Krieges saß bei uns immer mit am Abendbrottisch", sagt Roland Jahn. Er meint das wörtlich. Jeden Abend sah er zu, wie sein Vater das Holzbein in die Ecke stellte. Seine Eltern ermahnten ihn: fleißig sein, nicht auffallen. Politik bringe nur Ärger. Der Vater arbeitete sich bei Carl Zeiss Jena zum Ingenieur hoch, entwickelte die Multispektralkamera MKF 6 mit, die der DDR-Kosmonaut Sigmund Jähn mit ins Weltall nahm. Sein Vater, erzählt Roland Jahn, habe dafür gesorgt, dass ein Wimpel des FC Carl Zeiss Jena mitflog. "Tja, das ist er gewesen." Er lächelt.

Das Verhältnis sei mitunter schwierig gewesen. "In der DDR hatte alles Auswirkungen. Wenn der Sohn den Mund aufmachte, waren die Eltern mit dran." Die Ängste der beiden und die Angst um sie waren auch bei Roland Jahn allgegenwärtig. Viele Kompromisse habe er ihretwegen gemacht. Und so war auch er bei den Jungen Pionieren, der FDJ, leistete den Grundwehrdienst in der Armee. Nach dem Abitur studierte Jahn Wirtschaftswissenschaften in Jena, wollte ebenfalls Karriere bei Carl Zeiss Jena machen. Es kam anders.

In den Siebzigern schon hatte Roland Jahn den Kontakt zu oppositionellen Gruppen gesucht. Die Szene in Jena war übersichtlich, schon bald war er einer der führenden Köpfe. Das blieb nicht unbemerkt. Im Februar 1977, wenige Wochen, nachdem er in der Universität die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann kritisiert hatte, wurde er zwangsexmatrikuliert. Ausschluss vom Studium an allen Hoch- und Fachschulen der DDR.

Roland Jahn zuckt mit den Schultern. Ihm fällt ein Text ein, "Ermutigung" von Wolf Biermann: "Du, lass dich nicht verbittern/ in dieser bittren Zeit./ Die Herrschenden erzittern/ sitzt du erst hinter Gittern/ doch nicht vor deinem Leid." "Das ist eines von den Liedern, die mich bis heute begleiten." In der DDR war es verboten, Jahn und seine Freunde überspielten sich die Musik trotzdem gegenseitig auf Tonband. "Manche sind dafür in den Knast gegangen."

Wir biegen aus der Greifenhagener in die Stargarder Straße. Vor uns ragt die Gethsemanekirche in den Himmel. In den 80er-Jahren trafen sich hier Oppositionelle und Anhänger der DDR-Friedensbewegung. Am 7. Oktober 1989, dem Nationalfeiertag und 40. Jahrestag der Staatsgründung der DDR, verhafteten Volkspolizei und Stasi hier mehr als 1000 Demonstranten. Jahn wohnt jetzt gegenüber. Jeden Tag hört er die Kirchenglocken, sieht die Gedenkstele der Robert-Havemann-Gesellschaft vor dem Portal. Vielleicht ist es kein Zufall, dass er nach der Wiedervereinigung mit seiner Lebensgefährtin ausgerechnet hierhin zog.

Der Widerstand zieht sich durch sein Leben. Schon im Zeugnis nach der achten Klasse habe gestanden: "Roland neigt dazu, in Opposition zu treten." Zu Hause guckte die Familie Westfernsehen, in seinem Zimmer hörte er den Rias, nahm für die Klassenfeier die Rolling Stones auf und Led Zeppelin. "Da sind einfach Fragen entstanden." Er stellte sie. "Das fiel auf."

Dabei habe er bloß ein selbstbestimmtes Leben führen wollen. Die Jungs hätten ihr Haar lang tragen wollen, erzählt er, wie die Stones. Mitschüler seien aus dem Unterricht geflogen deswegen. Wegen der Sache mit den Haaren fuhr er damals sogar nach Berlin, sprach im Ministerium für Volksbildung vor. "Ich habe mich beschwert, und am Ende haben wir durchgesetzt bekommen, dass wir unsere Haare so tragen dürfen, wie wir wollen." Er grinst. Wir gehen weiter, der Sonne nach, die jetzt schon ziemlich tief steht.

Dass es mitunter lebensgefährlich war, sich gegen die DDR-Führung zu stellen, machte der Tod seines Freundes Matthias Domaschk im April 1981 deutlich. Der 23-Jährige war in der MfS-Untersuchungshaftanstalt tot aufgefunden worden. Offiziell hieß es, er habe Selbstmord begangen, seine Freunde bezweifelten das. Am ersten Todestag schaltete Roland Jahn eine Todesanzeige in der Lokalpresse, die er auch in ganz Jena plakatierte. Und er kämpfte weiter. Mit einem weißen Plakat zum "Tag der Arbeit" - als Zeichen dafür, dass freie Meinungsäußerung nicht möglich war. Ein paar Jahre später nahm er, halb als Hitler, halb als Stalin geschminkt, auf einer 1.-Mai-Kundgebung die Parade ab. Im September 1982 wurde er nach einer Solidaritätsaktion für die polnische Solidarnosc-Bewegung verhaftet. Im Januar 1983 dann das Urteil des Kreisgerichts in Gera-Stadt: 22 Monate Haft.

Im Gefängnis sehnte er sich nach einem Gesprächspartner. "Man ist ganz allein mit sich. Da zweifelt man an der Welt, an allem." Aber auch dieses Erlebnis versucht Jahn, positiv zu sehen. Er sagt: "Jeder Tag im Gefängnis war einer zu viel, aber die Erfahrung möchte ich nicht missen." Wenn ihm heute einer dumm komme, denke er an das alte Biermann-Lied "Was dich nicht umbringt, macht dich stark". Je klarer er die Unfreiheit vor Augen behalte, desto besser könne er die Freiheit genießen. Vielleicht, sagt Roland Jahn, sei er deshalb heute ein Genussmensch, der gern gut isst und sich einfach mal etwas gönnt.

Abschiebung in den Westen

Wenige Monate nach seiner Haftentlassung, an einem sommerlichen Tag im Juni 1983, hatte Roland Jahn einen Termin beim Wohnungsamt. Dort legte man ihm ein Schreiben vor: die "Urkunde zur Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR". Stasi-Männer brachten ihn zum Bahnhof, fesselten und knebelten ihn und schlossen ihn im letzten Wagen des Interzonenzuges ein. Erich Mielke persönlich hatte die gewaltsame Abschiebung verfügt. Kurz vor seinem 30. Geburtstag fand Jahn sich plötzlich in der bayerischen Provinz wieder. "Die haben mich abtransportiert wie ein Stück Frachtgut. Nicht aus der DDR, sondern aus meiner Heimat." Die Abschiebung nach Westdeutschland bestrafte nicht allein ihn, "das hat man meiner ganzen Familie angetan." Das, sagt er, sei schlimmer gewesen als Knast. Man dachte, man wäre ihn los. "Aber ich konnte nicht loslassen. Ich wollte zurück. Heimat gibt es ja auch in der Diktatur."

Als er seine Mutter anrief, habe sie geweint und gesagt: "Man hat uns unseren Sohn gestohlen!" "Das werde ich nie vergessen." Dem Vater wurde außer dem Kind noch der Fußballklub genommen, man warf ihn einfach raus. Er erlitt einen Herzinfarkt, wurde krank. "Ich habe gemerkt, auch im Westen lebe ich nicht in Freiheit, solange diese Mauer steht." Fortan habe er nur noch ein Ziel gehabt: "Diese Mauer muss fallen."

Als Journalist versuchte er weiter, auf die Missstände in der DDR aufmerksam zu machen. 24 Jahre lang arbeitete er für das Fernsehmagazin "Kontraste", zuletzt als Chef vom Dienst. Als Kontaktmann zwischen DDR-Oppositionellen und West-Medien ließ er Druckmaschinen, Kameras und Computer nach Ost-Berlin schmuggeln. Aufklärer sei er, "damals wie heute, nur eben in veränderter Position".

Wir haben die Danziger Straße überquert und stehen nun vor einem Haus in der Rykestraße. Mehrfach versuchte er, nach Jena zu reisen. Oft wurde er geschnappt, verprügelt, zurück gezwungen. Im April 1985, nach einer Prag-Reise, landete er in Schönefeld - und kam unbemerkt durch die Kontrolle. Mit der S-Bahn fuhr er in die Rykestraße mitten in Ost-Berlin, zur Wohnung von Freunden, den Bürgerrechtlern Gerd und Ulrike Poppe. Ein Freund brachte ihn mit dem Trabi nach Jena. Und dann stand er, drei Jahre nach seiner Abschiebung, plötzlich vor dem Haus seiner Eltern. Sah hoch zum Fenster. Traute sich nicht, zu klingeln. Er dachte an die Schwierigkeiten, die ihnen seine illegale Einreise bescheren könnte. Und fuhr wieder fort. Erst Jahre später sah er seine Eltern wieder. Die Freunde in Ost-Berlin überredeten ihn, in den Westen zurückzugehen, weil er den Untergrund von dort aus besser unterstützen könne. Wir sind mittlerweile bei der Wohnung eines Freundes angelangt. Auf dem Dach machen wir das Foto. Man kann weit über die Dächer Berlins sehen. Die Stadt ist frei. Jahn ist frei.

Im Dezember 1989 traf er in Jena auf der Straße zufällig den Stasi-Mann, der ihn im Gefängnis verhört hatte. "Jetzt wollen Sie wohl Rache?", habe der gefragt. "Aber ich meinte nur: 'Nein, Gerechtigkeit.'" Der Stasi-Mann war arbeitslos. "Das war mir genug. Zu sehen, die haben keine Macht mehr."

Von Montag an wird er mehr als 1800 Mitarbeiter haben. Im Februar kam heraus, dass etwa 50 von ihnen früher bei der Stasi waren. Unter seiner Leitung, sagt Jahn, wären sie niemals eingestellt worden. Wie er damit umgehen wird, müsse er sehen. "Mein Prinzip ist: erst recherchieren, dann senden." Er sieht sich als Anwalt der Opfer. Während Gauck wortmächtig gegen das Vergessen ankämpfte, Täter und Opfer benannte, und Birthler auf die anderen, auf Zeichen des Mutes aufmerksam machte, aber auch für vieles kritisiert wurde, will Jahn die Erfahrungen der DDR-Diktatur ins Heute übersetzen, "gerade der jungen Generation, die nach 1989 geboren wurde, muss man zeigen, dass das auch etwas mit ihrem Leben zu tun hat." Als einen Schwerpunkt möchte er das "System der Angst und der Sippenverfolgung" stärker untersuchen lassen. "Menschen wie meine Eltern, eigentlich vernünftige, ehrliche Leute - warum haben die in einem solchen System funktioniert?" Wie rebellisch er heute sei? Er antwortet mit einem Liedtext der Band "Ton Steine Scherben": Alles verändert sich, wenn du es veränderst. "Das Motto habe ich nicht aufgegeben."