Tarifkonflikt

Zwischen Wut und Warten - Berlin und der Bahn-Streik

Es ist der zweite große Tarifkonflikt zwischen Deutscher Bahn (DB) und Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) seit 2007/2008. Im Sommer 2010 nahm der Streit seinen Anfang, nun eskaliert die Lage. Und wieder ist die Berliner S-Bahn betroffen. Eine Chronologie.

4.03 Uhr, Jungfernheide: Auf der Ringbahn geht nichts mehr. Seit vier Uhr ist der Verkehr faktisch zusammengebrochen. Eines der ersten Streikopfer ist Elfy Rozgonyi. Sie muss zum S-Bahnhof Schönhauser Allee. "Ich fange um 4.30 Uhr an zu arbeiten", sagt sie. "Es sind doch eigentlich nur ein paar Stationen auf dem Ring." Jetzt sitzt sie auf dem U-Bahnhof der Linie U7. Eine Stunde Verspätung oder mehr wird sie haben, bis sie in ihrem Zeitungsladen ankommt. Nach Dauerkrise, Sommer- und Winterchaos reicht es vielen Fahrgästen. "Das ist totaler Mist, was die S-Bahn mit uns macht", sagt Patrick Malewschik. "Vielleicht sollten wir alle mal für mehr Geld streiken." Umstehende Fahrgäste nicken. Verständnis für die Lokführer und ihre Forderungen hat gerade niemand.

5.30 Uhr, Charlottenburg: Ein Zug der Linie S75 Richtung Spandau steht auf den Gleisen. Ein paar Fahrgäste sitzen im Warmen. "Streik? Ich denke, die S-Bahn ist nicht davon betroffen", sagt Kevin Lindner. Der Mann hat Glück. Seine Bahn fährt pünktlich ab. Zwischen zwei Sitzreihen liegt ein junger Mann und schläft scheinbar seinen Rausch aus. Diesen Streik wird er wohl verschlafen.

7.45 Uhr, Gesundbrunnen: Kein Zug auf dem Ring, keiner in Richtung Friedrichstraße. Nur nach Bernau und zurück pendelt die Linie S2 unregelmäßig. Irina Beuss aus Zepernick steigt aus dem Zug. Auf der Anzeigetafel steht nur: "GDL-Streik bis 10 Uhr". Die junge Frau schaut hektisch auf die Uhr. Um 8.15 Uhr hat sie eine Prüfung an der Landsberger Allee. "Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll", sagt die Auszubildende. Was sie von all dem hält? Es fällt das böse Wort mit A.

7.55 Uhr, Alexanderplatz: Normalerweise wäre jetzt Stoßzeit im Nahverkehr. An diesem Morgen bleiben die Bahnsteige weitgehend leer. Nur wenige Fahrgäste schauen verwirrt auf die Anzeigetafeln. "Fährt heute gar nichts mehr?", fragt Petra Kögler. Ein Service-Mitarbeiter der Bahn erklärt ihr Alternativen. Die 50-jährige Lehrerin hatte zwar am Vorabend vom Streik gehört. "Ich habe gehofft, dass einige Züge trotzdem fahren", sagt sie.

8 Uhr, Jungfernheide: Jetzt trifft der Streik viele Fachbesucher der Touristikmesse ITB. Yvonne Halmig ist kurz zuvor in Tegel gelandet. Sie kommt aus Karlsruhe und will auf die Tourismus-Börse. "Ich hatte von dem Streik gehört. Jetzt werde ich mich durchfragen müssen."

8.20 Uhr, Gesundbrunnen: Liane Kahl und Tochter Anna (3) wollen nach München. Doch nicht einmal die Service-Mitarbeiter der Bahn wissen, wie das an diesem Morgen gehen soll. Ein paar Meter weiter steht GDL-Streikposten Guido Beduschi, Lokführer bei der S-Bahn. Wenn Fahrgäste ihn ansprechen, versucht er zu erklären, warum die Lokführer streiken. "Wir kämpfen gegen Lohndumping", sagt er. Sollte der Preiskampf anhalten, müssten auch die S-Bahner bei einer Ausschreibung um ihre Jobs bangen.

8.45 Uhr, Jungfernheide: Manchmal ist der Weg um den halben Globus einfacher als der nach Zehlendorf. Fragend blickt ein junger Mann in Uniform auf die Uhr und die Anzeigetafel. Er ist Flugbegleiter bei der Lufthansa. Nur kurz zuvor ist er aus Hongkong über München nach Berlin gekommen. "Von dem Streik habe ich nichts gehört. Da war ich in der Luft."

9.07 Uhr, Ostbahnhof: Markus Bischof aus Treptow wartet seit einer Stunde auf seinen Zug nach Frankfurt (Oder). Für die Lokführer hat er kein Verständnis. "Es geht doch nur um Streitereien zwischen den Gewerkschaften", sagt er und fordert: "Im öffentlichen Verkehr sollten Streiks verboten werden." Anja Röhl, die neben ihm sitzt, fällt ihm ins Wort. "Es enttäuscht mich immer wieder, wie unsolidarisch die Menschen mit den Streikenden sind", sagt sie. "Ich finde, Lokführer haben eine verantwortungsvolle Aufgabe, die angemessen bezahlt werden sollte."

9.20 Uhr, Hauptbahnhof: Zum ersten Mal seit Streikbeginn fährt ein Zug über die Stadtbahn. Die S3 kommt aus Erkner und fährt bis zum Bahnhof Zoo. Paradox: Der Zug ist leerer als gewöhnlich um diese Tageszeit. Viele Berliner haben sich andere Wege gesucht. Auf den Anzeigetafeln im Erdgeschoss rattern die Informationen. "Zug fällt aus", heißt es vor allem bei den Regionalverbindungen. Im Fernverkehr fahren viele Züge - allerdings oft mit gewaltiger Verspätung. Den traurigen Rekord hält ein Zug nach Warschau mit mehr als vier Stunden. Bahn-Mitarbeiter schenken kostenlosen Kaffee und Tee aus.

9.41 Uhr, GDL-Zentrale am Ostbahnhof: Roland Parnitzke und Frank Nachtigall sehen übernächtigt aus. Auf dem Boden ihres Büros liegen Luftmatratzen und Decken. "Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan", sagt Parnitzke. Die beiden Gewerkschafter haben in den letzten zwölf Stunden vor allem Kollegen beraten. "Aber natürlich erreichen uns auch Beschwerdeanrufe von Fahrgästen", sagt Nachtigall. Wir versuchen dann, unsere Situation und unsere Ziele zu erklären." Parnitzke ist froh, dass trotzdem viele Menschen Verständnis haben. "Aber das dürfen wir uns nicht verscherzen."

9.50 Uhr, Hauptbahnhof: Christoph Mattes steht auf dem Bahnsteig von Gleis 14 - seit 8.20 Uhr. Der Heimweg nach Schwaben wird zur Tortur. Der erste Zug nach Stuttgart ist ausgefallen, der zweite soll nun 45 Minuten Verspätung haben. Der 32-Jährige ist genervt - vor allem, weil ihn auf der Hinfahrt nach Berlin auch schon ein Warnstreik der Lokführer getroffen hat. "Das ist jetzt der vierte Aktion in kürzester Zeit", sagt er. "Es reicht." Sein Appell an die Gegner im Tarifkonflikt: "Ihr seid doch alles erwachsene Menschen. Redet miteinander."

10.20, Uhr Messegelände: Natürlich ist der Bahnstreik ein Thema auf der ITB. Mit schweizerischer Gelassenheit nimmt es Fabienne Panny vom Tourismusverband Brig: "Es ist schön blöd, dass die S-Bahn ausgerechnet während der ITB bestreikt wird. Die U-Bahn ist überfüllt und langsamer." Mit zehnminütiger Verspätung eröffnete sie den Messestand um 10.10 Uhr. Doch das fällt kaum auf - denn auch die Besucher erreichten die ITB mit Verspätung.

10.40, Uhr Hauptbahnhof: Trost kommt immerhin aus dem hohen Norden. Ein Mädchenchor aus Finsnes (Nordnorwegen) singt spontan für die genervten Fahrgäste. Manche lächeln zum ersten Mal an diesem Tag.