Bundeswehr

Freud und Leid mit Guttenbergs Erbe

Ob ihm denn nicht das Haargel ausgehe, wenn er wegen der Aschewolke so lange im Ausland festhänge. Das fragte ein Hauptfeldwebel, der im April 2010 in Afghanistan schwer verwundet wurde, den damaligen Verteidigungsminister auf dem Rückflug in die Heimat. Und Karl-Theodor zu Guttenberg lachte herzlich.

Der CSU-Politiker war damals gerade auf Truppenbesuch. Dann aber waren bei einem Anschlag vier Soldaten getötet worden. Guttenberg blieb zur Trauerfeier und flog dann mit den verwundeten Kameraden zusammen zurück. Wegen der Vulkanasche wurde dies zu einer Odyssee quer durch Europa. Im Airbus stand er an den mobilen Krankenbetten der Soldaten und flachste mit über seine dauergegelte Frisur. Jener Hauptfeldwebel las den Satz später in der Zeitung und freute sich.

Es sind wohl Szenen wie diese, an die sich die Soldaten im Einsatz jetzt besonders erinnern. Tatsächlich ist es dem zurückgetretenen Verteidigungsminister Guttenberg wie keinem seiner Vorgänger gelungen, das in die Öffentlichkeit zu tragen, was Bundeswehrsoldaten in Afghanistan leisten - und unter welchen Bedingungen. "Er war der erste Verteidigungsminister, der es geschafft hat, überhaupt ein öffentliches Interesse an Sicherheitsfragen zu erzeugen", sagt der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Klaus Naumann. Die meisten Menschen hätten Sicherheit als eine Selbstverständlichkeit betrachtet und geglaubt, "dass wir uns zurücklehnen können, weil sich die USA kümmern". Guttenberg habe hier tatsächlich einen Sinneswandel erzeugt, auch innerhalb der Bundesregierung.

Kritik in der Heimat

So beliebt der CSU-Politiker an der Front war, so deutlich wuchs in der Heimat allerdings die Kritik an seinen Reformplänen. Es gebe viel Rummel und wenig Konkretes, heißt es selbst in Regierungskreisen. Das "kühl kalkulierte Manöver" beruhe allein auf Ankündigungen. Vom neuen Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) erhoffen sich jetzt gerade die länger gedienten Bundeswehrangehörigen mehr Seriosität als von Guttenberg; manche ziehen bereits Vergleiche zum früheren Verteidigungsminister Georg Leber (1972 bis 1978), der als Soldatenvater in der Truppe enorm beliebt war.

Dass Guttenberg den Afghanistan-Einsatz als erster Verantwortlicher Krieg nannte, und dass er sich das alle zwei Monate vor Ort angesehen hat, rechnen ihm viele Soldaten hoch an. "Die haben es sehr geschätzt, wie er mit ihnen umgegangen ist", sagt der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus (FDP). Auch mit den Mannschaftsdienstgraden und den Unteroffizieren habe sich der ehemalige Minister immer auf Augenhöhe unterhalten und um deren Belange bemüht. "Das haben die wirklich sehr genossen."

Auch wenn viele Kritiker Guttenbergs "Herumgeturne an der Front" eher als ein Mittel zum Zweck der Selbstinszenierung betrachtet haben - tatsächlich findet man in Afghanistan kaum Soldaten, die den Rücktritt "ihres Ministers" nicht bedauern. "Durch seine Medien-Affinität gab es so viele Bilder mit Tarnfleck-Uniformen wie nie", sagt etwa ein Oberstleutnant in Masar-i-Scharif, der sich "nicht unbedingt als Mitglied im Guttenberg-Fanclub" bezeichnet. "Auch wenn die Soldaten oft nur Staffage waren - dieser Minister hat uns einfach gutgetan."

"Guttenberg hat die Bundeswehr und den Nicht-,Bürger in Uniform' näher zusammengebracht", meint auch der Historiker Michael Wolffsohn. Das habe er nicht zuletzt bei der Trauerfeier für die drei im Februar in Afghanistan getöteten Soldaten gesehen. "Da standen ganz viele Zivilisten auf dem Marktplatz", sagt der Professor aus München, "und zu einer Trauerfeier geht niemand freiwillig, der nicht irgendeine Verbindung hat." Früher seien die Särge der im Auslandseinsatz getöteten Soldaten an einem Hangar des Militärflughafens Köln-Wahn abgeholt worden. Das hätten auch viele Hinterbliebene als unwürdig empfunden. Guttenberg habe die Trauer um Gefallene zurück in die Bevölkerung getragen. "Dieses Verdienst kann nicht weggeredet werden", sagt Wolffsohn.

De Maizière hat nach seinem Amtsantritt angekündigt, Entscheidungen zur Neuausrichtung der Bundeswehr erst "nach einer gründlichen Lagefeststellung" zu treffen. Unionspolitiker dringen nun auf eine Fortsetzung der Reform. Es gebe keinen Korrekturbedarf, betont etwa CSU-Chef Horst Seehofer. Die Reform werde weder verschoben noch verwässert.

Bundeswehr unter Zeitdruck

So oder so hat de Maizière nun ein dickes Brett zu bohren. "Der neue Verteidigungsminister steht vor einer Baustelle, auf der jede Menge Steine, Mörtel und Geräte rumliegen", sagt Klaus Naumann. "Aber noch nicht einmal der Architektenentwurf ist klipp und klar fertig." Es sei richtig, dass sich de Maizière Zeit nehme, um die fehlenden Entscheidungen zur Struktur der Bundeswehr zu treffen. "Das Wichtigste jedoch ist, dass in dieser Reform, die unglaublich schnell erfolgen soll, nun die Bedingungen festgelegt und in Gesetze gefasst werden, unter denen junge Menschen künftig dienen sollen", sagt der Ex-Generalinspekteur. "Das muss umgehend geschehen, sonst werden am 1. Juli die Freiwilligen fehlen." Naumann war von 1991 bis 1996 Generalinspekteur der Bundeswehr. In dieser Zeit war er auf militärischer Seite für die Integration der ehemaligen NVA der DDR in die Bundeswehr zuständig - was als ähnlich großes Projekt gilt wie die anstehende Bundeswehrreform.

Auch der Wehrbeauftragte sieht die Bundeswehr jetzt unter großem Druck. "Damit die Nachwuchsgewinnung nicht völlig zum Erliegen kommt, müssen wir all denjenigen, die sich für die Bundeswehr interessieren, schnellstmöglich eine konkrete Perspektive bieten", sagt Königshaus. Weil derzeit die finanziellen Bedingungen für das geplante Attraktivitätsprogramm noch nicht klar seien, müsse man Interessierten jetzt eine verbindliche Zusage geben, dass sie von den unter anderem angedachten Verpflichtungsprämien profitieren werden.

Königshaus fordert ebenso vernünftige Übergangslösungen. "Diese Phase der Unsicherheit wird für die Soldaten immer unerträglicher", sagt Königshaus. "Die müssen ja auch persönliche Entscheidungen treffen, bis hin zur Familienplanung." Wegen der Reformpläne wüssten viele Kameraden nicht einmal, was künftig aus ihrer jeweiligen Truppengattung werde, geschweige denn aus ihrer Kaserne. "Und wenn sie davon ausgehen, dass sie quer durch die Republik versetzt werden und ihr Familienleben künftig als Wanderzirkus gestalten müssen, dann will doch keiner mehr in diese Armee." Bei der Reform dürfe man nicht nur betriebswirtschaftliche Aspekte behandeln, sondern müsse auch den derzeit aktiven Soldaten attraktive Rahmenbedingungen bieten. Viele klagten jedoch über einen Stillstand bei Weiterverpflichtungen. "Sie verstehen nicht, warum immer wieder öffentlich der Nachwuchsmangel bedauert wird, sie als Spezialisten aber aus formalen Gründen nicht gehalten werden."

Die Transformation von Streitkräften beginne in den Köpfen, resümiert der ehemalige Generalinspekteur Harald Kujat (2000 bis 2002). "Soll sie erfolgreich sein, muss die Gesellschaft sich gemeinsam mit der Bundeswehr auf den Weg begeben."