Interview

"Islambild von extremen Gruppen geprägt"

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Aiman Mazyek ist Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Über das Attentat von Frankfurt sprach er mit Günther Lachmann.

Herr Mazyek, der Attentäter von Frankfurt sympathisierte offenbar mit der deutschen Salafisten-Szene um Leute wie Pierre Vogel, Sven Lau oder den Prediger Scheich Abdullatif aus dem Raum Frankfurt. Was wissen Sie über diese Leute?

Aiman Mazyek: Ich weiß über sie auch nur das, was im Internet zu finden ist. Wir haben mit ihnen keine organisatorische Verbindung.

Aber Sie müssen sich mit ihnen auseinandersetzen. Und sei es nur, weil diese salafistischen Gruppen auch zum Islambild beitragen.

Aiman Mazyek: Das Islambild wird leider seit Langem von fanatischen, extremen Gruppen geprägt, die aber nichts mit der großen Mehrheit der Muslime zu tun haben.

Und das nehmen Sie einfach so hin?

Aiman Mazyek: Natürlich nicht, aber in der Öffentlichkeit gilt meist das Prinzip: "bad news are good news", von Ausnahmen mal abgesehen wie zum Beispiel den friedlichen Revolutionen für Demokratie in der arabischen Welt. Radikale erhalten leider überproportional viel Aufmerksamkeit. Das können wir nicht beeinflussen.

Gerade diese Gruppen missionieren offensiv in Deutschland. Das kann Ihnen doch nicht recht sein?

Aiman Mazyek: Das tun sie seit vielen Jahren. Ihr Erfolg ist allerdings sehr bescheiden. Auch hier verfälscht die Berichterstattung das Bild. In Deutschland gibt es über 2000 Moscheegemeinden. Die der Radikalen können Sie an einer Hand abzählen. Diese Realität aber wird durch die Medien nicht transportiert.

Anders gefragt: Inwieweit setzen Sie sich mit den islamistischen Netzwerken auseinander, die von den deutschen Sicherheitsdiensten beobachtet werden?

Aiman Mazyek: Indem wir deutlich machen, dass der Islam mit friedlichen Absichten kommt und die Menschen keine Angst vor ihm haben brauchen. Indem wir sagen, dass der Missbrauch einer Religion keine Eigenart einer bestimmten Religion ist und schon gar nicht ihren Anhängern einfach zugeschrieben werden kann. Wenn unser Prophet sagt: "Der Beste unter euch Muslimen ist der, bei dem die Menschen in Sicherheit sind", dann predigen wir das nicht nur, sondern versuchen es auch tagtäglich zu praktizieren.

Wenn diese Menschen in die Moscheen kommen: Wer unterbindet, dass sie Menschen für den Terror agitieren können?

Aiman Mazyek: Die große Menge der Moscheegemeinden verweigert Extremisten die Möglichkeit, zu predigen oder Reden zu halten. Die Mehrheit der Muslime will damit nichts zu tun haben, weil das nicht mit ihrer Religion in Einklang zu bringen ist. Die wenigen Orte, an denen Radikale vermutet werden, sind den Sicherheitsbehörden ohnehin besser bekannt als uns. Dennoch setzen wir uns auch aktiv mit dem Thema auseinander.

Welche Rolle spielte der Islam bei den Revolutionen?

Aiman Mazyek: Sicher spielt Religion bei den Menschen dort eine wichtige Rolle. Die Revolutionen in der muslimischen Welt haben gezeigt, dass Fanatismus vielleicht auch gerade deswegen eben nicht die Haupttriebfeder muslimischen Handelns ist. Die Menschen dort haben die Sehnsüchte, die wir alle haben. Wir haben das immer schon gesagt, aber man glaubte uns das nicht - oder legte uns diese Worte gar taktisch aus. Und wir haben auch immer gesagt: Extremismus und Terrorismus können am besten gedeihen auf dem Nährboden von Unrecht, Ungerechtigkeit, Armut und mangelnder Partizipation. Wer den Terror austrocknen will, muss diese Ursachen beseitigen.

Diese Argumentation lässt sich nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragen. Warum werden junge Deutsche zu Terroristen?

Aiman Mazyek: Im übertragenen Sinn doch, weil sich diese Menschen ungerecht behandelt oder diskriminiert fühlen. Und dann kommen noch Minderwertigkeitsgefühle dazu. Ich glaube, die Mechanismen sind ähnlich. In den 70er-Jahren hatten wir den Terror der RAF. Da gab es dieses subjektive Empfinden der Gruppe, ausgegrenzt zu sein. Ihre ursprünglichen Ideen traten so immer weiter in den Hintergrund, und die Gruppe radikalisierte sich. Solche Prozesse gibt es auch anderswo.