Attentat von Frankfurt

Allein, jung, gefährlich - und islamistisch

| Lesedauer: 6 Minuten
Dirk Banse, Hannelore Crolly, Florian Flade und Martin Lutz

Normalerweise haben neue Minister eine Schonfrist von hundert Tagen. Doch für Hans-Peter Friedrich begann seine Amtszeit gleich mit dem Ernstfall: Mit dem Ereignis, vor dem sich das Land schon so lange fürchtet und das nach Einschätzung von Experten nur eine Frage der Zeit war. In ganz Deutschland liefen Terrorermittlungen.

Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die das Bundeskriminalamt einschaltete, übernahm das Verfahren.

Und dann war er plötzlich da: der Tag, an dem Deutschland zum ersten Mal von einem islamistischen Anschlag erschüttert wurde.

Im Moment zweifelt jedenfalls kein ein Ermittler daran, dass der Kosovo-Albaner Arid U. ein religiöser Eiferer und ein Einzeltäter ist. Am Mittwoch hatte der 21-Jährige einen Armeebus mit einer rund 1000 Euro teuren Pistole angegriffen, dabei zwei US-Soldaten erschossen und zwei weitere schwer verletzt. Die Amerikaner saßen im Bus vor dem Terminal 2 des Flughafens, sie sollten zum US-Luftwaffenstützpunkt nach Ramstein in Rheinland-Pfalz gefahren werden. Von dort wollten sie zu Einsätzen in den Irak und nach Afghanistan aufbrechen. Bislang liegen keine Hinweise darauf vor, dass hinter dem Attentäter eine Terrorzelle steht. Das Blutbad markiert aber eine Zäsur. Denn bisher gab es Tote und Verletzte nur bei islamistischen Terrorangriffen auf deutsche Touristen und Einrichtungen im Ausland, insbesondere auf die Bundeswehr.

Der Terrorverdächtige Arid U., der am 8. Februar 1990 in einem Dorf am Stadtrand von Mitrovica im Norden Kosovos geboren wurde und ein Jahr später nach Deutschland kam, entwickelte sich durch das Internet zu einem islamistischen Gotteskrieger. Im Polizeiverhör erläuterte er bereits sein islamistisches Motiv. Demnach überfiel er die US-Soldaten, weil er glaubte, Amerika befände sich im Krieg gegen den Islam. Videos, die er im Internet gesehen habe, hätten ihn dazu animiert. Im Netz nannte er sich Abu Reyyan. Auf seinem Facebook-Profil trat er als Verteidiger des Islam auf, der die Welt in Gläubige und Ungläubige einteilt, islamistische Rap-Musiker und Youtube-Prediger verehrt. Er verlinkte Videos mit Dschihad-Hymnen und ließ seinem Hass freien Lauf - auf Juden, Schiiten, alle Ungläubigen: "Selbst wenn jemand zum Dschihad aufrufen würde", schrieb er, "na und? Das ist nun mal Teil dieser schönen Religion. Man darf nun mal Ungläubige bekämpfen, wenn man angegriffen wird." Im Internet erschien er als Waffennarr und Spieler von gewaltverherrlichenden Computerspielen. Als Lieblingswaffe bezeichnete er das Scharfschützengewehr Barret M 82.

Vieles spricht dafür, dass Arid U. den Heiligen Krieg nun auch in die Realität getragen hat. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) befürchtete bereits seit Langem, dass die Indoktrination und Anwerbestrategien der Islamisten ein tödliches Ergebnis haben würden. "Ein realisierter Terroranschlag mit islamistischem Hintergrund auf deutschem Boden ist ein Novum", sagte Terrorismus-Experte Bernd Georg Thamm.

Das Prinzip "einsamer Wolf"

Dabei war Arid U. deutschen und kosovarischen Sicherheitsbehörden nicht aufgefallen. Er fand sich auf keiner Gefährderliste, besuchte kein Terrorcamp. Die Familie U. gilt als religiös, nicht als fanatisch. Der Vater soll im Kosovo Imam gewesen sein. Sein Sohn, so Murat U., sei am Mittwoch nicht von der Arbeit gekommen, mehr wisse er bislang nicht. Im Kosovo berichtet der Onkel, Arid sei ein gläubiger Muslim, ein junger Mann, der seine Religion ausgesprochen ernst nehme.

Arid U., der unauffällige "einsame Wolf". Die Taktik, ohne Gruppe und Mitwisser vorzugehen, propagiert die Terrororganisation al-Qaida seit Jahren. Genau das machte ihn so gefährlich. Er gehört zu jener neuen Terroristengeneration, die in Deutschland aufwuchs und sich hier radikalisierte. "Der Fall in Frankfurt zeigt, dass man das Phänomen des Homegrown-Terrorismus sehr ernst nehmen muss", sagt Terrorexperte Thamm. Der Internet-Islamist Arid U. entfremdete sich immer mehr von dem Land, in dem er lebte. Deutschland, unter der Führung der "Ungläubigen Merkel", habe sich mit der Solidarität zu Israel auf die Seite der Juden geschlagen. Das erschien ihm wie eine Kriegserklärung. Und Arid U. wollte in den Krieg ziehen. Am heimischen Computer bereitete sich der Islamist auf den Dschihad vor. "Black Ops" heißt eines jener Kriegsspiele, die er sehr gern spielte.

Er sympathisierte auch mit der radikalen Salafisten-Szene um Größen wie Pierre Vogel, Sven Lau, Abou Ibrahim Nagdie und Sheikh Abdullatif. Letzterer gilt als einflussreicher Prediger im Großraum Frankfurt. Unbestätigt blieben Hinweise, wonach Arid U. Verbindungen zu dem Deutsch-Syrer Rami M. hatte, der 2010 nach einem Aufenthalt in einem pakistanischen Camp verhaftet worden war.

Da der Attentäter den Nachrichtendiensten unbekannt war, konnte er sogar am Frankfurter Flughafen arbeiten. Über eine Zeitarbeitsfirma war er Ende 2010 an einen der begehrten Airport-Jobs im Internationalen Postzentrum gekommen. In der Nähe von Terminal 2 sortierte und verteilte er mit einem befristeten Arbeitsvertrag Post. Seine Beschäftigung sollte Ende März wieder enden, obwohl der Todesschütze von Frankfurt offenbar nicht negativ auffiel. Jährlich werden rund 500 Aushilfen für die zusätzliche Belastung vor und nach Weihnachten eingestellt, die dann nicht mehr gebraucht werden.

Einen ersten Hinweis auf seinen Arbeitgeber hatte eine Chipkarte der Post geliefert, die Arid U. bei sich trug. Damit war den Ermittlern der Bundespolizei klar, dass der Tatverdächtige nicht zu den 18 000 Mitarbeitern des Flughafen-Betreibers Fraport AG gehörte. Zuvor hatte dessen Familie gesagt, der junge Mann arbeite am Flughafen. Dort beschäftigen allerdings mehr als 500 Unternehmen insgesamt 70 000 Menschen.

Eine tägliche Kontrolle der Beschäftigten, beispielsweise auf Waffen, finde nur bei Betreten des "sicherheitsrelevanten Bereichs" statt, sagte ein Flughafensprecher. Der Anschlag hatte sich aber vor der Tür ereignet. Im Flughafen selbst wurde die Alarmbereitschaft jedoch erhöht; neuerdings patrouilliert dort die Polizei wieder mit kugelsicherer Weste und Maschinenpistole.

Arid U. war auch deshalb so schnell gefasst worden, weil ein spezielles Sicherheitssystem mit mehreren Warnmöglichkeiten auf Gefahren aufmerksam macht oder auf unerwartete Ereignisse hinweist. Direkt nach den Schüssen war über die Lautsprecher im Terminal mehrmals ein Code gesprochen worden, der für Fluggäste unauffällig war, Sicherheitsmitarbeiter und Polizei aber in Alarm versetzt. Der Satz an diesem Tag lautete: "Das Café Rundblick hat geöffnet." Als Arid U. ins Terminal 2 floh, waren die Sicherheitsleute bereits gewarnt. Der Täter konnte sofort gefasst werden.