Thomas de Maizière

Der pflichtbewusste Anti-Guttenberg

Kneifen vor einem Staatsamt, das kommt für einen preußischen Hugenotten wie Thomas de Maizière nicht infrage. Anders als die Bayern Peter Ramsauer und Joachim Herrmann, die ihre Teilnahme an der Kabinettsrochade mit Verweis auf private Gründe verweigerten, ließ sich de Maizière von Kanzlerin Angela Merkel ohne langes Zögern in die Pflicht nehmen: Der 57 Jahre alte Christdemokrat wird am Donnerstag neuer Bundesminister der Verteidigung.

Sich in die Pflicht nehmen lassen - diese Maxime erklärt sich aus der Geschichte der Familie des bisherigen Innenministers. Die de Maizières, Landadel aus der Nähe von Metz, flohen im 17. Jahrhundert vor religiöser Verfolgung in Frankreich nach Berlin, wo ihnen der Große Kurfürst Asyl gewährte. Bis heute prägt dies die Haltung der Familie gegenüber dem Staat: Man hat für die Zuflucht etwas zurückzugeben - oder pathetischer ausgedrückt: Man hat seinem Land zu dienen. Deshalb erfüllt Thomas de Maizière dort seine Pflicht, wo er gebraucht wird. Und seine Kanzlerin braucht ihn nun eben an der Spitze der Bundeswehr, als Exekutor der von Karl-Theodor zu Guttenberg begonnenen Bundeswehrreform. Die soll er "entschlossen fortsetzen", so hat es ihm Angela Merkel mit auf den Weg gegeben.

Die beiden CDU-Politiker sind Duzfreunde, sie kennen sich seit 20 Jahren, und doch ist klar geregelt, wer Koch ist und wer Kellner. De Maizière ist der Kanzlerin so treu ergeben wie ansonsten nur noch Bildungsministerin Annette Schavan. Er ist ein stiller Macher, der diskret, unaufgeregt und frei von Eitelkeiten agiert. Lothar de Maizière, der letzte DDR-Ministerpräsident, sagte einmal über seinen Cousin: "Wenn man böse ist, kann man sagen: Er funktioniert." Merkel gefällt das.

Bei der Verkündung des Amtswechsels lobte Merkel ihren neuen Wehrminister ausführlich. Er habe einen "brillanten Intellekt", mache seine Arbeit "auf Grundlage fester Werte" und habe dabei stets "die Sorgen und Anliegen der Menschen" im Blick. Tatsächlich ist er eine politische Allzweckwaffe, ressortübergreifend einsatztauglich. Und obwohl de Maizière anders als sein Vorgänger jeglichen Glamourfaktor vermissen lässt, wurde der Minister auch schon für höhere Aufgaben gehandelt. Eine Schlagzeile lautete: "Kann er auch Kanzler?"

Der politische Aufstieg de Maizières ist eng mit der deutschen Einheit verbunden, der Mauerfall war eine Zäsur, die auch sein Leben aus der erwarteten Bahn werfen sollte. Bereits als Redenschreiber in der Frontstadt Berlin, wo er für Richard von Weizsäcker und Eberhard Diepgen tätig war, pflegte der designierte Verteidigungsminister enge Kontakte in die DDR. Dort lebte sein Onkel Clemens, der ihm weniger streng erschien als der eigene Vater und für den er deshalb schwärmte. Dass dieser Onkel im Bunde mit der Stasi stand und den im Westen lebenden Teil der Familie ausspionierte, konnte er nicht ahnen. Als die Mauer fiel, beriet Thomas de Maizière seinen Cousin Lothar, den letzten DDR-Ministerpräsidenten. Ihm will er Merkel als stellvertretende Regierungssprecherin vorgeschlagen haben.

Allerdings trennten sich die Wege von Merkel und de Maizière rasch. Letzterer wurde Aufbauhelfer in Mecklenburg-Vorpommern, wo er vom Kulturstaatssekretär zum Leiter der Staatskanzlei aufrückte. Dann holte Sachsens Regierungschef Kurt Biedenkopf den tüchtigen Jungpolitiker nach Dresden, wo er im Auftrag aller neuen Länder das Konzept für den Solidarpakt II entwickelte. Zum Dank machte Biedenkopf seinen Mitarbeiter zum Leiter der Staatskanzlei. Später wurde de Maizière in rascher Folge Finanz-, Justiz- und Innenminister. Schon damals wirkte er eher spröde, hölzern und manchmal auch arrogant. Doch das hielt Merkel 2005 nicht davon ab, den früheren Weggefährten zum Kanzleramtschef zu machen.

Mit der Berufung zum Verteidigungsminister tritt Thomas de Maizière nun in die Fußstapfen seines Vaters. Ulrich de Maizière, 1912 geboren, wurde 1930 als einer von vieren aus 60 Bewerbern in das Infanterieregiment Nr. 5 in Stettin aufgenommen. Bei der Berufswahl sah er sich auch deshalb in der Pflicht, weil er mit drei Jahren seinen Vater verloren hatte, der gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs fiel. Im Januar 1942 wurde der Sohn in den Generalstab im Oberkommando des Heeres versetzt. Im März 1945 nahm er an Lagebesprechungen in Hitlers Führerbunker teil, überliefert sind sogar Dialoge zwischen beiden. Ein Nazi war er gleichwohl nicht.

Sparauftrag an die Streitkräfte

Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte er im "Amt Blank" mit, das die Wiederbewaffnung gestaltete. In der Bundeswehr hat Ulrich de Maizière tiefe Spuren hinterlassen, maßgeblich prägte er das Leitbild vom Staatsbürger in Uniform. Als Inspekteur des Heeres und später als vierter Generalinspekteur der Bundeswehr trieb er wichtige Reformen voran. Dazu zählte die Gründung der Bundeswehrhochschulen, mit denen dem Mangel an qualifiziertem Nachwuchs begegnet werden sollte.

Als Reformer muss sich nun auch der Sohn beweisen. Die Streitkräfte sollen auf bis zu 185 000 Soldaten geschrumpft werden, aus der Wehrpflichttruppe zur Heimatverteidigung soll eine weltweit flexibel einsetzbare Freiwilligenarmee werden. Über praktische Erfahrung in der Militärpolitik als Grundlage für diese gewaltige Aufgabe verfügt der neue Minister zwar nicht, kann aber immerhin darauf verweisen, von 1972 bis 1974 seinen Wehrdienst beim Panzergrenadierbataillon 342 in Koblenz geleistet und als Reservist an vier Wehrübungen teilgenommen zu haben. Vor allem aber ist de Maizière ein erfahrener Ministerialer, der weiß, wie Behörden auf Linie zu bringen sind.

Dieses Wissen wird er dringend benötigen. Denn entschieden ist bislang nur, dass die Wehrpflicht ausgesetzt werden soll. Gegen viele Widerstände wird der neue Wehrminister Personalabbau, die Schließung von Kasernen und die grundlegende Neuordnung der Rüstungsbeschaffung durchsetzen müssen. Seine erste große Schlacht wird de Maizière schon in den kommenden Tagen in den Haushaltsverhandlungen zu schlagen haben.

Ihr neuer Mann für die Truppe werde schnell das Vertrauen der Soldaten gewinnen, sagte Merkel am Mittwoch. Das aber wird möglicherweise nicht ganz so leicht: Viele Soldaten haben die temperamentvolle Art Guttenbergs geschätzt, sie rechnen ihm hoch an, dass er den Krieg in Afghanistan Krieg genannt, Tabus wie die Entsendung schwerer Panzerhaubitzen gebrochen und mit seinen regelmäßigen Truppenbesuchen viel Aufmerksamkeit für die Lage der Truppe im Einsatz erzeugt hat.

"Er hat einen brillanten Intellekt und macht seine Arbeit auf Grundlage fester Werte"

Angela Merkel, Bundeskanzlerin, über Thomas de Maizière