Interview

"Wir nehmen den Rücktritt mit Genugtuung auf"

Im März 2010 wechselte Dieter Lenzen von der FU Berlin an die Uni Hamburg - sein Wort hat in Wissenschaft und Politik viel Gewicht. Florian Kain sprach mit ihm über die Plagiatsaffäre, den Exzellenzwettbewerb und seine Erfahrungen in Hamburg.

Berliner Morgenpost: Herr Lenzen, Karl-Theodor zu Guttenberg hat seine Konsequenz aus der Plagiatsaffäre gezogen. Welche Lehren ergeben sich für die deutsche Wissenschaft?

Dieter Lenzen: Wir nehmen Guttenbergs Rücktritt mit Genugtuung zur Kenntnis. Das Wissenschaftssystem hat geschlossen reagiert und sich durchgesetzt.

Berliner Morgenpost: Aber funktionieren die Kontrollsysteme tatsächlich so, wie sie sollen?

Dieter Lenzen: Ja. Schließlich wurde Guttenbergs Fehlverhalten von einem Wissenschaftler aufgedeckt, der die Dissertation rezensiert hat. Das ist ein ganz üblicher Vorgang. Genauso wie der Entzug des Doktortitels, der dann folgte. Aus Sicht der Wissenschaft gibt es keinen Anlass, irgendwelche Veränderungen herbeizuführen.

Berliner Morgenpost: Dabei hört man immer wieder: Guttenberg ist kein Einzelfall.

Dieter Lenzen: Das kann ich nicht bestätigen. Ich habe seit 1999 Verantwortung in verschiedenen Hochschulleitungen. In Berlin und in Hamburg sind mir seitdem elf vergleichbare Plagiatsfälle untergekommen, nur zwei davon waren Dissertationen. Das ist vor dem Hintergrund von weit über 20 000 Abschlussprüfungen zu vernachlässigen.

Berliner Morgenpost: Sollten alle Professoren verpflichtet werden, Doktorarbeiten mit Spezialsoftware auf die Übernahme fremden geistigen Eigentums zu überprüfen?

Dieter Lenzen: Das wird an vielen Stellen sowieso schon gemacht. Ich warne aber davor, sich davon zu viel zu erhoffen. Bis zu 20 Prozent jedes wissenschaftlichen Textes müssen sowieso deckungsgleich mit anderen Texten sein, allein wegen der nötigen Fußnoten. Bei allem, was darüber hinausgeht, wird es kritisch. Im Fall Guttenberg wird von über 31 Prozent geredet, das ist natürlich erheblich.

Berliner Morgenpost: Nicht jede Dissertation wird so durchleuchtet wie die eines Ministers.

Dieter Lenzen: Ich bin strikt dagegen, in der deutschen Wissenschaft jetzt eine Dissertationspolizei in Marsch zu setzen. Ein viel gravierenderes Problem ist das Unwesen der gekauften Arbeiten, die ja gar nicht mal Plagiate sein müssen, sondern von professionellen Ghostwriterfirmen stammen. Die Täter sind allerdings jene, die solche Arbeiten als ihre eigene ausgeben.

Berliner Morgenpost: Für Guttenbergs Prüfer ist es besonders peinlich, dass das Plagiat die Bestnote "Summa Cum Laude" bekam. Können Sie sich erinnern, wie oft Sie bislang ein "summa cum laude" vergeben haben?

Dieter Lenzen: Nein, aber die Zahl ist wirklich klein. Grundsätzlich bekommen weniger als zehn Prozent aller Dissertationen diese Supernote.

Berliner Morgenpost: Am Mittwoch ist die milliardenschwere Exzellenzinitiative für Deutschlands Hochschulen in die letzte Runde gegangen. Was kommt eigentlich danach?

Dieter Lenzen: Es ist erforderlich, dass bereits jetzt mit den Planungen begonnen wird, wie wir exzellente Forschung in Deutschland über das Ende des Wettbewerbs hinaus finanzieren können. Zu klären ist die Frage, was eigentlich mit den bis zu 30 Hochschulen passiert, die aufgrund widriger Umstände nicht in die "Gruppe der Glücklichen" aufgenommen wurden, aber trotzdem gut sind. Die kann man ja nicht alle aufgeben, das wäre volkswirtschaftlicher Wahnsinn. Deshalb können nach Ende des Wettbewerbs nicht nur solche Universitäten unter das Dach des Bundes gestellt werden, die sich mit dem Titel "Eliteuni" schmücken können. Es wäre besser, der Bund agierte umgekehrt und sagt: Diese Hochschulen sind sowieso schon spitze, die muss er nicht noch weiter fördern. Die dringlichste Aufgabe lautet jetzt, das gravierende Qualitätsgefälle zwischen Nord und Süd und West und Ost zu beenden. Das geht nur, wenn der Bund seine Förderpolitik darauf ausrichtet.

Berliner Morgenpost: Ihr Wechsel von Berlin nach Hamburg liegt genau ein Jahr zurück. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?

Dieter Lenzen: Es war mir klar, dass sich der Erfolg, der an der FU Berlin im Exzellenzwettbewerb erzielt wurde, hier so schnell nicht wiederholen lässt. Dafür braucht es mehr Zeit. Aber ich bin gerne in Hamburg. Die Menschen hier sind aufgeschlossen für neue Köpfe von außen, das ist nicht selbstverständlich. Problematisch ist, dass es kein Bundesland gibt, das, gemessen am Gesamtbudget, weniger Geld in die Wissenschaft investiert als Hamburg. Zu kämpfen hatte ich auch mit einem mächtigen Personalamt, das jede Einstellung begutachtet. Ich brauchte deshalb Monate, bis ich meine Mannschaft hier komplett hatte. Solche Einflussnahmen aus der Landesebene beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit von Hochschulen massiv. Positiv ist hingegen das ausgeprägte Stiftungswesen. Wir haben hier siebenstellige Beträge für bestimmte Zwecke der Universität bekommen, so etwas wäre in der Hauptstadt nicht möglich gewesen.

Berliner Morgenpost: Vermissen Sie Berlin nicht doch manchmal?

Dieter Lenzen: Nein, und zwar deshalb nicht, weil ich noch einen Koffer in Berlin habe (lacht).