Interview mit Cem Özdemir

"Die Probleme meiner Kinder werden nicht in Ankara gelöst"

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Der Bundesvorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, bezeichnet sich gern als "anatolischer Schwabe". 1965 wurde er in Bad Urach (Baden-Württemberg) als Kind von türkischen Migranten geboren, 2008 wählten ihn die Grünen zum ersten türkischstämmigen Vorsitzenden einer größeren demokratischen Partei in Deutschland.

Özdemir hat sich schon oft kritisch mit der Lage im Herkunftsland seiner Eltern beschäftigt, vor allem in seinem 2008 erschienenen Buch "Die Türkei. Politik, Religion, Kultur". Besonders attackiert er die demokratischen und rechtsstaatlichen Defizite der Türkei, die Diskriminierung der Kurden sowie religiöser Minderheiten wie der Christen und Aleviten. In der deutschen Integrationsdebatte hat der in Kreuzberg lebende Vater von zwei Kindern in den vergangenen Jahren immer wieder auch die Versäumnisse von hier lebenden Türken angesprochen und sie aufgefordert, sich auf das Leben in der deutschen Gesellschaft einzulassen. Mit Özdemir sprach Matthias Kamann über Erdogans Auftritt.

Berliner Morgenpost: Herr Özdemir, wie empfanden Sie Erdogans Auftritt?

Cem Özdemir: Erdogans Deutschland-Besuche laufen nach einem festen Muster ab: Er selbst kann hier offenbar keine Rede halten, ohne mindestens ein Menschheitsverbrechen anzuprangern. Und was die Reaktionen betrifft, so hätte er wohl auch eine Rede von Angela Merkel ablesen können, und die Unionsparteien hätten trotzdem geschäumt. Zumal wegen der Landtagswahlen sortiert die Union jedes seiner Worte in ihre Negativraster bei der Türkei-EU-Debatte ein.

Berliner Morgenpost: Von Menschheitsverbrechen spricht Erdogan auch im Zusammenhang mit einer Assimilation hier lebender Türken. Sollten diese nicht selbst entscheiden, ob sie sich assimilieren?

Cem Özdemir: Absolut. Es kann keinen Zwang geben, aber ein Recht darauf. Kein Staat, kein Politiker, weder Frau Merkel noch Herr Erdogan, hat den Bürgerinnen und Bürgern vorzuschreiben, ob sie religiös sein sollen oder welche Sprache sie mit ihren Kindern sprechen. Assimilation ist eine individuelle Entscheidung, in die sich niemand einzumischen hat. Für Politiker kann nur der Rahmen entscheidend sein, und der heißt Integration: Verfassungstreue, Beherrschen der Amtssprache, Eingliederung ins Berufsleben und bestmögliche Förderung der Kinder in der Schule genau wie in der Familie. Zu Letzterem könnte Herr Erdogan übrigens mal was sagen, da in vielen türkischen Familien in Deutschland der Fernsehkonsum der Kinder relativ groß ist und das Gespräch, egal in welcher Sprache, ersetzt.

Berliner Morgenpost: Manches bei Erdogan klingt, als wolle er die hier lebenden Türken als nationale Minderheit ansehen.

Cem Özdemir: Wenn dem so wäre, wäre es eindeutig falsch und würde auch den Interessen der hier lebenden Türken zuwiderlaufen. Mein Eindruck aber ist, dass Erdogan nicht klar ist, wie seine Worte in deutschen Debatten ankommen, und dass er selbst mit Blick auf die Türkei manches bewusst offenlässt. Man darf nicht vergessen, dass er im Wahlkampf steht und hier vor potenziellen Wählern redet. Wer sich aber über seine Wahlkampftöne aufregt, muss an eines denken: Wenn den hier lebenden Türken nicht signalisiert wird, dass man sie als Inländer und deutsche Staatsangehörige haben will, darf man sich nicht darüber beschweren, dass in Deutschland nun ein türkischer Wahlkampf stattfindet. Ich hingegen will, dass sie hier wählen. Die Probleme meiner Kinder und der Kinder der anderen hier lebenden Türken werden nicht in Ankara gelöst.

Berliner Morgenpost: Bei den arabischen Revolten begrüßt Erdogan den Aufbruch, setzt sich aber nicht von allen Diktaturen ab.

Cem Özdemir: Bei Letzterem ist er nicht ganz allein, mit Herrn Gaddafi haben sich auch viele europäische Politiker getroffen. Und was die Kritik an arabischen Herrschern betrifft, so hat die Türkei eine bessere Bilanz als die EU. Bei Demokraten in arabischen Staaten wird die Türkei mit großer Hoffnung als Modell gesehen. Dieses Model aber kann sie nur sein mit einer westlichen Orientierung, als ein mehrheitlich muslimischer, aber säkularer Staat, der in der Nato verankert ist, eine Perspektive für die EU-Mitgliedschaft hat und alle Bürgerrechte auch für alle Minderheiten gewährleistet, wobei die Türkei aber noch sehr viel leisten muss. Erdogan und seine Partei AKP stehen für den Versuch, dass sich eine islamisch-konservative Partei vom Islamismus lossagt und in Richtung Demokratie und Mitte der Gesellschaft aufmacht. Den Beweis können sie antreten, indem sie die Rechte religiöser Minderheiten, wie Christen, und der Atheisten anerkennen. Das ist ein spannendes und wichtiges Experiment, was übrigens auch einige CDU-Politiker erkennen. Gerade mit Blick auf die arabische Welt können wir nur hoffen, dass dieses Experiment Erfolg hat.