Interview

"Es gibt keine Szenarien für eine Zeit nach Gaddafi"

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Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi verschanzt sich mit Söldnern und lässt sie mit Brutalität gegen das Volk vorgehen. Die Menschen stellen sich unbewaffnet gegen Panzer, Tausende versuchen zu fliehen. Carolin Brühl sprach mit Ralf Melzer, Libyen-Experte und Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tunesien, über die Lage in dem nordafrikanischen Land.

Berliner Morgenpost: Herr Melzer, wie lange kann sich Gaddafi noch halten?

Ralf Melzer: Es ist schwer zu sagen, wie lange er sich halten kann, weil Gaddafi offensichtlich skrupellos das umsetzt, was er angekündigt hat, nämlich alles zu mobilisieren, um die Situation auszukämpfen. Es sind Söldner und Milizen im Einsatz und Stämme, die ihm noch treu ergeben sind. Das ist de facto ein Bürgerkrieg, weil andere Stämme sich gegen ihn gestellt und Teile der Armee sich auf die Seite der Protestierenden geschlagen haben. Sein eigenes Volk läuft ihm weg, aber ein Diktator, der zu allem entschlossen ist und mit Söldnern und Milizen arbeitet, das weiß man ja auch aus anderen afrikanischen Ländern, der kann sich noch sehr lange halten, auch wenn er keine Kontrolle im eigentlichen Sinne mehr über das Land hat.

Berliner Morgenpost: Was ist mit der Armee? Ein Teil hat sich auf die Seite der Demonstranten geschlagen. Reicht das nicht aus, um Gaddafi und die Söldner zu bezwingen?

Ralf Melzer: Gaddafi hat die reguläre libysche Armee bewusst sehr klein gehalten. Das sind nur etwa 50 000 Mann, das ist selbst bei einem Land mit nur 6,5 Millionen Einwohnern relativ wenig. Er kommt zwar selber aus der Armee, aber das hat er gemacht, um nicht zu riskieren, dass ihm da ein Machtfaktor an den Hals wächst, der ihm gefährlich werden kann. Er hat es in den letzten Jahrzehnten immer wieder geschafft, die verschiedenen Interessen im Land gegeneinander auszuspielen.

Berliner Morgenpost: Wie hat er das so lange geschafft?

Ralf Melzer: Er hat es geschafft, sich durch die Vergabe einflussreicher Posten oder schlicht und einfach auch durch Bezahlung Loyalitäten zu sichern, und das bricht jetzt weg. Eben weil es kein Machtzentrum gibt, das ihm hätte gefährlich werden können, befindet sich Libyen derzeit in einer Art Vakuum. Da stehen unbewaffnete Leute, die die Erdölanlagen schützen oder ihre Städte befrieden wollen, hoch bezahlten Söldnern gegenüber, die zu allem entschlossen sind. Gaddafi hat ja seine eigenen Leute aus der Luft angegriffen, das sind Sachen, die machen die Leute hier in Tunesien fassungslos. Es gibt hier wunderbare Aktionen. Die Tunesier gehen Blut spenden für Libyen, es werden Medikamente gekauft und an die Grenze gebracht. Es gibt eine riesige Welle der Solidarität hier im Land. Bis vor wenigen Tagen sind von hier aus noch Hilfslieferungen bis nach Tripolis gekommen. Das scheint nun auch nicht mehr möglich zu sein. Man schätzt, es sind schon rund 10 000 Libyer nach Tunesien geflüchtet, aber auch chinesische Gastarbeiter. Die tunesische Armee hat improvisierte Lazarette an der Grenze aufgebaut, um den Flüchtlingen zu helfen. Es waren aber auch rund 50 000 tunesische Arbeitsmigranten in Libyen, und die kommen jetzt alle wieder zurück mit nichts als dem nackten Leben, das sie gerettet haben. Diese 50 000 plötzlich arbeitslos gewordenen Menschen belasten die ohnehin schwierige ökonomische Lage in Tunesien zusätzlich.

Berliner Morgenpost: Eine Zeit lang ruhte ja die Hoffnung darauf, dass es dem Gaddafi-Sohn Saif al-Islam gelingen würde, mäßigend zu wirken?

Ralf Melzer: Die Söhne waren zum Teil in Ungnade gefallen. Auch Saif al-Islam war zwischendurch mal monatelang von der Bildfläche verschwunden. Dann hieß es wieder, er habe keine politischen Ambitionen, dann war er plötzlich doch wieder im Land. Das ist wie das ganze Herrschaftssystem Gaddafis total erratisch. Und auch Saif al-Islam, der ja gern als Reformer angekündigt wurde, steht im Moment offenbar wie die anderen Söhne hinter seinem Vater und blasen mit ihm zum letzten Gefecht.

Berliner Morgenpost: Sie haben von einem Machtvakuum gesprochen. Wie könnte es in Libyen nach Gaddafi und einer Übergangsregierung weitergehen? Gibt es noch Reste alter Strukturen, an die angeknüpft werden könnte? Beispielsweise ein Königshaus im Exil? Und welche Rolle spielen die Stämme?

Ralf Melzer: Da gibt es noch keine Szenarien für eine Zeit nach Gaddafi oder eine denkbare Alternative. Es gibt ungefähr 130 Beduinenstämme in Libyen - auch das zeigt, wie zerklüftet die Strukturen sind. Es gibt einige größere Stämme wie die Warfalla, die sich gegen Gaddafi gestellt haben, dann gibt es seinen eigenen Stamm, der südlich von Tripolis sein Gebiet hat, der ihm treu ergeben ist. Es gibt nach meinem Wissen keine Strukturen, die vom alten Königshaus übrig geblieben sind. Der erste König von Libyen nach der Unabhängigkeit, Idris I., ist 1969 bei einem Militärputsch von Gaddafi gestürzt worden. Er floh nach Ägypten und ist 1983 dort gestorben.

Berliner Morgenpost: Denken Sie, dass Gaddafi, wenn es eng wird, das Land verlassen wird? Oder wird er wahrmachen, was er angekündigt hat: Bleiben und als "Märtyrer sterben"?

Ralf Melzer: Ich weiß es nicht. Gaddafi ist so unberechenbar und sprunghaft. Ich kann mir schon vorstellen, dass er seine Getreuen schnappt und flieht, aber das ist alles Spekulation. Ich befürchte, anders als in Tunesien und Ägypten kann das in Libyen noch länger dauern. Länger auch in einer sich zuspitzenden, gewalttätigen, bürgerkriegsartigen Auseinandersetzung.