Libyen

Eine Stadt nach der anderen fällt

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Muammar al-Gaddafi verliert immer mehr die Kontrolle über sein Land: Nachdem bereits mehrere Städte im Osten Libyens von Regimegegnern übernommen wurden, erklärte die Opposition am Sonntag, neben der drittgrößten Stadt Misrata werde nun auch Suara, etwa 50 Kilometer westlich der Hauptstadt Tripolis von ihr beherrscht.

Damit kann der libysche Diktator nur noch seine Heimatstadt Sirte sowie einige Stadtteile von Tripolis als sein Einflussgebiet bezeichnen. Die Eroberung Sawijas ist laut Fernsehsender al-Dschasira erfolgreich gewesen, weil ein Großteil der Regierungstruppen übergelaufen sei. Die Aufständischen hätten Panzer und Waffen erbeutet.

Vertreter des Gaddafi-Regimes hatten am Sonntagmorgen Journalisten nach Sawija gebracht. Doch statt wie geplant eine Stadt unter Kontrolle der regulären Sicherheitskräfte zu präsentieren, sahen die Reporter Widerstandskämpfer auf den Barrikaden, mit ihrer Fahne als Zeichen des Sieges. Nach aktuellen Berichten sind das Zentrum und die unmittelbaren Außenbezirke unter Kontrolle der Anti-Gaddafi-Kräfte. Allerdings sollen in einiger Entfernung rund um die Stadt Panzer Stellung bezogen haben.

In Bengasi schuf die Opposition Tatsachen. Der ehemalige Justizminister Mustafa Abdul Dschalil, der sich kürzlich von Gaddafi distanziert hatte, bildete in der zweitgrößten Stadt des Landes eine Übergangsregierung und kündigte demokratische Wahlen unter internationaler Beobachtung an. "Unsere nationale Regierung besteht aus zivilen und militärischen Persönlichkeiten", sagte Dschalil. "Sie wird nicht mehr als drei Monate regieren, dann gibt es faire Wahlen, in denen die Menschen ihren Anführer wählen können."

Gaddafi: "Es gibt keine Unruhen"

In der Hauptstadt herrschte am Sonntag gespannte Ruhe. Gaddafi bemühte sich, Normalität zu demonstrieren. Ein Einwohner berichtet per Telefon, nach seiner Einschätzung haben etwa 90 Prozent der Geschäfte wieder geöffnet. Die Preise seien offenbar auf Anweisung von Gaddafi gesenkt worden. Allerdings blieben die Schulen in der libyschen Hauptstadt weiterhin geschlossen. "Die Menschen fühlen sich nicht sicher genug, um ihre Kinder in die Schule zu schicken", sagte der Mann. Die Angaben über die Sicherheitslage in der Mittelmeermetropole sind widersprüchlich. "Die einzigen Sicherheitskräfte in der Stadt sind Verkehrspolizisten. Es ist keine Armee zu sehen", sagte der Libyer. Im Netzwerk Twitter werden hingegen andere Stimmen laut. "Ich schwöre, dass jeder, der sagt, die Situation in Tripolis ist normal, ein Lügner ist. Wir fühlen uns wie kurz vor der Explosion", schrieb ein Libyer.

Gaddafi sieht das anders: In einem Interview mit dem serbischen Sender "Pink TV" sagte er: "Es gibt derzeit keine Zwischenfälle, in Libyen herrscht vollständige Ruhe. Es gibt keine Unruhen." Auch Tripolis sei sicher. Die Todesopfer in seinem Land gingen "zweifellos" auf das Konto "terroristischer Banden" des Terrornetzwerkes al-Qaida. Eine "kleine Gruppe" von Oppositionellen sei derzeit "umzingelt". "Aber das werden wir regeln", sagte der Despot. Er werde das Land nicht verlassen.

Sein Sohn Saif al-Islam hatte dem US-Fernsehsender ABC zuvor gesagt, es habe keine Militäreinsätze gegen Demonstranten gegeben. Man soll mir einen einzigen Angriff zeigen, eine einzige Bombe", sagte er weiter. "Die libysche Luftwaffe hat nur Munitionslager zerstört, und das war es dann auch."

Gaddafi kämpft dagegen nach Ansicht der arabischen Tageszeitung "Asharq al-Awsat" seine letzte Schlacht. Der Militärkomplex Bab al-Asisija in Tripolis, in dem er sich aufhält, werde mit Panzern, gepanzerten Fahrzeugen und Raketenwerfern geschützt. Loyale Kämpfer hätten das Gebiet weiträumig abgeriegelt und alle Zufahrten gesperrt.

Die internationale Gemeinschaft sieht das anders und wendet nun auch unkonventionelle Methoden an, ihre Landsleute zu evakuieren. Deutschland brachte in einer dramatischen Geheimaktion mit zwei Transall-Transportmaschinen festsitzende Ausländer in Sicherheit. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes wurden am Sonnabend 133 Ausländer gerettet, darunter Dutzende Deutsche und EU-Bürger. "Ich bin sehr erleichtert, dass diese Evakuierungsaktion geglückt ist", sagte Außenminister Guido Westerwelle. Nach Schätzungen seines Ministeriums befinden sich noch etwa 100 Deutsche in Libyen, die Hälfte davon im Landesinnern

Spionagesatelliten Richtung Tripolis

In Washington plant die US-Regierung offenbar auch Militäraktionen, sollte Gaddafi die blutige Gewalt gegen das eigene Volk fortsetzen. Die finanziellen Sanktionen, die US-Präsident Barack Obama am Freitag verhängt hatte, seien nur der erste einer Reihe von Schritten, "die eine militärische Option beinhalten könnten", berichtete die "Washington Post" unter Berufung auf hohe US-Regierungsbeamte. Dazu zähle das Durchsetzen einer Flugverbotszone über Libyen, um eine Bombardierung von Gegnern Gaddafis aus der Luft zu verhindern. Allerdings, so hieß es, gebe es innerhalb der US-Regierung Zweifel, ob sich für solche Maßnahmen angesichts des erwarteten Widerstands etwa aus China ein breiter internationaler Rückhalt finden lasse.

Obama habe die US-Geheimdienste angewiesen, Spionagesatelliten und andere Überwachungseinrichtungen auf Libyen auszurichten, meldete die "Washington Post" weiter. Obama hatte die Finanzsanktionen gegen Gaddafi und mehrere seiner Söhne verhängt, nachdem die letzten Amerikaner aus Libyen in Sicherheit gebracht worden waren. Am Sonnabend hatte sich der UN-Sicherheitsrat einstimmig für Sanktionen gegen das Gaddafi-Regime ausgesprochen, die EU will sich Anfang der Woche entscheiden.

Am Sonntag hat Gaddafi zudem eine weitere enge Vertraute verloren. Nachdem sich hochrangige Regierungsmitarbeiter, Diplomaten und Piloten angesichts der blutigen Niederschlagung der Proteste von dem 68-Jährigen abgewandt hatten, verließ ihn nun auch seine langjährige Krankenschwester aus der Ukraine. Die 38-Jährige traf in den frühen Morgenstunden in Kiew ein. Sie war an Bord eines Flugzeugs, das 122 Ukrainer und 68 andere Staatsangehörige ausflog, wie der Fernsehsender Channel 5 zeigte.