Wahl in Hamburg

Angela Merkel verliert die letzte Metropole

Die große CDU von Angela Merkel hat noch keine Antwort gefunden auf die Niederlage der kleinen Hamburger CDU von Christoph Ahlhaus. Darüber kann auch nicht das frühe Statement hinwegtäuschen, das Angela Merkel im Fernsehen geben ließ.

Eckart von Klaeden, ihr Vertrauter und Staatsminister im Kanzleramt, ließ die TV-Zuschauer - vor allem aber die Partei - wissen, "80 Prozent Hamburger Themen" hätten die Wähler bewegt. Mit anderen Worten: Das ist Ahlhaus' Niederlage.

In der Hauptstadt hatten sie diese Wahl eigentlich von Anfang an verloren gegeben. Anfang des Jahres tauchte die Bürgerschaftswahl nicht einmal im offiziellen CDU-Jahreskalender auf, die Abschlusskundgebung absolvierte Merkel am Donnerstag eher pflichtgemäß. Vom Koalitionsbruch der Grünen Ende November hat man sich auch im Konrad-Adenauer-Haus bis heute nicht wirklich erholt. Damals wurde man eiskalt überrascht - und schimpfte dafür umso lauter auf die treulose Ökopartei.

Ein bisschen schlechtes Gewissen schwang auch mit: Denn es war ja Merkel selbst, die den Sinkflug der Union in Umfragen mit einer konservativen Wende beendete und dabei die Grünen als "Dagegen-Partei" zum Hauptgegner ausrief. Dass die Grünen dies ernst nehmen und in Hamburg Schwarz-Grün beendeten, hatte im Umfeld der Kanzlerin niemand für möglich gehalten. Auch am Sonntag grollte Generalsekretär Hermann Gröhe noch über den "Koalitionsbruch". Die CDU fühlte sich noch wie ein Judoka, dessen Schwung der Gegner für den Griff zum Wurf auf die Matte genutzt hat.

Und dort könnte sie lange liegen bleiben, zumindest in den Metropolen. Das ist - aus Sicht von Merkel - die wirkliche Gefahr. Kurzfristig ist der Verlust der drei Bundesratsstimmen zu verschmerzen. Für das Machtgefüge sind die im März folgenden Wahlen in den Flächenländern wichtiger. Für die innere Statik in der Union kommt es sowieso allein auf ein glimpfliches Abschneiden in Baden-Württemberg an. Aber langfristig, diese Sorge treibt Merkel um, droht die CDU über die Marginalisierung in den Millionenstädten den Kontakt zu Trendsettern in der Gesellschaft zu verlieren. Berlin, München, Köln und jetzt Hamburg - an den Knotenpunkten der Netzwerke ist die CDU nicht mehr in Verantwortung. Dabei geht es der Kanzlerin weniger um Senatoren- oder Beigeordnetenpöstchen. Vielmehr hat die CDU die unselige Tendenz, sich - wenn sie einmal von der Macht ausgeschlossen ist - auch schnell als Partei zu marginalisieren oder sogar gesellschaftlich unmöglich zu machen. Abschreckendes Beispiel ist der Berliner Landesverband, der sich nach wie vor schwertut, weil er noch immer stark vom Westen der Stadt geprägt ist.

Als Merkel im November Bürgermeister Ole von Beust auf dem CDU-Bundesparteitag verabschiedete, lobte sie ihn: "Er hat gezeigt, dass die CDU auch in Großstädten Wahlen gewinnen kann." Aber das ist auch ein Problem, das die Bundes-CDU mit Hamburg hat: Sie findet nicht zur gemeinsamen Fehleranalyse. Einige meinen, dass Beust die CDU in eine prinzipienlose Partei verwandelt habe, die weder Probleme hat, mit Rechtspopulisten am Rechtsstaat zu rütteln noch mit den Grünen das Gymnasium abzuschaffen. Die Kritik an der Offenheit für alles und jeden zielt unterschwellig auch auf Merkel: Auch die Kanzlerin legt sich ja nur fest, wenn sie das unbedingt muss.

Andere analysieren das genaue Gegenteil: Zeige nicht der Niedergang nach Beust, wie einfach die CDU mit einem klassischen Kandidaten in eine antimoderne Ecke gestellt werden kann? Tatsächlich zerriss man sich in der Hansestadt das Maul über Christoph Ahlhaus, der sein Eheglück auch öffentlich präsentierte. Aber auch dass Vorgänger Beust - kaum aus dem Amt - als neuen Partner einen 19-jährigen Praktikanten präsentierte, ging nicht nur in der CDU einigen zu weit.

Die ungeklärte Analyse könnte der CDU noch schaden: Denn einige, wie der baldige Spitzenkandidat in NRW, Umweltminister Norbert Röttgen, meinen, Schwarz-Grün müsse besser vorbereitet werden. Andere glauben aber fester denn je: Jeder Flirt mit den Ökos führe ins Unheil. Merkel steht eher auf der Skeptikerseite: Das Reden über die Grünen treibe nur die nervöse FDP weiter in den Wahnsinn. Eine ruhige Koalition braucht die Kanzlerin dringender als eine Option in zweieinhalb Jahren.