Wahl in Hamburg

"Ich wage keine Prognose, ob in Hamburg jetzt Ruhe einkehrt"

Richard Hilmer, Chef des Meinungsforschungsinstituts Infratest Dimap, sprach mit Florian Kain über die Imageprobleme von Christoph Ahlhaus, die Bestimmung von Olaf Scholz und die begrenzte Aussagekraft der Wahl.

Berliner Morgenpost: Welche Bedeutung hat die Wahl in Hamburg bundespolitisch?

Richard Hilmer: Die bundespolitische Aussagekraft dieser Wahl ist sicherlich begrenzt. Aber: Wenn eine Wahl so knapp im Vorfeld von anderen Landtagswahlen stattfindet, dann hat das immer auch mögliche Auswirkungen auf die nachfolgenden Urnengänge. So kann es sein, dass eine Partei, die in Hamburg schlecht ins Wahljahr startet, sich danach schwerer tut, wieder in die Gänge zu kommen. Umgekehrt gilt das Gleiche. Das sind eher psychologische Vor- und Nachteile, aber auch die Psychologie spielt in der Politik ja eine Rolle. Das hat allerdings seine Grenzen in den landespolitischen Perspektiven, die bei allen sieben Landtagswahlen im Jahr 2011 eine dominierende Rolle spielen.

Berliner Morgenpost: Gibt es Erkenntnisse, wer mehr Schuld am Niedergang der Hamburger CDU hat: Ole von Beust - oder sein Nachfolger Ahlhaus?

Richard Hilmer: Das ist schwer zu sagen. Was wir klar aus unseren Daten ablesen können, ist der Umstand, dass Ahlhaus Probleme hat, bei der Hamburger Wahlbevölkerung anzukommen. Das zeigt sich sowohl in seinen Kompetenzwerten als auch in seinen Persönlichkeitswerten. Er liegt da ganz deutlich hinter seinem Herausforderer Olaf Scholz von der SPD. Es wäre reine Spekulation, jetzt zu überlegen, wie die Zahlen wohl aussähen, wenn Scholz gegen Ole von Beust angetreten wäre. Klar ist aber auch, dass das Scheitern der schwarz-grünen Koalition, das von Beust mit seinem vorzeitigen Rücktritt einleitete, maßgeblich zum Ansehensverlust der CDU beigetragen hat. Merkwürdig ist allerdings, dass das Image der Grünen, die die Koalition ja schließlich aufgekündigt haben, nicht im gleichen Maße Schaden genommen hat. Die CDU-Anhänger nehmen der Partei den Regierungsversuch mit der Ökopartei übler als umgekehrt.

Berliner Morgenpost: Wofür von Beust die Verantwortung trägt?

Richard Hilmer: Das kann man so sehen. Die erste schwarz-grüne Landesregierung war sein Experiment, das unter besonderer Beobachtung stand. Die Tatsache, dass diese Regierung gescheitert ist, ist kein Ausweis von guter Führung des Bündnisses, auch wenn es letztlich erst nach Ole von Beusts Ausscheiden auseinanderbrach.

Berliner Morgenpost: Olaf Scholz galt lange Zeit als eher langweiliger Politiker vom Typ Bürokrat. Wie erklärt sich sein plötzlicher Wandel zum Hoffnungsträger?

Richard Hilmer: Hier hat einfach jemand sein Amt, ja womöglich seine Berufung gefunden. Scholz ist den Hamburgern seit Langem vertraut, und zwar noch aus seiner Zeit als Innensenator. Auch seine Phase als Bundespolitiker wurde in der Hansestadt aufmerksam verfolgt, als Arbeitsminister der großen Koalition gewann Scholz auch in seiner Heimat an Profil. Und letztlich ist er natürlich auch derjenige, der die Hamburger SPD als Landesvorsitzender wieder auf die Spur gebracht hat. Die Sozialdemokraten hatten ja noch geraume Zeit nach dem Machtverlust an die CDU mit einer ganzen Reihe von internen Querelen zu tun, die in Hamburg gar nicht gut ankamen. Er hat offenbar dazu beigetragen, dass Ruhe eingekehrt ist, und das kommt ihm jetzt zugute. Und seine eher nüchterne Art, die Dinge zu betrachten, passt offenbar zur Mentalität dieser Stadt und ihrer Bürger besser als der eher barocke Stil, der Christoph Ahlhaus eigen ist.

Berliner Morgenpost: Scholz gewinnt, weil Ahlhaus unbeliebt ist?

Richard Hilmer: Die vorliegenden Umfragewerte lassen eine ausgeprägte emotionale Distanz der Hamburger zu ihrem Ersten Bürgermeister erkennen. Daraus ergeben sich Zustimmungswerte für die CDU, die sogar unter dem schlechtesten CDU-Wahlergebnis liegen, das in Hamburg je erzielt wurde. So etwas lässt sich mit einem gut gemachten Wahlkampf ein Stück weit korrigieren, aber auch der ist bei der Hamburger CDU ja überhaupt nicht in die Gänge gekommen. Die Tatsache, dass die Partei dabei auf professionelle Hilfe verzichtet, sondern sich die Kampagne selbst zusammengestrickt hat, scheint ein Bumerang gewesen zu sein. Den defensiven Charakter der Wahlkampslogans, für die man sich in der CDU-Zentrale entschied, kann man kaum geschickt nennen, weil so das Wahlergebnis quasi schon vorweggenommen wurde.

Berliner Morgenpost: Wird an der Elbe jetzt bloß wieder der "rote" Normalzustand hergestellt?

Richard Hilmer: Im Hamburg haben wir schon lange keinen "Normalzustand" mehr. Denken Sie an den plötzlichen Erfolg der Statt-Partei in den 90ern oder an die DVU, die es mal fast bis in die Bürgerschaft geschafft hätte. Dann kam dieser kometenhafte Aufstieg der Schill-Partei, die aber genauso donnernd wieder von der Bildfläche verschwand. Nein, in Hamburg gab es in den letzten zwanzig Jahren Verschiebungen, wie wir sie selten in Wahlregionen erlebt haben. Ich wage keine Voraussage, dass dort jetzt Ruhe einkehrt.