Interview

"Abschreiben ist immer ein Fehlverhalten"

Professor Wolfgang Löwer ist Wissenschaftsrechtler an der Universität Bonn und Mitglied des Gremiums Ombudsmann der Deutschen Forschungsgesellschaft. Über die Plagiatsvorwürfe an Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sprach mit ihm Katharina Schäder.

Berliner Morgenpost: Professor Löwer, welche Kriterien gelten dafür, ob ein Titel aberkannt wird?

Wolfgang Löwer: Es gibt verschiedene Arten des Plagiats. Wenn der vermeintliche Autor die Arbeit eines anderen komplett übernommen hat, fällt die Entscheidung nicht besonders schwer. Dann gibt es Fälle, in denen zwar nur ein Bruchteil der Arbeit abgeschrieben ist, es sich bei der abgeschriebenen Passage aber um das Herzstück der Arbeit handelt. Wenn die Arbeit ohne diese Idee oder dieses Textstück irrelevant wäre, muss der Titel aberkannt werden. Und es gibt Arbeiten, die dazwischen liegen, in denen zwar viel von anderen Autoren übernommen wird, aber eben nicht die Teile der Arbeit, die sie auszeichnen. Dann muss man entscheiden, ob die Arbeit einfach wissenschaftlich unsauber ist, oder ob die Übereinstimmungen Entziehungsgrund sind.

Berliner Morgenpost: Trifft das auf die Doktorarbeit des Verteidigungsministers zu?

Wolfgang Löwer: Nach den Übereinstimmungen, die bisher nachgewiesen wurden, muss man jedenfalls sagen: Der Artikel aus der NZZ zur Invocatio Dei im EU-Parlament, den Guttenberg wohl komplett und ohne Kennzeichnung übernommen hat, ist ein Langzitat ohne Urhebernachweis, also Plagiat im Sinne des Urhebergesetzes. Bei den beiden anderen Autoren sind zwar wörtliche Übernahmen nicht als Zitate gekennzeichnet, aber es wird auf den Autor hingewiesen. Das ist jedenfalls nachlässig, aber eher nicht entziehungsrelevant.

Berliner Morgenpost: Jeder macht Fehler oder kann einmal schlampig arbeiten - ab wann kann man klar von einem Plagiat sprechen?

Wolfgang Löwer: Abschreiben ist immer ein Fehlverhalten, wenn es nicht gekennzeichnet wird. Es ist ja auch urheberrechtlich verboten. Das Einzige, was dann rettet, ist, dass man glaubhaft ein Versehen geltend machen kann. Aber: Es gibt keine durchgängigen Versehen, und wenn die Kernidee keine Eigenidee ist, wird der Titel entzogen.

Berliner Morgenpost: Droht das auch dem Verteidigungsminister?

Wolfgang Löwer: Das muss die Fakultät in Bayreuth entscheiden. Wegen der vorliegenden Stellen kann man den Stab nicht brechen. Ob es sich um Unsauberkeit oder bewusste Täuschung handelt, lässt sich nach dem vorliegenden Material nicht erkennen. Fehlerhaft ist sicher, dass Guttenberg den NZZ-Artikel über die Invocatio Dei ohne Kennzeichnung als Fundtext als Langzitat wiedergibt. Aber das heißt nicht, dass die ganze Arbeit in dieser Weise fehlerhaft ist.

Berliner Morgenpost: Sollte Karl-Theodor zu Guttenberg der Doktortitel aberkannt werden, wäre er dann Ihrer Einschätzung nach als Minister noch tragbar?

Wolfgang Löwer: Ich bin mit Vorverurteilungen vorsichtig. Aber jemand, dem wir eine gewisse Führungsfunktion zutrauen, müsste dann wohl Konsequenzen ziehen.