Umbruch in Ägypten

Tag 18 der Revolution am Nil: Das Volk triumphiert über Mubarak

Ein Ägypter küsst den Boden, ein anderer rollt sich in seinem Jubelrausch im Gras vor dem Präsidentenpalast in Kairo - wie mehrere unzählige Menschen in der Hauptstadt hat sie der Rücktritt des Staatspräsidenten Husni Mubarak in einen unbeschreiblichen Zustand der Freude versetzt. "Das Volk hat das Regime gestürzt!", rufen die Demonstranten.

Über Kairo liegt eine Glocke des Jubels in der Luft; überall in der 18-Millionen-Stadt sind Schüsse und Autohupen zu hören. In den Gesichtern der Menschen sind Freudentränen zu sehen, am Himmel Feuerwerk.

"Endlich sind wir frei", sagt der 60-jährige Safwan Abu Stat. "Von jetzt an, wird jeder, der das Land regieren wird, wissen, dass diese Menschen großartig sind." Der Demonstrant Mohammed El Masri sagt vor Freude weinend: "Wir gehen auf den Tahrir-(Platz), um zu feiern. Wir haben es geschafft."

Auf dem Platz der Befreiung bricht eine Menge von mehreren hunderttausend Menschen nach der Bekanntgabe von Mubaraks Rücktritt in Jubelschreie aus. Viele der Menschen schwenken ägyptische Fahnen.

"Der beste Tag meines Lebens"

"Dies ist der beste Tage meines Lebens", sagt Friedensnobelpreisträger Mohammed El Baradei. "Das Land ist nach Jahrzehnten der Unterdrückung befreit worden." Er erwarte jetzt, einen "schönen" Machtwechsel.

Für den 24-jährigen Demonstranten Ali Al Tajab ist es der "glücklichste Tag meiner Generation". Er erinnert an die Menschen, die den Zusammenstößen mit Polizisten und Mubarak-Anhängern zum Opfer gefallen waren. "An die Märtyrer: Dies ist euer Tag." Vor dem Präsidentenpalast hatten sich Tausende Demonstranten versammelt. Einige von ihnen machten mit der Hand das V-Zeichen für "Victory". "Seit glücklich, Ägypter, der heutige Tag ist ein Fest", sagen sie. "Er ist zurückgetreten."

Es war ein Rücktritt auf Raten. Zuerst verkündet das ägyptische Militär mehr oder weniger schwammige Zusagen, die seit 30 Jahren geltenden Notstandsgesetze aufheben zu wollen - aber nur, wenn die Demonstranten nach Hause gingen und Normalität wieder einkehren ließen in ein Land, das sich seit 18 Tagen im Ausnahmezustand befindet. Doch die Enttäuschung der Ägypter nach den Verlautbarungen ihres Präsidenten vom Donnerstagabend sitzt zu tief, die Wut ist zu groß, als dass sie nun quasi auf halbem Weg wieder umkehren konnten. Nach den Freitagsgebeten setzen sich erneut Millionen Menschen zu Protesten in Bewegung. Sie beharren darauf: Husni Mubarak (82) muss weg.

Tatsächlich verlässt der angeschlagene Präsident mitsamt seiner Familie am Nachmittag die Hauptstadt in Richtung Rotes Meer, nach Scharm al-Scheich, wo er eine Villa besitzt. Und am frühen Abend schließlich sendet das Staatsfernsehen die befreiende Nachricht: Der ägyptische Vizepräsident Omar Suleiman verkündet dort Mubaraks Rücktritt. Es ist ein dramatisches Ende, aber es ist ein Ende, das Millionen Demonstranten die meiste Sicherheit gibt, nach zwei Tagen, in denen das Volk fast physisch mit seinem Tyrannen ringt - und dazwischen: die größte Armee des Nahen Ostens.

Der letzte Tag des Regimes Mubarak beginnt in unglaublicher Anspannung: Am frühen Freitagmorgen sind Tausende auf dem Tahrir-Platz im Herzen Kairos. Als am Mittag das Freitagsgebet beginnt, ist der Platz so voll, dass die Männer kaum Platz zum Beten finden, nicht mal die paar Zentimeter, die sie für die rituellen Niederwerfungen und Erhebungen der Schahada bräuchten. Viele bleiben einfach auf ihren Decken unter den aufgespannten Planen sitzen, beten still. Die Ereignisse des vergangenen Abends scheinen noch mehr Ägypter davon überzeugt zu haben, gegen Mubarak auf die Straße zu gehen.

Am Donnerstag glauben und hoffen die Menschen erstmals, sie hätten endlich ihr Ziel erreicht. Ein ranghoher Armeegeneral tritt vor die Masse am Tahrir-Platz und ruft durchs Megafon, die Forderungen der Demonstranten würden erfüllt. Wenig später sagt der Generalsekretär der Regierungspartei NDP, er erwarte, dass Mubarak in einer Rede am Abend Zugeständnisse machen, gar abtreten würde. Allein diese Ankündigung genügt, um das Land zu elektrisieren. "Wir sind sofort wieder zum Tahrir gefahren, um mit den Menschen zu feiern", sagt Fatma, die seit Tagen täglich mit ihrer 16-jährigen Tochter zu dem Platz unweit des Nil kommt.

Unermessliche Anspannung

Wer die Menschenmasse auf dem Platz erlebt, spürt die unermessliche Anspannung. Die Nacht ist hereingebrochen, aber von den hohen Häuserfronten rund um den ovalen Platz werfen Scheinwerfer ihr gleißendes Licht. Die Menschen warten darauf, dass es endlich 22 Uhr wird und Mubaraks Rede beginnt. Durch die Menge gehen immer mehr Gerüchte, dass Mubaraks Abdankung schon feststehe, dass er es gleich, in wenigen Minuten, sagen werde. Fast zwei Millionen Menschen füllen den Platz bis zum Bersten. Es ist das dritte Mal seit Beginn der Proteste, dass Mubarak eine Rede angekündigt hat.

Er beginnt mit einer Beileidsbekundung für die Toten der Proteste und während die Menschen auf dem Platz zuhören, wissen sie nicht, ob es wirklich eine Reverenz ist oder eine Täuschung: "Ich wende mich an die Jugend Ägyptens auf dem Tahrir-Platz und überall im Land", hebt Mubarak an. "Ich spreche zu euch aus tiefstem Herzen, wie ein Vater mit seinem Sohn spricht oder mit seiner Tochter." Er sei stolz auf die neue Generation Ägyptens, die nach einem Wandel zum Besseren rufe und die die Zukunft gestalten wolle. Dann gesteht er ein, dass jede Regierung Fehler mache. Und dass der Tod jener, die in den vergangenen Wochen umkamen, untersucht und gesühnt werden müsse. "Sie sind nicht vergebens gestorben", sagt Mubarak mit ernstem Blick in die Kamera. Will er nachgeben? Oder ist das zynische Heuchelei? Doch die Rede zieht sich, Mubarak spricht vom demokratischen Dialog und sagt nichts über seine eigene Zukunft. Dann ein langer und umständlicher Satz, der aber der entscheidende ist: Er will bis zum September im Amt bleiben. Er will bei der Präsidentschaftswahl die Macht an einen Nachfolger übergeben.

Die Menschen auf dem Platz verstehen, dass sie betrogen wurden. "Misch mumkin", rufen einige - das kann doch nicht wahr sein! Es werden Sprechchöre laut, tosendes Geschrei. Mubarak erklärt noch, er werde in Ägypten sterben, das Land niemals verlassen. Auf dem Tahrir-Platz bricht sich gewaltige Wut Bahn. Die Menschen sind fassungslos. "Es ist grotesk, wie starr dieser alte Mann auf seinem Stuhl klebt", kommentiert der Rechtsanwalt Abu Saeda die Rede.

Er ist ein Veteran der Opposition und zwar jener, die nicht in Mubaraks scheindemokratischem Parlament saß. "Sieht Mubarak denn nicht, was hier geschieht?" Wütende Menschen laufen scheinbar orientierungslos auf der Straße herum, manche gehen nach Hause, manche wollen zum Präsidentenpalast, manche das Staatsfernsehen stürmen. Die Ägypter seien noch nicht reif für eine Demokratie, sagt Vizepräsident Omar Suleiman in einer Ansprache, die nach der von Mubarak gesendet wird. "Wir sind reif für die Demokratie", ruft Abu Saeda, fast schon verzweifelt. "Deshalb sind wir hier!"

Machtkampf mit der Armee

Inzwischen scheint es einen Machtkampf zwischen der Armee und der Regierung zu geben. Den ganzen Donnerstag und Freitag über tagt das Oberkommando der ägyptischen Streitkräfte. Mit Spannung warten die Ägypter auf die Erklärungen der Armee. Am Donnerstagabend teilen die Militärs mit, sie wollten die Sicherheit des Landes und der Bevölkerung wahren. Diese Verlautbarung wird von den Demonstranten so verstanden, dass sich die Armee im Zweifelsfall für das Volk und gegen Präsident Mubarak entscheiden würde. Am Freitagvormittag folgt dann eine zweite Verlautbarung; sie lehnt sich stark an Aussagen Mubaraks vom Vorabend an: Die Armee wird die Notstandsgesetze aufheben, sobald es die Situation zulässt. Die Armee garantiert die Reformen, die Mubarak zugesagt hat. Die Armee verspricht freie und faire Wahlen; Demonstranten werden nicht strafrechtlich verfolgt.

Die Menschen in Ägypten, die seit knapp drei Wochen auf den Straßen des Landes gegen das Regime Mubarak demonstrieren wollen keine Militärherrschaft herbeizwingen. Das Militär spielt in Ägypten seit dem Staatsstreich 1952 eine ausschlaggebende Rolle in Politik und Staat. Eine Koalition von jungen Offizieren, angeführt von Gamal Abdel Nasser, hatte damals den König gestürzt. Seither kamen alle Präsidenten der Republik aus dem Militär. Auch deshalb scheint es dem Militär in der jetzigen Situation schwer zu fallen den Präsidenten, Ex-Militär und Oberbefehlshaber der Streitkräfte zu stürzen.

In den vergangenen drei Wochen hat die Armee weitgehend die Rolle eines Beobachters und Schlichters eingenommen. Sie hat versucht, sich aus dem Konflikt aktiv herauszuhalten. Jetzt hat sie die Macht übernommen.

"Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, aber ich habe den festen Glauben, dass die Armee hinter uns steht", sagt Fatma, und aus ihrer Stimme ist die Unsicherheit zu spüren. Das Militär ist im Volk hoch angesehen und niemand kann sich vorstellen, dass die Armee das eigene Volk angreifen könnte. Aus den Lautsprechern am Tahrir-Platz und den Megafonen, mit denen die Demonstranten durch die Stadt ziehen, zum Fernsehgebäude am Nil und dem Präsidentschaftspalast in Heliopolis im Nordosten der Stadt, dröhnen deshalb auch immer wieder die gleichen Sprüche: "Madaneyya, madaneyya, misch eiyzenha azkeriyya", was übersetzt bedeutet: "Zivil, zivil, wir wollen keine Militärherrschaft" und "Al-Schaab wa al-Geisch Id wahda", "Das Volk und die Armee sind eine Hand".