Aufstand in Ägypten

Am 17. Tag der Proteste wankt der große Pharao

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Dietrich Alexander und Alexander Kohnen

Hunderttausende sind es. Schon wieder. Die Anhänger der ägyptischen Opposition jubeln auf dem Tahrir-Platz, warten mit Spannung auf eine Rede von Präsident Husni Mubarak. Sie ist für 21 Uhr angekündigt worden. Nachrichten, dass der 82-Jährige noch am Abend seinen Rückzug von der Macht ankündigen könnte, lösen immer wieder Begeisterungsstürme aus.

Fahnen werden geschwenkt, es herrscht eine Volksfeststimmung, euphorisch, es ist ein bisschen so, als würde ein Land Fußballweltmeister werden.

Um 21.46 Uhr ist es dann endlich so weit: Mubarak spricht im Fernsehen - und der Satz, auf den alle gewartet hatten, fällt nicht. Mubarak sagt nicht: Ich trete zurück. Während der Ansprache ist es auf dem Tahrir-Platz ruhig. Mubarak sagt, er werde Reformen einleiten. Er sagt, er werde und Teile seiner Befugnisse an seinen Vizepräsidenten Omar Suleimann abgeben. Er verspricht viele Dinge. Er sagt, dass er bei den nächsten Präsidentschaftswahlen nicht wieder antreten wird. Und er spricht pathetisch, wie ein sich um alle sorgender Landesvater, von seinem Stolz auf die Ägypter. Die Ära Mubarak ist doch noch nicht zu Ende. Noch immer nicht.

Nach der Rede blanke Wut

Nach der Rede bricht auf dem Tahrir-Platz ein Sturm los. Die Demonstranten rufen: "Rücktritt!" Oder "Geh endlich!" Und auch: "Verschwinde!" Es ist eine Mischung aus Enttäuschung und Wut, die den Platz erfasst hat, mitten in Kairo, der größten Stadt Afrikas.

Enttäuschung und Sorge auch bei Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP): "Diese Rede hat keine neue Perspektive eröffnet. Sie war nicht der erhoffte Schritt nach vorn. Die Sorge der internationalen Staatengemeinschaft und Deutschlands ist nach dieser Rede eher größer als kleiner geworden," sagte er in der Ständigen Vertretung Deutschlands bei den Vereinten Nationen in New York. Morgen nimmt Westerwelle dort an der Sitzung des UN-Sicherheitsrats teil.

Und doch - obwohl es keinen offiziellen Rücktritt gab - hat dieser 17. Tag der hartnäckigen Massenproteste am Ende wohl zumindest einen Teilerfolg gebracht. "Sie haben gewonnen", hatte Hossam Badrawi, der Generalsekretär der ägyptischen Regierungspartei NDP, am Donnerstagnachmittag an die Adresse der Demonstranten. Es hatte sich am Abend zunächst abgezeichnet, dass Präsident Husni Mubarak, der bislang unumschränkte Herrscher am Nil, seine Allmacht zumindest teilweise abgeben und damit die zentrale Forderung aller ägyptischen Oppositionsgruppen erfüllen würde. Doch das passierte nicht.

Die ägyptische Revolution hat mehr als 300 Tote gefordert, die meisten starben durch staatliche Schläger- und Polizeitruppen, die scharf auf Demonstranten schossen. Aber sie hat auch gezeigt, dass es Menschen gibt, die nicht die aufgegeben haben. Vor allem junge Menschen, die für ihre Ziele kämpfen - oder zumindest protestieren. Der Tahrir-Platz im Zentrum der Hauptstadt Kairo wurde so zu einem Symbol der Revolution. Auf Deutsch heißt er übrigens Platz der Befreiung.

Am Anfang des Volksaufstandes am Nil aber stand die versuchte Selbstverbrennung eines jungen Ägypters am 17. Januar - exakt einen Monat, nachdem sich ein arbeitsloser Akademiker in Tunesien aus Protest gegen Perspektivlosigkeit und persönlicher Verzweiflung anzündete und damit die "Jasmin-Revolution" auslöste, die zum Sturz des Diktators Zine el-Abidine Ben Ali führte.

Erst am 25. Januar demonstrieren Zehntausende auch in Ägypten. Die Staatsmacht geht mit Härte gegen sie vor. Ägyptens Behörden blockieren den Zugang zum Kurzmitteilungsdienst Twitter und zu Facebook-Seiten, Hunderte werden ins Gefängnis geworfen. Das strauchelnde Regime macht erste Zugeständnisse: Keine Strafverfolgung der Demonstranten, Freilassung politischer Gefangener, Lockerung der Zensur.

Doch das konnte das zornige, seit 30 Jahren vom Mubarak-Regime unterdrückte 83-Millionen-Volk nicht besänftigen. Es wollte nicht weniger als die Befreiung vom "Pharao", der eigentlich bis zu seinem Lebensende herrschen wollte und eine geordnete Machtübergabe nie vorbereitet hat. Mubarak herrschte, seit er nach dem Tode Anwar al-Sadats in das höchste Staatsamt aufstieg. Er wollte in seinem Reich, das nur dem Namen nach eine Präsidialrepublik war, eine dynastische Stabübergabe an seinen Sohn Gamal (46) - vielleicht bei den geplanten Wahlen im September.

Das Militär war gegen den Sohn

Doch dem Mubarak-Spross fehlte von Anfang an das Plazet des mächtigen Militärs, denn Gamal, der den USA freundlich gesonnene Banker, ist nicht vom Schlage seines Vaters. Er ist kein ehemaliger Luftwaffenoffizier mit besten Verbindungen zum Geheimdienst. Das mächtige und auch in der Bevölkerung hoch angesehene Militär - ganz im Gegensatz zur Polizei - wollte nicht auf sein still geduldetes Recht verzichten, den Präsidentschaftskandidaten "vorzuschlagen". Und die Wahl der Offiziere fiel nicht auf Gamal, sondern auf den mächtigen Geheimdienstchef Omar Suleiman, ein Mann aus den eigenen Reihen mit wichtigen Kontakten und viel Erfahrung im komplizierten Machtgeflecht am Nil.

Folgerichtig machte Mubarak ihn zum Vizepräsidenten. Der auch in Israel hoch respektierte Suleiman ist nun der starke Mann in Ägypten. Die islamistischen Muslimbrüder merkten eher am Rande an, das Ganze sehe aus wie ein Militärputsch. Tatsächlich passte diese Einschätzung zu einer Äußerung, die Generalstabschef Sami Eman am Donnerstag gegenüber dem US-Sender ABC machte: "Es endet heute Nacht."

Und Außenminister Ahmed Abul Gheit drohte im Fernsehsender al-Arabija: Sollten "Abenteurer" den Reformprozess übernehmen, würden sich die Streitkräfte gezwungen sehen, "die Verfassung und die nationale Sicherheit zu verteidigen, und wir werden uns in einer sehr schwierigen Situation wiederfinden". Das bedeutet: Verhängung des Kriegsrechts. Man täusche sich nicht: Suleiman ist ein Mann Mubaraks. Ihn umweht wie viele andere Figuren der Wirtschafts-Polit- und Militärelite der Geruch des Ancien Régime.