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Wenn Familie nicht stört

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Die Friedrichshainer Agentur dan pearlman ist der politischen Debatte sehr weit voraus. Als sie das Büro vor zehn Jahren gründeten, hatten Volker Katschinski, heute 41, und seine Geschäftspartner noch nicht in familienfreundlichen Strukturen gedacht. "Damals haben wir oft ganze Nächte und Wochenenden durchgearbeitet. Das kommt jetzt nicht mehr vor."

Die wachsende Zahl eigener Kinder stellten Katschinski und seine Partner immer häufiger vor das Problem, wie sich Familie und Arbeit verbinden lassen. Daraus entwickelten sie die Philosophie des mittelständischen Unternehmens. Jeder Mitarbeiter erhält volle Unterstützung, wenn es um die Organisation des Familienalltags geht. "Mit Kindern muss man jede Woche neu planen. Unser Unternehmen reagiert flexibel darauf." Katschinski selbst ist heute zweifacher Vater.

Es sind Beispiele wie diese, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und Familienministerin Kristina Schröder (beide CDU) im Kopf haben mögen, wenn sie wie am Dienstag für die freiwillige Schaffung von flexiblen, familiengerechten Arbeitsplätzen werben. 30 hochrangige Vertreter aus Wirtschaft und Gewerkschaften hatten sich in der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom zusammengefunden, um öffentlichkeitswirksam eine Charta zur Schaffung flexibler, familienbewusster Arbeitszeiten zu unterschreiben. Freiwillige Selbstverpflichtung statt gesetzlicher Zwangsinstrumente - das hören Kanzlerin und Ministerin gern.

Gerade eine Woche ist es her, dass sich die Bundesregierung in aller Öffentlichkeit einen heftigen Streit darüber lieferte, wie der Frauenmangel in der deutschen Wirtschaft beendet werden könnte. Dass Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) mit dem Vorschlag einer gesetzlichen Quote von 30 Prozent voranpreschte, missfiel Merkel sehr.

Kinderzahl als Währung

Die Stimmung in der Telekom-Repräsentanz konnte nicht besser sein in der Runde: Während die Kanzlerin dafür warb, Familie nicht mehr als Störfaktor zu betrachten, nahmen die Anwesenden die Regierungschefin beim Wort. Wer das Wort ergriff, wurde mit der Zahl seiner Kinder vorgestellt: Antje von Dewitz, Chefin des Outdoor-Spezialisten Vaude, vierfache Mutter. Markus Lewe, Oberbürgermeister der Stadt Münster, fünffacher Vater - das war die Währung, die zählte.

Allein die Bundesfamilienministerin, die im Sommer ihr erstes Baby erwartet, verlor darüber kein Wort - und nutzte lieber die Chance, die Wirtschaftsunternehmen in ihrem teils halbherzigen Kampf gegen den Frauenmangel zur Raison zu bringen: Es bedürfe in den Unternehmen einer Kultur des Respekts vor familiärer Verantwortung, sagte Schröder und warb für Arbeitsmodelle, die den Lebenswirklichkeiten junger Familien heute näher kommen als die gängigen Regelungen. "60 Prozent der jungen Väter wollen heute weniger arbeiten als Vollzeit, die Frauen jedoch wollen meist mehr als den typischen 20-Stunden-Halbzeitjob", so Schröder. Beides müsse möglich sein. Zudem müsse die Präsenzkultur, der Glaube also, dass der beste Mitarbeiter derjenige sei, der lange am Schreibtisch sitze, abgelegt werden.

Bestes Beispiel dafür ist die Friedrichshainer Agentur. Auf einem Regal neben den renommiertesten deutschen Designpreisen steht in einem Bilderrahmen auch der Landespreis als "Unternehmen für Familie". Im Sommer 2010 wurde dieser erstmals vom Berliner Senat vergeben. Die dan pearlman GmbH setzte sich in der Kategorie der Unternehmen mit 21 bis 100 Mitarbeitern durch. In den loftartigen Räumen der Agentur reagiert man flexibel auf familiäre Anforderungen der Mitarbeiter. Zwischen dem Klappern der Computertastaturen hört man Kindertrappeln und das Lachen eines Babys, Malstifte und Zettel liegen herum, Hüpffiguren und Süßigkeiten. "An manchen Tagen ist hier ganz schön was los", sagt Katschinski lachend. Er und seine Kollegen haben sich gegen eine eigene Kindertagesstätte für die 38 Kinder der 40 Beschäftigten entschieden haben. "Es gibt kein Rezept für die Familienplanung. Jeder muss und darf sein eigenes Modell finden."

Viele der Grafiker und Designer in dem Friedrichshainer Unternehmen haben sich für eine Teilzeittätigkeit entschieden. Außerdem ist es jederzeit möglich, Kinder mit ins Büro zu bringen, wenn Schule oder Kita geschlossen sind. "Und wenn man denkt, der eigene Plan ist perfekt, werden die Kinder krank. Immer dann, wenn man es am wenigsten brauchen kann", sagt Katschinski. In diesem Fall können auch kurzfristig Home-Office-Tage eingelegt werden. Zudem bezahlt die Firma interessierten Mitarbeitern sogar die Teilnahme an Seminaren, die helfen sollen, den Familienalltag optimal zu organisieren.

Die Bundesfamilienministerin will die Unternehmen nach Jahren gescheiterter Frauenförderpolitik nun deutlich zu solchem freiwilligen Handeln auffordern und so die Frauenquote verhindern. Gemeinsam mit der Kanzlerin hatte sie von der Leyens Idee brüsk eine Absage erteilt, die beide nun erneuerten: Zwar sei es "ein ziemlicher Skandal", dass Frauen in deutschen Führungsetagen so selten seien, sagte Merkel. Sie wolle der Wirtschaft aber "noch eine Chance geben" und zudem persönlich bei den Firmenchefs für ihr Anliegen werben. "Seien Sie kreativ", sagte sie, "je schneller das passiert, desto weniger kreativ müssen wir werden."

Allen Frauenförderprogrammen und Gleichstellungsbeauftragten zum Trotz sind die Erfolge bislang dennoch äußerst bescheiden. Mit derzeit nur vier Frauen in der Riege der Dax-Vorstände sind Deutschlands größte börsennotierte Unternehmen an der Spitze noch immer (fast) reine Männervereine. Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) zufolge liegt der Frauenanteil bei den 200 größten Unternehmen in den Aufsichtsräten bei mageren 10,6 Prozent und damit weit abgeschlagen hinter Ländern wie Schweden und Norwegen. Ein Drittel aller großen Unternehmen hat überhaupt keine Frau im Aufsichtsrat.

Das Verdikt der Diskutanten in Sachen Frauenquote fiel erwartungsgemäß aus: Während sich die Gewerkschaftsvertreter für einen gesetzlichen Zwang starkmachten, warben die Unternehmensvertreter für freiwillige Verpflichtungen: "Es gibt viele Stellschrauben, an denen wir drehen können, um die Situation zu verbessern, aber die lassen sich eben nicht in allen Branchen gleichermaßen drehen", sagte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Es sei zudem Sache der Politik, die Rahmenbedingungen, etwa was den Ausbau des Kindergartennetzes betrifft, so zu schaffen, dass die Anstrengungen der Firmen auch tatsächlich erfolgreich sein könnten.

Bundesfamilienministerin Schröder sagte hierzu, der geplante Ausbau der Kitas verliefe gut: Der Mittelabruf sei steil angestiegen. Man sei zuversichtlich, 2013 den geplanten Rechtsanspruch für Kita-Plätze für Ein- bis Dreijährige auch wirklich in die Tat umsetzen zu können. Mit der nun unterzeichneten Vereinbarung werden alle Akteure in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft aufgerufen, die Chancen familienbewusster Arbeitszeiten aktiver zu nutzen. Im Frühjahr 2013 soll eine Bilanz gezogen werden. "Die Unterschrift unter die Charta ist für mich ein hoffnungsvolles, ein gutes Zeichen, ein wichtiger Schritt", sagte Merkel.

Katschinskis zehnjähriger Sohn Bela und seine siebenjährige Tochter Milla kommen inzwischen nur noch selten zu Besuch in die Agenturräume. Die Hortbetreuung an den Berliner Schulen entlastet den Kreativchef und seine Ehefrau, die als Logopädin einen straff durchgeplanten Arbeitstag hat. Früher tobten sie mit den Kindern durch die Räume oder bastelten im Modellbauraum der Architekten. "Als wir die Süßigkeitenkiste im Büro abgeschafft haben, kam besonders von den Kindern lautstarker Protest." Dennoch: Der Spagat zwischen einem erfolgreich agierenden Unternehmen und familiären Anforderungen ist nicht einfach: "Das kostet uns alle auch harte Arbeit."