Umbruch am Nil

In den Fängen von Mubaraks Geheimpolizei

Wir wurden von ägyptischen Sicherheitskräften festgesetzt, der gefürchteten Geheimpolizei Mukhabarat übergeben und verhört. Sie steckten uns die ganze Nacht in einen kalten Raum mit harten orangefarbenen Plastikstühlen unter Leuchtstoffröhren. Aber unser Unbehagen war gar nichts im Vergleich zu den dumpfen Schlägen und den Schmerzensschreien von Ägyptern, die die Stille der Nacht durchbrachen.

In einem Fall, inmitten der Schreie und des Leids, hörten wir einen Beamten auf Arabisch fragen: "Du sprichst also mit Journalisten? Du sprichst schlecht über unser Land?" Eine Stimme antwortete, ebenfalls auf Arabisch: "Du begehst eine Sünde. Du begehst eine Sünde."

Wir - Souad Mekhennet, Nicholas Kulish und ein Fahrer, der kein Journalist ist und nichts mit den Demonstrationen zu tun hatte - waren am Donnerstagnachmittag festgesetzt worden, als wir ins Zentrum von Kairo fuhren. Wir wurden an einem Kontrollpunkt angehalten, und so begann unsere 24-stündige Reise durch ägyptischen Arrest, die schließlich - nach Auskunft der Soldaten, die uns überstellten - bei der Geheimpolizei endete.

Der Arrest war furchtbar. Wir fühlten uns machtlos - ohne eine Ahnung, wo wir gefangen gehalten wurden und für wie lange. Aber das Schlimmste daran war nicht, wie wir behandelt wurden. Am Schlimmsten war, zu sehen - und vor allem durch die Wände dieser grausamen Einrichtung zu hören -, wie die Ägypter durch den verlängerten Arm ihrer eigenen Regierung misshandelt wurden. Einen Tag lang waren wir gefangen in dem brutalen Labyrinth, in dem Ägypter zum Teil monate- oder gar jahrelang verschwinden. Viele Journalisten teilten diese Erfahrung, und viele erlebten viel schlimmere Bedingungen, bis hin zu Verletzungen. Nach Angaben des Committee to Protect Journalists wurden in der Zeit, die wir in Haft verbrachten, 30 Fälle von festgesetzten Journalisten registriert, 26 Anschläge und acht, in denen ihre Ausrüstung beschlagnahmt wurde. Wir sahen einen Journalisten mit einem Verband um den Kopf und andere, denen ihre Jacke über den Kopf gestülpt wurde, als bewaffnete Männer sie abführten. Am Morgen hörten wir einen Mann mit französischem Akzent, der auf Englisch rief: "Wo bin ich? Was passiert mit mir? Antworte mir. Antworte mir."

"Kommt an die Tür, schaut mal"

Da entschlossen wir uns zu handeln. Wir forderten, freigelassen zu werden - mit mehr Dringlichkeit, aber auch mehr Angst. Ein Beamter in Zivil, der sich als Marwan vorstellte, sagte zu uns: "Kommt an die Tür, schaut mal." Wir sahen mehr als 20 Menschen, Ausländer aus dem Westen und Ägypter, mit Handschellen und verbundenen Augen. "Wir könnten euch viel schlechter behandeln", sagte Marwan ganz ruhig. Er erzählte uns, Ägypter würden zu Tausenden festgehalten. In der Nacht hörten wir, wie sie geschlagen wurden, wie sie nach jedem Schlag schrien.

Wir waren auf dem Rückweg nach Kairo gewesen, nachdem wir für die "New York Times" über die Unruhen in Alexandria berichtet hatten. Wir fuhren zusammen mit Kollegen vom ZDF, eine normale Sache angesichts der Situation - mehr Sicherheit durch Größe. Am Stadtrand von Kairo wurden wir angehalten, es sah aus wie ein ziviler Checkpoint. Wir hatten schon ohne Probleme viele Kontrollpunkte passiert, aber als unser Fahrer seine Tür öffnete, gab es einen Riesentumult. Die Männer sahen eine große schwarze Tasche, aus der ein Mikrofon herausschaute. Die Gruppe schrie und schlug auf das Auto, riss die Türen auf. Die ZDF-Crew im zweiten Wagen schaffte es, umzudrehen und wegzufahren. Wir nicht. Anstatt dass wir aus dem Auto gezogen wurden, drängten sich zwei Männer auf den Rücksitz. Wir waren erleichtert, dass sie uns da offensichtlich herausholen wollten, bis einer von ihnen seinen Polizeiausweis zeigte. Sie wollten uns nicht helfen, sondern uns festnehmen.

Einer der Polizisten dirigierte den Fahrer zu einer improvisierten Polizeistation im Scharabija-Bezirk von Kairo, auf dem Dach eines Holzlagerhauses. Der Beamte dort - er stellte sich als Ehab vor - sagte uns, wir seien bei der Geheimpolizei. Sie durchsuchten die Taschen und fanden mehr als eine Kamera. "Wir haben hier eine Frau arabischer Abstammung mit deutschem Pass und einen Amerikaner in einem Auto, zusammen mit einer Kamera, Satellitenausrüstung und 10 000 Dollar", sagte Ehab. "Das ist sehr verdächtig, das muss überprüft werden." Die Angst verwandelte sich in vorsichtige Hoffnung, als wir zu einer Armeebasis gefahren wurden. Das Militär kommt einem stabilisierenden Faktor in Ägypten noch am nächsten, und wir dachten, wenn wir erst einmal erklären würden, wer wir sind, dann könnten wir in unser Hotel zurück. In einem merkwürdigen Gespräch, das erst im Nachhinein einen Sinn ergab, fragte Souad Mekhennet einen der Soldaten, wohin wir gebracht würden. Der Soldat antwortete: "Ihr habt mein Mitgefühl. Es tut mir leid." Nachdem wir mehrere Kasernen angefahren hatten, wurde uns gesagt, dass wir der Mukhabarat übergeben würden, in deren Hauptquartier in Nasr City.

Die Sonne ging gerade unter, als sie uns aus dem Auto holten und hineinbrachten. Unsere Sachen wurden inventarisiert, von Socken über eine Wasserflasche bis zum Geld. Unsere Handys, Kameras und Computer wurden konfisziert. Wir wurden in getrennte, mit dickem braunem Leder gepolsterte Räume gebracht und getrennt verhört. Der eine Geheimpolizist sprach perfektes Englisch und machte Witze über die Fernsehserie "Friends" - er habe in Florida und Texas gelebt. Die Mukhabarat hatte eine Zusammenarbeit mit amerikanischen Geheimdiensten, einschließlich der CIA. Ägyptische Journalisten hatten mehr Freiräume als viele Kollegen in den Polizeistaaten der Region, aber die Polizei behielt die Reporter und deren Quellen genau im Auge. Als die Proteste zunahmen, begann eine Kampagne der Einschüchterung gegen Journalisten und die Ägypter, die mit ihnen sprachen. Wir waren offenbar mitten hineingeraten. Souad Mekhennet fragte den Mann, der sie verhörte: "Wo sind wir?" Er antwortete: "Du bist nirgendwo." Uns wurden die Augen verbunden, um uns in einen nackten Raum zu führen, wo wir die Nacht verbringen sollten. Die Schreie der Gefolterten machten es beinahe unmöglich zu denken. Wir selbst wurden nicht körperlich misshandelt. Ein Polizeibeamter gab jedem von uns eine Cola und eine kleine Packung Kekse. Es war inzwischen nach 22 Uhr, und wir hatten seit mittags nichts mehr gegessen, aber die quälenden Schreie hatten uns jeden Hunger vergessen lassen.

Marwan erschien am nächsten Morgen gegen elf Uhr. Er war sichtlich genervt von unseren Fragen, wann wir denn freikämen, und beschwerte sich, dass Tausende ägyptische Zivilisten in Haft seien. Das war der Moment, in dem er die Tür öffnete und uns unsere gefesselten Kollegen mit verbundenen Augen zeigte. Er sagte, er sei erschöpft, aber er würde unsere Handys und die Ausrüstung finden. Etwa eine Stunde später bekamen wir alles zurück. Wir gingen zusammen, voller Schuldgefühle, als wir auf unsere Kollegen schauten. Neue Gefangene wurden gebracht.

"Ihr macht unser Land schlecht"

Sie brachten uns in unser Auto, mit der Anweisung, unsere Köpfe unten zu halten. "Schaut runter, und nicht sprechen. Wenn ihr hochschaut, werdet ihr etwas sehen, was ihr niemals sehen wollt." So ließen sie uns zehn Minuten sitzen. Einer der Männer, die uns verhört hatten, erschien und fragte unseren Fahrer: "Was habt ihr am Tahrir-Platz gemacht?" Souad Mekhennet erklärte dem Mann auf Arabisch, dass wir Journalisten seien und für die "New York Times" arbeiten würden. Er antwortete: "Ihr seid hierhergekommen, um unser Land schlechtzumachen." Wir wurden herausgefahren, begleitet von einem bewaffneten Mann. Wieder mussten wir herunterschauen. Nach einer Weile hielten wir an, der Mann stieg aus. "Ihr könnt jetzt gehen." Unser Fahrer rief "Alhamdulillah" (Gott sei gelobt). Wir schauten uns um. Wir waren irgendwo in Kairo, aber weit entfernt von den Protesten. Langsam zog der ganz normale Straßenverkehr vorbei.

© New York Times 2011. Übersetzung: Jens Wiegmann