Aufstand in Ägypten

"Hier schießen Ägypter auf Ägypter"

Der weiße Nebel, der am Freitag über Kairo schwebt, kommt ausnahmsweise einmal nicht vom Smog, sondern vom Tränengas, das die Polizei immer wieder in die Luft schießt. Das Gas beißt in den Augen, im Rachen und brennt wie Gift auf der Haut. Die Menschen, die zu Tausenden auf die Straßen strömen, um gegen das Regime Mubarak zu demonstrieren, halten sich Tücher vor das Gesicht und geben einander hilfreiche Tipps.

Nichts essen, die Tücher mit Wasser getränkt vor das Gesicht halten und nur Cola trinken. Hausfrauen werfen den Demonstranten geviertelte Zwiebeln aus den Fenstern zu, die sie sich vor den Mund halten. Viele kommen gut präpariert, haben Gesichtsmasken auf Mund und Nase und halten Zwei-Liter-Flaschen der schwarzen Brause in der Hand.

Die Ägypter sind auf die Straßen gegangen, um dem Regime eine eindeutig klarzumachen: "Kefaya" - Es ist genug. Es ist eine beeindruckende Demonstration der Geschlossenheit, denn es sind nicht nur Jugendliche und Arme, die auf die Straße gehen, sondern Menschen aus allen Gesellschaftsschichten: Studenten, Alte, Künstler und Intellektuelle sind unter ihnen. Und das Erstaunlichste: Sie gehen zum ersten Mal nicht nur im Zentrum auf die Straße. Überall in der Stadt schließen sich Menschen zusammen und stellen sich den Truppen entgegen. An der Azhar-Moschee in Alt-Kairo ebenso wie im Nobelviertel Zamalek mit seinen Botschaften und Fünf-Sterne-Hotels. Dort versammeln sich die gut situierten Anwohner und rufen, was im ganze Land lautstark zu hören ist: "Das Volk will den Fall des Systems Mubarak."

Sie scheinen alle entschlossen, dass die Zeit gekommen ist, endlich etwas zu ändern und nicht auf Wandel von oben zu warten. "Ich habe keine Angst, hier zu sein", ruft eine Mittvierzigerin, als sie vom Talaat-Harb-Platz im Zentrum der Stadt auf einer der Hauptachsen der Stadt Richtung Osten läuft. Sie trägt Jeans und T-Shirt, ist unverschleiert und hat eine Sonnenbrille im Haar. "Mich fragen Freunde im Ausland immer wieder, warum ich dieses Land nicht endlich verlasse. Aber ich will, dass sich hier etwas ändert. Das Regime muss endlich das Land verlassen." Sie ist aufgebracht, denn die Polizei schießt immer wieder Tränengas in die friedlich marschierende Menge. Eine etwa 50-jährige Frau steht ganz in der Nähe in einer Seitenstraße und ruft immer wieder außer sich: "Hier schießen Ägypter auf Ägypter. Ich habe eine Blutung am Bein und wollte zum Krankenhaus, komme aber hier nicht durch. Stattdessen wurde ich mit Tränengas beschossen." Sie läuft von den näher rückenden Truppen davon und ruft dabei immer wieder lautstark das eine: "Mubarak, du Schwein! Du und alle um dich herum müssen gehen."

Sie war nicht zum Demonstrieren gekommen, doch mit der harten Vorgehensweise der Sicherheitskräfte gegen friedlich demonstrierenden Menschen und alle, die durch Zufall in der Nähe sind, hat die Regierung wieder einen Ägypter mehr gegen sich. Schon am frühen Freitagmorgen war klar, dass die Regierung Mubarak zu keinerlei Kompromissen bereit ist und mit allen Mitteln versuchen würde, die Proteste im Keim zu ersticken. Schon gegen acht Uhr in der Frühe war das Internet komplett blockiert, konnten keine SMS verschickt werden, und kurze Zeit später waren alle Telefonnetze tot. Ägypten scheinbar von der Welt isoliert. Es wurde klar, dass die Regierung keine Rücksicht mehr nehmen würde. Und wohl auch, dass dieser Tag ein entscheidender für die Zukunft des Landes werden könnte.

Die Menschen wollen den Wandel

Ägypten erlebt eine Welle des Protests, die für die Republik am Nil neu ist. In den 30 Jahren, die Präsident Husni Mubarak an der Macht ist, gab es noch nie solche massiven Proteste. Am Dienstag hatten Aktivisten über Facebook dazu aufgerufen. Sechs Menschen sind bei den Protesten seither ums Leben gekommen, Hunderte wurden verletzt, knapp 900 Demonstranten sind nach Angaben von Sicherheitskräften festgenommen worden. Die Menschen in Ägypten wollen Wandel, der in ihren Augen längst überfällig ist, und sie haben durch das Beispiel Tunesien erkannt, dass dieser Wandel nur durch den Gang auf die Straße erreicht werden kann. Bemerkenswert an den Protesten ist, wie selbstbewusst und uneingeschüchtert sich die Demonstranten den Polizisten entgegenstellen. Wasserwerfer und Tränengas können sie nicht auseinanderbringen. "Die Menschen in Ägypten sind zum ersten Mal bereit, wirklich auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren", wird Mohammed al-Baradei, ehemaliger Chef der Atombehörde und Leiter der Bewegung für den Wandel, in der Oppositionszeitung "Asry Al-Youm" zitiert. Auf der Facebook-Fanseite "Al-Baradei for President" haben sich mittlerweile 250 000 Ägypter eingetragen. Am Freitag skandierten die Menschen immer wieder seinen Namen. Al-Baradei könnte eine wichtige Rolle bei den Demonstrationen übernehmen. Denn bisher ist die Protestbewegung ohne ein klares politisches Konzept. Am Donnerstag war der Hoffnungsträger nach Kairo zurückgekehrt. "Dies ist eine Bewegung der Jugend, und meine Partei ist die Partei der Jugend. Die Menschen wollen einen Wandel auf friedlichem Weg", deshalb bitte er die Regierung, auf die Demonstrationen ohne Gewalt zu reagieren.

Diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Die Proteste eskalieren, al-Baradei selbst steht unter Hausarrest.