Streit um BBI-Flugrouten

Die Angst vor dem Wertverlust im Grünen

Der Versuch von Axel Raab, dem Sprecher der Deutschen Flugsicherung (DFS), auf einer Pressekonferenz in Potsdam die Wogen zu glätten, ist gründlich schiefgegangen. Er persönlich hätte keine Bedenken, nach Wannsee, Potsdam oder Kleinmachnow zu ziehen, bemerkte Raab. Dann jedoch fügte er den alarmierenden Nachsatz hinzu: "Ich bin nicht sehr lärmempfindlich."

Eine Bemerkung, die Hausbesitzer und Immobilienexperten gleichermaßen elektrisierte. Zumal der Mann von der Flugsicherung noch nachschob, er würde allen, die ihn fragen, dazu raten, mit dem Hauskauf zu warten, bis die Flugrouten feststehen. Doch das könne noch dauern.

Seit die Deutsche Flugsicherung am 6. September ihre Vorschläge für die Flugrouten von und zum neuen Großflughafen BBI in Schönefeld bekannt gegeben hat, fürchten die Grundstückseigentümer im gutbürgerlichen Berliner Südwesten und den angrenzenden Brandenburger Gemeinden um den Wert ihrer Immobilien. Und obwohl noch gar nicht klar ist, ob die Flieger tatsächlich auf den jetzt bekannt gewordenen Luftkorridoren fliegen werden, ist der Schaden bereits enorm. "Wir verspüren eine deutliche Unsicherheit gerade in diesen sonst so nachgefragten Einfamilienhausgegenden in Kleinmachnow und Teltow", sagt Günter Fischer aus dem Potsdam-Büro des Maklerhauses Engel & Völkers. "Sechs Abschlüsse sind allein in diesem Bereich aufgrund der Flugroutendebatte nicht zustande gekommen", so Fischer. Die Käufer hätten erklärt, ihre Kaufabsicht nun noch einmal überdenken zu wollen.

Immer mehr Hausbesitzer schließen sich als Reaktion auf den drohenden Verlust von Lebensqualität und Immobilienwerten zu Bürgerinitiativen zusammen, mehr als 30 sind es inzwischen. Besonders stark ist der Protest im Berliner Vorort Lichtenrade. In kurzer Zeit wurden hier 11 000 Unterschriften gegen die DFS-Pläne gesammelt, jeden Montag finden Demonstrationen mit mehreren tausend Teilnehmern statt. Nach den bekannt gewordenen Planungen soll der beschauliche Ort in 600 Meter Höhe überquert werden. "Es gibt Anfragen von Lichtenradern, die ihr Haus möglichst schnell verkaufen wollen", so Björn Fritsch vom Maklerhaus Engel & Völkers. Das seien bislang zwar nur wenige. Besonders schlimm sei aber, dass das Vertrauen der Kaufinteressenten durch die erst jetzt bekannt gewordenen Flugrouten nachhaltig erschüttert sei. Schließlich hatte es in den zehn Jahren zuvor immer geheißen, Lichtenrade sei nicht betroffen. "Bevor der Flughafen nicht eröffnet ist und man die Lärmbelästigung hören kann, wird kein Kunde mehr etwas glauben", ist Fritsch sich deshalb sicher.

Und während Politiker in Berlin und Brandenburg mit Flughafengesellschaft, Airlines sowie Flugsicherung nach Konzepten suchen, um die Belastungen durch den BBI und damit den Bürgerunmut zu dämpfen, wächst die Verunsicherung der Hausbesitzer immer weiter. Rein rechtlich muss die Flugsicherung erst drei Monate vor der Eröffnung des BBI im Juni 2012 Farbe bekennen.

Ob die Angst vor dem Wertverlust überhaupt berechtigt ist, darüber gibt es bislang noch keine verlässlichen Zahlen. "Die Proteste der Bürger sind im Moment das Hauptproblem, sie schüren erst die Panik", ist Andreas Habbath vom Immobilienverband IVD Berlin-Brandenburg überzeugt. Habbath ist vorsitzendes Mitglied des IVD Wertermittlungsausschusses. Um dem Mangel an Information zu begegnen, kündigt der IVD eine Sonderpublikation zum Thema Flugrouten im Januar an. Klar sei jedoch schon heute, dass die Gleichung "Fluglärm gleich Wertverlust" viel zu kurz gegriffen sei. "Das Wohngebiet Meerbusch-Düsseldorf liegt direkt in der Einflugschneise", nennt Habbath ein prominentes Gegenbeispiel. Dennoch wohnten dort die meisten Millionäre in der Region. "Und das durchaus nicht, weil die Preise dort so günstig sind", so Habbath weiter.

Kein Jubel in Reinickendorf

Eine Beobachtung, die Makler Björn Fritsch nur bestätigen kann. Fritsch betreut nicht nur Lichterfelde, sondern mit Frohnau, Tegel und Reinickendorf auch die Gebiete im Norden Berlins, die durch die Schließung des Flughafen Tegels vom Fluglärm entlastet werden sollen. "Der Jubel in Reinickendorf hält sich bislang in Grenzen", sagt Fritsch. "In Frohnau und Tegel wohnen viele Vielflieger und Flughafenangestellte, für die ist die Nähe zum Flughafen eine berufliche Notwendigkeit", sagt er.

Angesichts der bisher äußerst dürftigen Datenlage gewinnen nun Studien wieder an Bedeutung, die allerdings schon etwas älter sind. So zeigte eine Untersuchung des Studienzentrums für Europäische Wohnungs-, Immobilien- und Stadtwirtschaft vor einigen Jahren in den betroffenen Gebieten in Frankfurt am Main Wertminderungen von zum Teil mehr als elf Prozent, die auf die Entwicklung des Flughafens zurückzuführen waren.

Die Universität Hamburg hat sich 2008 dagegen explizit mit den Auswirkungen der Flughafenplanungen in Berlin beschäftigt. Während in einer Entfernung bis zu 5000 Metern zur Einflugschneise des Flughafens Tempelhof Wertminderungen von etwa fünf bis zehn Prozent zu verzeichnen waren, konnten die Forscher solche Wertminderungen am Flughafen Tegel nicht feststellen.

Auch wenn noch gar nicht klar ist, wie sich die Flugrouten auswirken werden, hat der Verband Deutscher Grundstücksnutzer (VDGN) bereits Anfang Oktober Strafanzeige gegen Aufsichtsrat und Geschäftsführung der Berliner Flughafengesellschaft gestellt. VDGN-Präsident Peter Ohm äußerte sich in der "Bild-Zeitung, er rechne beispielsweise in Wannsee mit einem Wertverlust über 25 Prozent. Nach Angaben der Deutschen Flugsicherung soll Wannsee in einer Höhe von 2400 Metern überflogen werden. Die Bürgerinitiative "Keine Flugrouten über Berlin" geht aufgrund eigener Berechnungen davon aus, dass die tatsächliche Höhe bei 1200 Metern liegen wird.

"Ein Kunde hat sein Kaufangebot in Wannsee wieder zurückgezogen", sagt Andreas Lanwehr, bei Engel &Völkers zuständig für Zehlendorf. Allerdings suche dieser Kunde nun nicht etwa im Norden, sondern weiter im Altbezirk Zehlendorf, nur außerhalb der angekündigten Flugschneise. Dass sich gut situierte Bürger wegen der befürchteten Lärmbelastung vom Berliner Südwesten verabschieden könnten, glaubt er nicht. "Wald, Wasser, Stadtnähe - es gibt einfach keine Alternative zum Südwesten", sagt er. Und: "Im Norden ist der Flughafen künftig einfach zu weit weg."

Auch in der Landeshauptstadt Potsdam, dem Wohnort der Reichen und Mächtigen vor den Toren Berlins, ist zumindest in Teilbereichen die Verunsicherung von Käufern und Verkäufern zu spüren. Potsdams Stadtgebiete sollen nach DFS-Angaben in 2400 bis 3000 Meter Höhe überflogen werden. In dieser Höhe wird der relevante Lärmpegelwert von 60 Dezibel am Tag und 55 Dezibel in der Nacht nach Angaben der Flugsicherung jedoch nicht überschritten. Zudem wird Potsdam in vielen Bereichen auch entlastet. Schließlich liegt die brandenburgische Landeshauptstadt bis zur Schließung des Flughafens Tegel im Sommer 2012 in dessen Flugkorridor. Vielleicht erklärt dies die Gelassenheit der Immobilienbesitzer im deutschen "Beverly Hills", der Villengegend im Bereich der Berliner Vorstadt. "Der Markt der wirklich teuren Häuser", sagt Potsdam-Experte Fischer, "reagiert bislang nicht verunsichert." Als "teuer" gelten Immobilien ab zwei Millionen Euro. Warum gerade die betuchte Käuferschicht so gelassen reagiert, dafür hat Fischer eine ganz eigene Erklärung. "Hier wohnen die Entscheider, die bestens vernetzten Lobbyisten", sagt Fischer. Und die könnten sich wohl einfach nicht vorstellen, dass man zwei City-Flughäfen schließt, um ausgerechnet über ihre Köpfe zu fliegen. "Sollten die BBI-Flieger tatsächlich über Potsdam, Wannsee und Grunewald fliegen, rechne ich mit enormer Gegenwehr."