Proteste

Auf der Straße für ein anderes Ägypten

Am Tahrir-Platz im Zentrum Kairos, an dessen nördlichem Ende das Ägyptische Nationalmuseum und an dessen südlichem Ende das Parlamentsgebäude liegt, staut sich am frühen Mittwochmorgen der Verkehr. Nichts jedoch deutet deutet zunächst darauf hin, dass am Vortag Tausende auf diesem Platz demonstrierten.

Nur die Glasscherben auf dem Weg zum Parlament lassen ahnen, was dort vor sich gegangen ist.

Am Dienstag hatten Aktivisten über Facebook zu Protesten aufgerufen. Über 90 000 Mitglieder zählte die Seite in kürzester Zeit. Inspiriert und ermutigt durch die erfolgreichen Proteste in Tunesien, wollten sie gegen die Missstände im Land auf die Straße gehen. Doch dass 15 000 Menschen - die Organisatoren sprechen von 30 000 Protestlern - zusammenkamen, um für ein anderes Ägypten zu demonstrieren, hätte wohl niemand zu träumen gewagt. Es waren die größten Proteste seit Jahrzehnten in Ägypten.

Im ganzen Land gingen Menschen auf die Straße, in Alexandria, Suez, im Sinai und im Delta. Junge, Alte, Intellektuelle, Studenten und Arbeiter, Familien mit Kindern sollen unter den Demonstranten gewesen sein. Drei von ihnen kamen dabei in Suez ums Leben, in Kairo starb ein Polizist. Es sollen 150 Menschen in Kairo verletzt und etliche von der Polizei verhaftet worden sein.

Die Menschen in Ägypten wollen Wandel, der in ihren Augen längst überfällig ist, und sie haben durch das Beispiel Tunesien erkannt, dass dieser Wandel nur durch den Gang auf die Straße erreicht werden kann. Die Demonstranten fordern ein Ende der seit fast 30 Jahren geltenden Notstandsgesetze, sie fordern eine Erhöhung des Mindestlohns und Preissenkungen für Grundnahrungsmittel. Sie haben genug von einer Machtelite, deren Wirtschaftreformen nur ihnen selbst Vorteile verschaffen, durch die jedoch der einfache Ägypter auf der Strecke bleibt. Doch vor allem sehnen sie sich nach einem Machtwechsel. "Ich habe nichts gegen Präsident Mubarak", sagt Ramez, "ich mag ihn sogar." Der 28-Jährige arbeitet in einer Buchhandlung in der Nähe des Tahrir-Platzes, wo er am Dienstagabend mit Tausenden Gleichaltrigen protestiert hat. "Doch die Regierung muss gehen, allen voran Habib al-Adli." Der Innenminister ist der wohl meistgehasste Politiker des Landes, er wird für das Attentat in Alexandria am Neujahrstag verantwortlich gemacht und für die Politik der harten Hand gegen jeden, der als Feind des Staates ausgemacht wird. Folter und Menschenrechtsverletzungen sind in ägyptischen Polizeistationen und Gefängnissen üblich.

Bemerkenswert an den Protesten war, wie selbstbewusst und uneingeschüchtert sich die Demonstranten den Zehntausenden Polizisten entgegenstellten. Selbst Wasserwerfer und Tränengas konnten sie nicht auseinanderbringen. "Die Menschen in Ägypten sind zum ersten Mal bereit, wirklich auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren", wird Mohammed al-Baradei, ehemaliger Chef der Atombehörde und Leiter der Bewegung für den Wandel, in der Oppositionszeitung "Masry al-Youm" zitiert. Die Kultur der Angst, die das Regime jahrzehntelang kultiviert hat, ist gebrochen. Nun gibt es kein Zurück.

Kairo erwartet gespannt den Freitag

Am Tag eins nach den Demonstrationen sind die meisten Viertel zunächst ruhig, die Geschäfte geöffnet, die Menschen gehen ihrer Arbeit nach. "Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, wir müssen arbeiten, damit wir überleben", sagt ein Kellner. Nur die ungewöhnlich hohe Präsenz von Tausenden Polizisten in der Innenstadt zeigt, wie nervös die Regierung nach den Protesten am Vortag ist. Sowohl Facebook als auch der Kurznachrichtendienst Twitter wurden gesperrt. Innenminister Habib al-Adli hat angekündigt, keine weiteren Demonstrationen zuzulassen. Hatte die Polizei am Dienstag noch den Befehl, sich zurückzuhalten, werden die Sicherheitskräfte beim nächsten Mal hart durchgreifen.

Ob sich die Menschen jedoch durch Drohungen zurückhalten lassen werden, ist unwahrscheinlich. Schon am späten Mittwochnachmittag wandelt sich das Alltagsbild. Tausende versammelten sich erneut auf dem Tahrir-Platz. "Wenn unsere Forderungen nicht erfüllt werden, knallt es", prophezeit ein Mann mittleren Alters auf seinem Weg zur Arbeit. Er behält Recht: Nach Angaben der größten unabhängigen Tageszeitung "Masry al-Youm" verhaftet die Polizei mindestens 90 Menschen und sperrte wieder den gesamten Platz für Verkehr und Fußgänger. Dutzende Menschen sollen in ein Lagerhaus gedrängt worden und dort geschlagen worden sein. Am Abend kommt es zu neuen Zusammenstößen mit der Polizei, drei Demonstranten wurden verletzt.

Am morgigen Freitag wird sich zeigen, wohin die Reise in Ägypten geht. In der Vergangenheit war es nach dem Freitagsgebet, wenn Tausende Gläubige auf die Straße strömen, immer wieder zu großen Demonstrationen gekommen. Alles deutet jetzt darauf hin, dass es in der jetzigen aufgeheizten Stimmung nicht anders sein wird. Dann wäre wohl auch die bei Touristen beliebte Gegend um die Azhar-Moschee in Alt-Kairo, auf der gegenüberliegenden Seite des Khan-al-Khalili-Bazars, nicht so ruhig wie noch am Mittwoch.