Interview

"Es fehlt der Kopf"

Nach der Flucht des tunesischen Präsidenten Ben Ali vor den Protesten in seinem Land sind auch in Ägypten Unruhen ausgebrochen. Carolin Brühl sprach mit Andreas Jacobs über die Situation am Nil. Der Politik- und Islamwissenschaftler ist Büroleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Kairo.

Berliner Morgenpost: Ist die Situation in Ägypten mit Tunesien vergleichbar?

Andreas Jacobs: Was wir hier gesehen haben, ist relativ ungewöhnlich für Ägypten. Allein hier in Kairo sind am Dienstag einige Tausend Menschen auf die Straße gegangen. Es wurden Slogans gerufen, die sich direkt gegen Präsident Mubarak und seinen Sohn richteten. Man spricht von den größten Demonstrationen seit Ende der 70er-Jahre. Vergleichbar mit Tunesien sind in jedem Fall der Unmut und die Frustration der Leute.

Berliner Morgenpost: Ist das, was in Kairo passiert, also so eine Art "Trittbrettfahrer"-Revolution?

Andreas Jacobs: Die Ursachen sind ähnlich wie in Tunesien gelagert. Es gibt eine weitreichende Frustration mit der Gesamtsituation im Land. Das sieht man auch an den Forderungen der Demonstranten. Die reichen von besseren Arbeitsbedingungen und der Senkung der Preise über mehr politische Freiheiten bis hin zur Ausweisung des israelischen Botschafters und zur Einstellung der US-amerikanischen Hilfen. Also eine ganz breite Palette. Der konkrete Anlass ist in der Tat der Umsturz in Tunesien, aber Unmut gab's schon vorher. Die Akteure, die diesen Protest organisieren, waren auch schon vorher da.

Berliner Morgenpost: Ist dieser Protest in Ägypten so breit aufgestellt wie in Tunesien, wo alle Generationen und Schichten demonstrierten?

Andreas Jacobs: Der Unmut ist auch hier sehr breit und nicht auf eine bestimmten Gesellschaftsschicht oder einer Gruppe beschränkt. Allerdings gibt es zum Teil noch gravierendere soziale und gesellschaftliche Probleme als in Tunesien. Es gibt hier im Land drei Proteststränge. Einmal die islamistische Opposition, die sich hier bislang sehr zurückgehalten hat ...

Berliner Morgenpost: ... warum?

Andreas Jacobs: Weil die Islamisten wahrscheinlich sofort verhaftet worden wären, wenn man den Eindruck gehabt hätte, dass sie die Unruhe instrumentalisieren. Es gibt neben den Islamisten aber auch die intellektuelle Mittelschicht-Jugend. Das ist die Gruppe, von der man sagt, dass sie auch in Tunesien den Sturz Ben Alis herbeigeführt hat. Und als dritte Gruppe die Arbeiterbewegung in den Städten in der Delta-Region. Die entscheidende Frage ist, ob es den einzelnen Strängen gelingt, sich zu verbünden und langfristig eine Protestkoalition herzustellen.

Berliner Morgenpost: Gibt es denn in einem dieser Stränge oder Organisationen eine herausragende Persönlichkeit, die als Sprachrohr fungiert?

Andreas Jacobs: Nein, die gibt es nicht. Das beobachten wir ja auch in Tunesien. Es fehlt der Kopf. Viele Ägypter halten die Person von Mohammed al-Baradei (Anm. d. Red.: Ex-Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde) für überschätzt, sie trauen ihm nicht zu, dass er wirklich eine Alternative darstellt oder das Land gut genug kennt, um hier eine einflussreiche Rolle zu spielen. Die jetzigen Proteste sind ja im Wesentlichen von einer Facebook-Gruppe eines ermordeten Bloggers initiiert worden.

Berliner Morgenpost: Wie reagiert die ägyptische Führung unter Präsident Mubarak auf die Unruhen?

Andreas Jacobs: Die ägyptische Führung ist besser vorbereitet als die tunesische. Das Land ist es gewohnt, mit Demonstranten und auch mit Kritik am Regime umzugehen. Außerdem hat man diesen sehr deutlichen Warnschuss aus Tunesien vernommen und entsprechende Maßnahmen eingeleitet.

Berliner Morgenpost: Ist es vorstellbar, dass es analog zu Tunesien in absehbarer Zeit zu einem Regierungswechsel oder einem Sturz Mubaraks kommt?

Andreas Jacobs: Im Moment sind alle Voraussagen und Spekulationen unseriös. Die meisten unserer Gesprächspartner halten die derzeitige Lage für kontrollierbar. Außerdem ist Ägypten offener als Tunesien. Es gibt hier Kanäle, durch die Dampf abgelassen werden kann. Allerdings werden hier im Herbst Präsidentschaftswahlen abgehalten, und alle warten darauf, dass eine Entscheidung hinsichtlich des Präsidentenamtes gefällt wird. Tritt Husni Mubarak noch einmal an, oder übergibt er an seinen Sohn, oder wird ein dritter Kandidat aus dem Hut gezaubert? Es ist eine unübersichtliche Situation. Fest steht aber , dass hier in den nächsten Monaten Veränderungen passieren werden.