Anschlag

"Ich habe überlebt, ich habe überlebt"

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Eduard Steiner, Steffen Pletl und Heike Dietrich

Es ist die Zeit, da in Russland die letzten Urlauber aus dem verlängerten Weihnachtsurlaub ins Land zurückkehren. Und es ist die Zeit, da der normale Alltag wieder in Gang kommt. Im Jahr 2011 beginnt er in Russland mit einem Blutbad.

Um 16.32 Uhr Moskauer Zeit (14.32 Uhr MEZ) geht am Montag auf dem Moskauer Flughafen Domodedovo eine Bombe hoch und reißt Dutzende Menschen mit in den Tod. Von mindestens 35 Toten war im Gesundheitsministerium die Rede. 170 Menschen sollen nach ersten Angaben verletzt worden sein, 20 von ihnen schwer. Eine Bombe mit einer Sprengkraft von fünf bis zehn Kilogramm TNT soll explodiert sein, doch Genaues weiß erst einmal niemand.

Wie weit die Angaben über Tote und Hintergründe stimmen, ist zunächst unklar. Augenzeugen schildern Schlimmes, Bilder geben einen ersten Eindruck von dem Ausmaß der Explosion. Amateurvideos zeigen unmittelbar nach der Explosion ein von Rauch eingehülltes Flughafenterminal. In einer Ecke stapeln sich Leichen, weitere Tote liegen zwischen Gepäckstücken verstreut auf dem Boden der Halle. An mehreren Stellen brennen kleinere Feuer. "Es gab eine Explosion. Dann habe ich einen Mann gesehen, der mit Körperteilen und Blut bedeckt war", sagt ein anderer. Dieser habe geschrien: "Ich habe überlebt, ich habe überlebt."

Tausende im Terminal

Ein weiterer Augenzeuge, Mark Green, sagt der BBC, zum Zeitpunkt der Explosion seien Tausende Menschen in dem Terminal gewesen. Sie seien aus dem Gebäude geströmt, einige seien blutverschmiert gewesen. "Ein Mann hatte zerrissene Jeans an, zwischen der Leiste und dem Knie war sein Oberschenkel blutüberströmt." Russische Blogger berichten im Internet unter Verweis auf Augenzeugen von etwa 70 Toten. "Kein Licht, zerfetzte Körper", schreibt der Blogger "likhtenfeld".

Ein Augenzeuge berichtet einem russischen Radiosender, dass das Dach des Flughafengebäudes förmlich in die Höhe gehoben wurde: "Ein Polizist lief schreiend aus dem Gebäude. Stücke von Fleisch hangen auf ihm, er war voller Blut." Alexander, ein anderer Passagier, sagt: "Ich bin kurz nach 16 Uhr (Ortszeit) aus London angekommen, habe mein Gepäck abgeholt und bin zur Halle gegangen. Nach der Detonation bin ich aus dem Flughafen gerannt, ein Freund hat mich abgeholt, wir sind sofort geflüchtet." "Menschen schrien und liefen um ihr Leben", erzählt Sergej Lawotschkin über Telefon dem Staatsfernsehen. "Es war ein riesiges Gewimmel."

Um kurz nach 19 Uhr trifft eine Air-Berlin-Maschine aus Moskau in Tegel ein. "Zum Zeitpunkt des Anschlags waren wir bereits im Check-in-Bereich. Lediglich einen lauten Knall habe ich wahrgenommen", erzählt der Moskauer Geschäftsmann Vadym Shababira. "Was genau passiert war, wusste ich noch nicht. Erst durch zahlreiche Anrufe von Freunden habe ich von dem Anschlag erfahren. Im Flugzeug hat sich die Besatzung vor dem Flug für die Verzögerung entschuldigt. Es wurde jedoch nichts von dem Anschlag gesagt."

Andere warten auf ihre Angehörigen: Die Eheleute Viktor und Lydia Kromm hatten am Nachmittag besorgt versucht, ihren Sohn Oleg anzurufen, der auf in Domodedovo auf seinen Rückflug nach Berlin wartete: "Er selber wusste zu diesem Zeitpunkt nichts von einem Anschlag. Ich hoffe, dass er gut in Berlin ankommt." David Gutojew erwartet seine Schwiegereltern: "Dass einmal ein solcher Anschlag stattfinden könnte, hat man bereits seit längerer Zeit geahnt. Doch niemand hat damit gerechnet, dass ein Terrorakt auf dem Flughafen stattfinden könnte."

Domodedovo ist einer von drei internationalen Flughäfen der Zehn-Millionen-Einwohner-Metropole. Er gilt als einer der modernsten im Land und hat sich in den vergangenen zehn Jahren zur Drehscheibe für Auslandsflüge entwickelt. Genau vor einem Monat war er jedoch in die Schlagzeilen geraten, weil wegen des Eisregens in Moskau massenweise Flüge abgesagt werden mussten und sich ein unbeschreibliches Chaos mit schlechtem Krisenmanagement auf dem Flughafen entwickelt hatte.

Auch am Montag gibt es Schwierigkeiten. Rauch im Terminal behindert die Evakuierung. Wegen des permanenten Staus auf Moskaus Straßen dringen Rettungsfahrzeuge nur schwer zum Unfallort vor. 50 Krankenwagen rasen schließlich so schnell es geht zu dem Flughafen. Die Verletzten werden in mindestens vier Kliniken gebracht. Taxifahrer verlangen nach dem Anschlag Wucherpreise von 500 Euro für Fahrten ins Zentrum - zehnmal so viel wie üblich.

Offenbar hätten zu laxe Sicherheitsvorkehrungen zu dem Anschlag geführt, kritisiert Staatspräsident Dmitri Medwedjew. Nach kurzem Zögern qualifizieren die Behörden die Explosion als Terroranschlag. Wenn es sich wirklich um eine Bombe der beschriebene Sprengkraft handelt,würde dies bedeuten, dass es sich um einen der weltweit größten Anschläge auf Verkehrsinfrastruktur handelte. Das Innenministerium dementiert am Abend kursierende Vermutungen, es habe sich um zwei Explosionen gehandelt. Unsicher blieb bis zum Abend, wer genau für den Anschlag verantwortlich ist und wie der Sprengsatz explodierte.. Life News zitierte andere Experten, die wiederum darüber spekulierten, der mögliche Attentäter habe wohl ein Flugzeug besteigen wollen, die Detonation sei aber am Boden erfolgt. Dem widerspricht jedoch, dass sich die Explosion im Bereich der Gepäckausgabe ereignete.

Kein Bekennerschreiben

Erst zehn Monate ist es her, dass Moskau von einem Terrorschlag erschüttert wurde. Damals waren bei zwei kurz aufeinander folgenden Explosionen in der U-Bahn 38 Menschen ums Leben gekommen.

Die Verantwortung hatte der islamistische Untergrund aus dem Unruhegebiet Nordkaukasus auf sich genommen. Regierungschef Wladimir Putin schaltet sich am Montag in die Ermittlungen ein. Die Sicherheitskräfte suchen nach drei verdächtigen Männern. Für den Anschlag von Montag liegt vorerst kein Bekennerschreiben vor. Beobachter freilich hegen kaum Zweifel, dass auch dieses Blutbad auf Rebellen aus dem Nordkaukasus zurückgeht. "Der Terror ist in Russland trotz anderslautenden offiziellen Angaben nicht besiegt", sagt der Moskauer Politologe Dmitri Orlov dieser Zeitung. In den nordkaukasischen Republiken selbst war es 2010 immer wieder zu blutigen Anschlägen und Überfällen gekommen, obwohl offiziell eine Beruhigung im Gebiet propagiert wird.

Einen "barbarischen Akt" nennt Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle (FDP) die Tat. "Wir empfinden tiefes Mitgefühl mit den Angehörigen und Freunden der Opfer." Unwahrscheinlich jedoch, dass sie schon in der Nacht zu Dienstag identifiziert werden können.