Migration

Wie man in 645 Stunden ein Deutscher wird

Ein gebranntes Kind scheut das Feuer - Antonella und Tomek schlagen die Hand vor den Mund. Grausam klinge das! Dabei soll niemand gemeuchelt, sondern lediglich das Partizip korrekt eingesetzt werden. Aber mit deutschen Sprichwörtern sind die Schüler nicht vertraut: Alain aus Kuba mit der Figur eines Turmspringers; Krishna aus Bangladesch, schön und schweigsam; oder Tomek aus Polen, der ein bisschen gefährlich aussieht, kantig wie ein Türsteher, aber ein braver Kerl ist.

In einem kargen Raum mit grellem Licht und Raufasertapete in Berlin-Neukölln trifft sich jeden Morgen eine kleine Weltauswahl. In 645 Stunden wollen die Zuwanderer das Wichtigste über Deutschland erfahren - und vor allem die Sprache lernen. 18 Frauen und Männer zwischen 21 und 47 Jahren. Einer kommt aus der Türkei, ein anderer aus Ägypten, der Rest aus Ghana, Brasilien, Japan, Kanada, einige stammen aus Osteuropa. Fast sechs Monate sitzen sie hier schon zusammen und lernen, fünf Stunden an fünf Tagen in der Woche.

Etwa 700 000 Zuwanderer haben seit der Einführung im Jahr 2005 an einem Integrationskurs teilgenommen, die meisten von ihnen freiwillig, zwei Drittel von ihnen Frauen. Insgesamt hat die Bundesregierung dafür knapp eine Milliarde Euro ausgegeben - so viel wie kein anderes europäisches Land. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gefragt wird, was sie für eine bessere Integration tut, dann verweist sie als Erstes auf die Integrationskurse. "Wir werden von 2005 bis 2015 das schaffen, was 30 Jahre lang versäumt wurde", sagte sie vergangenen November beim Vierten Integrationsgipfel im Kanzleramt. In den kommenden fünf Jahren sollen alle geschätzten 1,8 Millionen Interessenten den Kurs abgeschlossen haben. Rund 20 000 Migranten standen Ende 2010 laut dem Deutschen Volkshochschulverband auf den Wartelisten für Kurse.

Seit Beginn des neuen Jahrs ist die dreimonatige Sperrfrist für freiwillige Teilnehmer nun aufgehoben. Wer von der Ausländerbehörde oder vom Jobcenter zur Teilnahme verpflichtet wird, wegen "besonders hohen Integrationsbedarfs" oder weil er aufgrund der mangelnden Sprachkenntnisse schwer auf den Arbeitsmarkt zu vermitteln ist, soll ab sofort strenger überwacht werden. Seit dem neuen Jahr erproben Städte und Gemeinden erstmals sogenannte Integrationsvereinbarungen. Wie in einem Vertrag ist dort festgehalten, wer den Migranten helfen soll, in der neuen Heimat Fuß zu fassen, aber auch, "was unser Land von ihnen erwartet", wie die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer (CDU) sagt. Sie will diese Verträge durch Überzeugungsarbeit umsetzen, ohne neue Strafen. Ähnlich wie die Kanzlerin will sie den Migranten die Hände reichen - und Härte signalisieren.

Alain ist heute Morgen spät dran. Er lupft seinen Pullover wie ein Fußballspieler nach dem Torschuss und zeigt kurz seinen Waschbrettbauch. Alain kommt aus Kuba, er tanzt abends bei Revuen im "Tropical Island". Neben ihm sitzt Antonella aus Costa Rica, Dokumentarfilmerin. Sie versucht, den Blick zu Mohammed aus Ägypten zu vermeiden, der weiter hinten sitzt und ihr immer wieder zuzwinkert.

Die Bücher werden aufgeschlagen. Es gilt, Sätze zu vervollständigen. "Ich lerne Deutsch ..., damit ich mich mit meiner Frau unterhalten kann", sagt Mohammed. Er arbeitet in einer kleinen Pizzabude als Koch. "Nicht mehr lange, bald bin ich in einem Hotel, hoffentlich", sagt er. "Mit Arbeit bin ich Mensch." Die Lehrerin Annette Hoffmann verdreht die Augen. Als hätten sie das nicht oft genug gepaukt. Satzstellung, unbestimmter Artikel.

Mohammed, 37 Jahre, hat seine deutsche Frau in dem ägyptischen Badeort Hurghada kennengelernt, wo er in einem großen Hotel arbeitete. Vor einem Jahr ist er nach Berlin gegangen. Es ist nicht klar, ob die beiden eine Zweckehe führen. Dass Mohammed aber Deutschland liebt, daran lässt er keinen Zweifel. Er mag die strengen Regeln, und dass es niemals möglich wäre, dass hier jemand für 30 Jahre Präsident bleibt wie in seiner Heimat.

Die Zusammensetzung der Teilnehmer an den Integrationskursen hat sich geändert. Mehr und mehr Rucksacktouristen aus aller Welt nehmen an den Kursen teil, auch junge, gebildete Europäer, die eine Zeit lang im angesagten und noch dazu so günstigen Berlin leben oder arbeiten wollen. Die Nachfrage steigt stetig - die Integrationskurse sind um ein Vielfaches billiger als etwa ein Deutschkurs beim Goethe-Institut. Von 2,35 Euro pro Unterrichtsstunde muss ein freiwilliger Teilnehmer 1,10 Euro selbst übernehmen. Den Rest übernimmt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Ein freiwilliger Teilnehmer zahlt rund 700 Euro, hinzu kommen rund 100 Euro für die Abschlussprüfungen. Ein vom Jobcenter zur Teilnahme verpflichteter Zuwanderer zahlt nichts - sofern er Sozialhilfe empfängt. Andernfalls übernimmt er einen Euro pro Stunde. Erlangt er beim Abschlusstest das Sprachniveau B 1, kann er sich 50 Prozent der Kosten erstatten lassen. Rund die Hälfte schafft das.

Die Bezahlung der Lehrer hingegen ist weniger großzügig. Die verschiedenen Träger zahlen zwischen zwölf und 28 Euro die Unterrichtsstunde. Viele von ihnen sind hoch qualifiziert. Annette Hoffmann ist Germanistin und hat die Zusatzqualifikation Deutsch als Fremdsprache. Trotz der Bedingungen liebt Hoffmann ihren Job. "Ich reise jeden Tag um die Welt, ohne Berlin zu verlassen", sagt sie.

Kürzung des Arbeitslosengeldes

Wenn in irgendeiner Tasche ein Handy klingelt, kann Hoffmann ungemütlich werden. "Wenn es ein bisschen mehr Druck gibt, kann ich das nur begrüßen", sagt sie auch im Hinblick auf die Sanktionsmechanismen, die die Ausländerbehörden ab sofort stärker anwenden sollen. Die schwarz-gelbe Regierung plant einen Nationalen Aktionsplan. Die Integration von Zuwanderern soll durch Ziel- und Zeitvorgaben beschleunigt werden. Wer trotz Verpflichtung nicht am Integrationskurs teilnimmt, muss etwa mit Kürzungen des Arbeitslosengeldes rechnen. Die Länder sollen konsequenter von diesen Sanktionen Gebrauch machen. Und die Träger sollen enger mit Jobcenter und Ausländerbehörde verzahnt werden.

Derzeit hat ein zum Kurs verpflichteter Zuwanderer ein Jahr lang Zeit, den Kurs zu beginnen. Bei welchem der 1800 Träger er den Kurs absolviert, ist ihm freigestellt. Nach den einzelnen Modulen von 100 Stunden kann er den Träger jedoch wechseln, ohne Bescheid sagen zu müssen - eine Kontrolle vonseiten der Sprachschulen dürfte also schwierig werden. Eigentlich könne sie sich über die Motivation ihrer Schüler nicht beklagen, sagt Hoffmann. Die meisten Leute wollen sich integrieren - ihre Kurse sind rappelvoll. Abbrecher gebe es nur wenige, zumindest in den normalen Kursen. Anders sieht es in den Sonderkursen für Frauen und Analphabeten aus, die von vornherein auf 900 statt 600 Sprachstunden angelegt sind. Hier sitzen Frauen, die kaum sprechen, deren Männer schon an der Eingangstür warten. Oder Männer, die nicht von einer Frau unterrichtet werden wollen.

Vantuir dos Santos aus Rio de Janeiro ist nun seit zwei Jahren in Berlin. Im vergangenen März hat er seinen deutschen Freund geheiratet. Vantuir ist eine brasilianische Frohnatur, man sieht ihn eigentlich immer nur lachend. In Rio hat er Geschichte studiert, aber kurz vor dem Abschluss abgebrochen. Seinen Mann hat Vantuir im Internet kennengelernt. Bevor er nach Deutschland kam, hatte er sein Heimatland nie verlassen, geschweige denn seinen Kontinent. Zieh dich warm an, hatte sein Freund gesagt, in Deutschland ist Winter.

Winter heißt in Rio 20 Grad Celsius, also zog sich Vantuir lange Jeans und seine Trainingsjacke an. "Ich landete und wollte sofort raus", erzählt er. "Aber als ich aus der Tür trat, stürzte ich sofort zurück. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir nicht vorstellen können, dass es irgendwo so kalt sein kann wie in Deutschland." Auch die Deutschen seien zunächst ein Schock für ihn gewesen. Aus Rio war er es gewohnt, Unbekannte auf der Straße zu treffen und eine Unterhaltung anzufangen. Die Deutschen fand er verschlossen, ernst - und sehr direkt. Bei den Leuten im Kurs hingegen schlug Vantuir eine große Offenherzigkeit entgegen. Nur Mohammed will nichts mehr mit Vantuir zu tun haben, seitdem er weiß, dass er schwul ist.

Marta dagegen ist die Mentalität der Deutschen vertraut. Sie kommt aus Warschau, und das Leben dort findet sie nicht sehr anders als das in Berlin. Marta ist Grafikdesignerin und arbeitet als Illustratorin für Kinderbücher und für eine große polnische Wochenzeitung.

Die Teilnehmer stehen nun kurz vor ihrem Abschluss. Jeder von ihnen kann sich im Alltag auf Deutsch durchschlagen, sich beim Arzt verständlich machen, eine kleine Unterhaltung führen, auch wenn sie nicht unbedingt immer den richtigen Artikel benutzen. Nicht alle von ihnen wollen in Deutschland bleiben. Vantuir, Marta und Mohammed auf jeden Fall, wegen ihrer deutschen Partner. Vantuir will "etwas mit Menschen machen", Mohammed hofft auf den Job als Koch in einem Hotel, und Alain will noch eine Zeit im "Tropical Island" tanzen. Vermisst er Kuba? "Nein", sagt er, "Heimat kann überall sein."