Berliner Spaziergang

Der Glücksberater aus dem Wörterbuchhaus

Florian Langenscheidt erscheint mit unserem Spaziergang unter dem Arm. Ein schlanker Herr in schwarzer Wachsjacke, hellbrauner Cordhose, festen Schuhen. Wir wollten an der Villa Liebermann am Wannsee starten, Langenscheidt wohnt in der Nähe, doch Eisregen hat unseren Spaziergang unmöglich gemacht.

Straßen und Wege sind spiegelglatt. Vor der ehemaligen Sommervilla des berühmten Malers, heute Museum, flattert ein umsichtig gespanntes, rot-weißes Band. Drinnen wärmt ein Kaminfeuer die hohen Räume des Museumscafés. "Dann machen wir eben einen virtuellen Spaziergang auf dem iPad", sagt Langenscheidt. Er ist Verleger, Buchautor und Ururenkel des Gründers des Langenscheidt-Verlags für Wörterbücher. Jetzt klappt er das schwarze Etui auf.

Eigentlich hatte er auf dem Tablet-Computer nur die Route zeigen wollen. Nun wird es ein Ausflug im Konjunktiv. Das Programm Google Earth lässt uns aus der Satellitensicht direkt in den liebermannschen Garten stürzen, der in Wirklichkeit still draußen vor dem Fenster liegt. Das Programm zoomt sich in den ewigen Frühling der Fotografie. In der Mitte pulsiert ein blauer Punkt. "Unser Standort", er ist zufrieden mit der Technik, die uns präzise geortet hat. Dann "gehen" wir los.

"Die Birken", er deutet durch die hohen Fenster in den Garten, "der Maler hat sie da gelassen, wo sie waren. Manche stehen einfach mitten auf dem Weg, das gefällt mir." Der Maler hat seine Birken auf vielen Gemälden festgehalten. Wie luftige Spielfiguren stehen sie da, aber das täuscht. Hindernisse, Widerstände: Es kommt immer darauf an, wie man seinen Weg hindurch sucht. Ein schönes Bild für unser Thema: Das Schicksal und wie man seinen Weg zum Optimismus findet.

Viel gefragter Redner

Florian Langenscheidt ist ein Berater in Sachen Glück. Neben das iPad hat er das "Wörterbuch des Optimisten" gelegt, Autor ist er selbst. Es enthält 66 Begriffe - von "A" wie "Altern" bis "Z" wie Zuversicht. "Auch im Altern steckt Grund zum Optimismus", sagt Langenscheidt. Seit das kleine Buch 2008 erschien, ist er ein viel gefragter Redner. "Es kam zufällig zur Wirtschaftskrise heraus, plötzlich sahen die Medien nur noch das Negative. Ich merkte, die Leute sehnten sich nach positiven Nachrichten." Zu seinen Vorträgen in ganz Deutschland kommen viele Zuhörer. Im vergangenen Herbst hatte ihn der Capital Club zu einem Managertreffen ins "Hilton" am Gendarmenmarkt eingeladen, denn auch seine Bücher zu deutschen Marken und Firmen verbreiten gute Nachrichten - Titel wie "250 Gründe, Deutschland zu lieben". Zu jenem Treffen war ich, neugierig, auch gekommen. Eine der anwesenden Damen hatte mir zugeraunt, der Redner sei "so eine Art Eckhart von Hirschhausen der Manager". Langenscheidt lacht. "Hirschhausen und ich sind gut befreundet. Aber ich bin kein Kabarettist."

Der Verleger, 55 Jahre alt, hat freundliche blaue Augen, um seinen Kopf stehen Locken mit ein wenig Grau, die randlose Brille ist das einzige Eckige an ihm. Man kennt ihn aus Gesellschaftsmagazinen, von Promi-Hochzeiten, Wohltätigkeitsveranstaltungen, roten Teppichen und Partys von Sylt bis München. Dennoch ist Florian Langenscheidt ein ernsthafter Mensch. Verleger, Manager, Unternehmersohn, studierter Literaturwissenschaftler und Philosoph. Die Glücksbüchlein sind nur ein kleiner Teil seines Lebens.

Vielleicht nimmt man ihm deshalb seine Botschaften ab, die schlicht daherkommen, aber deshalb nicht weniger wahr sind: "Optimismus bedeutet nicht, sich von einem zehnstöckigen Gebäude zu stürzen und sich beim dritten Stock zu freuen, dass man noch lebt", sagt er. "Es bedeutet, die positiven Dinge im Leben zu würdigen, die kleinen Glücksmomente, die es überall gibt, und daraus Energie zu ziehen." Jeder könne sich eine Baustelle suchen, um selbst etwas zu tun. "Bill Gates macht es mit 30 Milliarden, der andere hilft im Altersheim oder der Kita um die Ecke." Er selbst gründete eine Stiftung zur Kinderhilfe, Children For A Better World, und hat mehr als 20 Millionen Euro dafür gesammelt.

Optimismus, sagt Langenscheidt, sei jedoch viel mehr. Er beginne erst zu wirken, wenn er trotz eines gewissen Widerstands hochgehalten werde. Er nennt die Schwimmerin Kirsten Bruhn als Beispiel, die 2008 bei den Paralympics die Goldmedaille gewonnen hatte. "Sie ist seit einem Motorradunfall mit 17 behindert. Auf der Bühne sagte sie: Es sei schon paradox, dass der schrecklichste Tag ihres Lebens zur Basis wurde für den schönsten, den Tag des Olympiasiegs." Angesichts solcher Persönlichkeiten habe er gemerkt, "dass Optimismus in der Kategorie des Trotzdems lebt. Wenn Leute trotz einer Behinderung, einer großen Krise oder eines Verlustes geradezu glühen vor Optimismus - das lässt einen selbst klein erscheinen und gibt einem Mut." Der Autor glüht jetzt selbst ein bisschen bei dem Gedanken, diese Erfahrungen weiterzugeben. Gerade schreibe er ein neues Buch über solche Persönlichkeiten. Ein Mutbuch, sozusagen.

Wir schauen noch einmal auf die Birken, Hindernisse auf unserem vereisten Spazierweg. Langenscheidt fährt mit dem Finger auf der Karte des iPad entlang, zeigt auf Gründerzeitvillen, Wassersportklubs und das Strandbad - "zu Anfang des 20. Jahrhunderts sollte jedermann am See seinen Spaß haben können - Demokratisierung am Wasser", er lacht und wird wieder ernst. "Gegenüber liegt Schwanenwerder, wo die Größen des Dritten Reichs ihre Häuser hatten. Und hier" - sein Finger bleibt stehen - "ergreift mich jedes Mal der Horror. Das ist das Haus der Wannseekonferenz, wo 1942 die Ermordung der Juden Europas beschlossen wurde." Er sagt: "Diese Gegend ist lebende Geschichte."

1901 hat sein Urgroßvater eine Villa am Wannsee errichten lassen, standesgemäß zwischen den Residenzen anderer Verleger und Unternehmer wie Ferdinand Springer, Siemens, Borsig oder Paul Herz. Einer der Nachbarn war Max Liebermann, in dessen Villa wir jetzt sitzen. Der jüdische Maler leitete von 1920 bis 1933 die Preußische Akademie der Künste, bevor er wegen der nationalsozialistischen Kulturpolitik zurücktrat. Er starb 1935 in seinem Haus am Pariser Platz, einsam und verbittert. Gut gekannt hätten sich sein Großvater und Liebermann wohl nicht, meint Langenscheidt, der seine Familiengeschichte genau erforscht hat. "Sie waren beide von dem Leid geprägt, das sie erlebt hatten. Mein Urgroßvater verlor seinen einzigen Sohn 1924 bei einem Motorradunfall, das brach ihm das Herz."

Florian Langenscheidt, in Berlin geboren, wuchs mit seinen Eltern und den beiden Geschwistern in Schlachtensee auf. Die Großeltern wohnten nahe der Domäne Dahlem. "1961 zog mein Vater mit uns nach München, er war unsicher, wie es mit West-Berlin weitergehen würde", sagt der Sohn. Die Idee, selbst wieder ganz herzuziehen, in die Hauptstadt, sei erst nach dem Jahr 2000 entstanden. "Plötzlich war ja alles in Berlin, alle Gremien, in denen ich sitze, Kuratorien, Aufsichtsräte, alle wichtigen Events."

Er tippt das iPad an, das Gartensatellitenbild verschwindet. Stattdessen erscheint ein Bücherregal. Darin stehen unter anderem ein Buch von Thilo Sarrazin, ein Kindervorlesebuch und "1000 Glücksmomente" - das Büchlein war 1990 Langenscheidts erste Publikation für mehr Optimismus. Es wurde immer wieder aufgelegt, inzwischen auch als E-Book im Internet. "Es wäre längst ein Bestseller", sagt Langenscheidt, "wenn es nicht unter der Preisgrenze für Beststellerlisten liegen würde." Das aber ist Absicht. Seine Glücksbücher - es gibt inzwischen viele - konkurrieren nicht mit der großen Literatur. Dazu sind sie zu klein, auch im übertragenen Sinne. Sie sind eher Mitbringsel, kleine Gefallen wie etwa, wenn man in einem stickigen Raum ein Fenster öffnet. Wer die "Glücksmomente" durchblättert, lüftet den Kopf. Einige der "Momente", sagt der Autor, habe er gerade aktualisiert: "Heute spielen Handys, SMS, das Internet eine wichtige Rolle - 1990 gab es das noch kaum."

Die neuen Medien begeistern ihn sichtlich. Das iPad ersetze inzwischen weitgehend sein Büro, schwärmt er, und es eigne sich auch zum Kinderbuchvorlesen. Zur Kommunikation bevorzuge er SMS. "Ein kurzes Medium, bei dem man schnell eine Antwort bekommt. Da bin ich wie die Kanzlerin." Ist das Internet keine Bedrohung für das bedruckte Papier? "Diese Besorgnis gibt es ja schon seit den 70er-Jahren", erwidert der Verleger gelassen, "aber der Buchmarkt wächst dennoch schneller als die meisten anderen Branchen. Und unser Verlag bietet alles auch für die neuen Medien an." Im Grunde habe schon sein Urgroßvater damit begonnen. "Er bestellte sich damals den ersten Phonographen des Erfinders Thomas Edison, und 1901 brachte der Verlag den wohl ersten Sprachkurs der Welt auf Schallplatte heraus. Ein großer Erfolg, an den wir bis heute anknüpfen."

"Mit 16 fand ich mich furchtbar"

Wie lernt man, die Dinge so positiv zu sehen? War er als Kind schon so? "Nein, gar nicht!", erwidert Langenscheidt lebhaft, "wenn Sie mich mit 16 Jahren gesehen hätten" - er lacht. "Ich hatte Akne, eine dicke Brille und musste einen Scheitel tragen. In der Schule war ich immer der Beste, mir flog alles zu - aber ich fand mich furchtbar und versteckte das hinter einer unglaublichen Arroganz." Den Anfang zur Veränderung habe sein freiwilliges soziales Jahr als 19-Jähriger gebracht. "Ich wurde bei der Bundeswehr wegen meiner Brille ausgemustert, wollte mich aber trotzdem für die Gesellschaft engagieren." In Frankreich sollte er jungen Strafgefangenen bei der Resozialisierung helfen. "Dort merkte ich, wie ungerecht es war, mich über mein Schicksal zu beklagen." Zwei Jahre in den USA hätten ihm dann gezeigt, "dass man mit Charme, Freundlichkeit und einer positiven Grundhaltung einfach besser fährt."

Bis zum Manager und Verleger brauchte es einen weiteren Umweg - über die Kunst. "Mehr als zehn Jahre war ich Regisseur für zeitgenössisches Musiktheater, von Maurizio Kagel über Stockhausen bis zu John Cage, wir sind in mehr als 80 Städten aufgetreten." Erst danach stieg er ins Management des Verlags seiner Familie ein. "Ich wollte das in dem Bewusstsein tun, dass ich auch andere berufliche Alternativen hatte - und nicht nur, weil die Gelegenheit eben da war." Inzwischen führt der Bruder die Geschäfte allein, Florian Langenscheidt blieb aktiver Gesellschafter. "Ich habe gemerkt, dass ich beruflich zu viele Interessen habe, um mich nur einer Sache zu widmen."

"Die Rolle, die man später im Leben übernimmt, muss überhaupt nichts damit zu tun haben, wie man als Kind war", Langenscheidt erhebt jetzt die Stimme, und man merkt, dass da auch der Vater spricht. Auch wenn er seine Kinder am liebsten aus den Medien heraushält. "Ich habe fünf Kinder, die alle in sehr unterschiedlichen Lebensphasen sind", sagt er, "und ich bin ein leidenschaftlicher Vater." Dafür sprechen das Kinderbuch auf dem iPad und der Stolz, mit dem er von einem der älteren Söhne erzählt. Dieser hat in Berlin kürzlich an den Dreharbeiten zu dem Bollywood-Film "Don 2" mitgearbeitet. Langenscheidt freut das doppelt. Zum einen habe der Sohn, der nicht in Berlin wohnt, die Stadt auf eine einzigartige Weise erlebt. "Sie drehten am Brandenburger Tor und eine Verfolgungsjagd durch die Französische Straße. Einmal durfte er im Olympiastadion das Licht ausmachen." Und der Film mit dem indischen Superstar Shah Rukh Khan werde in Asien Millionen Zuschauer haben, freut sich Langenscheidt - "eine wunderbare Werbung für Berlin".

Wir kehren auf unserem virtuellen Spazierweg zurück ans Wannseeufer. Langenscheidt zeigt auf "Bolles Bootshaus" und das Restaurant "Seehase". Der Bildschirm zeigt Sonnenschirme, Langenscheidt beschwört den Frühling: "Frühstück am Wasser, herrlich! Da sitzt man hier draußen, vor einem liegen die Segelboote, die Wanten klimpern ..." Segelt er gern? "Eigentlich nicht. Da ist man so sehr in der Macht des Windes." Sein Lieblingssport sei Laufen. Der Fachmann in Sachen Glück bestimmt seinen Weg eben am liebsten selbst.