Konflikt

"Hier gab es kein Miteinander"

Frank Matthies* gehörte einst zu den Offiziersanwärtern der "Gorch Fock". Seine Schilderung zeigt Missstände an Bord des Vorzeigeschiffs auf.

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"Im Juli 2004 ging ich in Kiel an Bord der "Gorch Fock". Zwei Wochen "Segelvorausbildung", dann sollten wir unter vollen Segeln in See stechen. Ich gehörte als sogenannter Seiteneinsteiger zu den dienstältesten Offiziersanwärtern an Bord. Als Seiteneinsteiger hatte ich bereits zuvor eine Grundausbildung absolviert und war danach im Einsatz am Horn von Afrika. Für die Laufbahn der Offiziere entschied ich mich erst später und wusste grob, auf was ich mich einließ.

Die "Fock", wie wir sie kurz nannten, sucht man sich nicht aus. Sie ist fester Bestandteil des Offiziersgrundlehrgangs. Erzählungen über den Segler hatten mir Bauchschmerzen bereitet. Die Stammbesatzung, viele in Rängen unter mir, verhielt sich überwiegend respektlos. Gleich zu Beginn der Ausbildung waren die Lager klar: Offiziersanwärter auf der einen, Stammbesatzung und Schiffsführung auf der anderen Seite. Wer sich über die gesamte Ausbildungszeit unterwarf und spurte, konnte dann und wann die Grenzen zur Besatzung überwinden. Wer sich jedoch nicht unterwürfig verhielt, wurde gern mit scharfem Ton und Blick in die hohen Masten vermittelt: "Pass bloß auf, da oben sind wir allein!", hieß es dann drohend. Hier gab es kein Miteinander. Wenn es auch bei uns zu einem Todesfall wie jenem von Sarah S. gekommen wäre - die Reaktionen hätten sich zu denen von heute wohl nicht unterschieden.

Von "Meuterei" sprachen Ausbilder bei uns im Spaß, wenn mehr als zwei angehende Offiziere zusammenstanden und sich unterhielten. Doch aus Spaß kann schnell Ernst werden. Bei uns kam großer Ärger auf, weil wir nachweisbar und wiederholt von der Stammbesatzung beklaut wurden. Wenn es auch bei uns zu einem Todesfall wie jenem von Sarah S. gekommen wäre - die Reaktionen hätten sich zu denen von heute wohl nicht unterschieden, so groß war der Groll.

Gewöhnlich steht jeder militärische Führer hinter seinen ihm anvertrauten Soldaten. Besonders im Einsatz und auf hoher See. Die Schilderungen jetzt zeigen, dass das auch bei Sarah S. nicht der Fall war. Sie hatte, wie ich, als Unteroffizier schon Vordienstzeit. Sie stand ebenfalls im Einsatz am Horn von Afrika ihren "Mann". Als ich während meiner Ausbildungszeit, ebenso wie in den Medien heute geschildert, als Dienstältester zwischen Führung und Offizieren fungieren sollte, wurde ich oft konfrontiert mit Ignoranz, ungehaltenen Versprechen und Herunterredereien. So könnte ich es nachvollziehen, wenn sich junge Soldaten vor diesem Hintergrund unverstanden fühlen.

Sechs Soldaten starben angeblich in den letzten zwölf Jahren der insgesamt 52 Dienstjahre der "Gorch Fock". Seit acht Jahren sind wir mit der Marine in unserem primären Einsatzgebiet am Horn von Afrika. Mir ist nach vielen Jahren als Zeitsoldat und Offizier nicht bekannt, dass dort Soldaten an Bord von Fregatten oder Versorgern ihren Tod fanden. Ferner schwebt mir kein anderer Ort vor, an dem so viele Marinesoldaten starben wie auf der "Fock", einem Ausbildungsschiff! Und als ich damals sah, wie vor dem In-See-Stechen der "Fock" Kisten von Kaviar an Bord geschleppt wurden, dachte ich an meine vorangegangene Zeit auf einer Fregatte am Horn von Afrika: Dort durften wir unsere Mails aus Kostengründen nicht einmal ausdrucken. * Der richtige Name ist der Redaktion bekannt