Barack Obama

Der Hoffnungsträger, verloren im grauen Alltag

Wären die USA das Raumschiff "Enterprise", dann gäbe es keinen Captain Kirk. Barack Obama müsste nämlich die Rolle des Mr. Spock übernehmen: intelligent, kontrolliert, nüchtern bis zur Emotionslosigkeit - aber der Inbegriff des Wandels. "Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben", versprach Obama, der Sohn einer weißen Amerikanerin und eines Afrikaners aus Kenia, seinen Wählern 2008. "Wir sind der Wandel, den wir suchen."

Das löste Euphorie und Begeisterung aus und brachte die Jungen, die Schwarzen und die Hispanics an die Wahlurne. Als Obama, der Harvard-Absolvent und Bestsellerautor, im Januar 2009 ins Weiße Haus einzog, schien der Novize der Macht bereits mit der Bedeutung des Gründervaters George Washington, des Sklavenbefreiers Abraham Lincoln oder doch zumindest des Hoffnungsmachers John F. Kennedy ausgestattet. Obama wollte die kollabierte Wirtschaft sanieren, Wall-Street-Zocker in die Schranken weisen, die USA mit dem Islam aussöhnen, Frieden für den Nahen Osten finden und mit smarter Diplomatie den Weg zur nuklearen Nulllösung bereiten. Die Menschen in den USA trauten ihm die Fähigkeit, mehrere gordische Knoten zu durchschlagen, bei der Inauguration in noch größerer Zahl zu als am Wahlabend.

Zwei Jahre ist der Amtsantritt her, und in dieser kurzen Zeit scheint das Raumschiff USA in ein Paralleluniversum abgedriftet zu sein. Nicht nur, dass Obama binnen 24 Monaten erkennbar angegraut ist. Mit dem Haarton verschwand auch der Eindruck, er habe für jedes Problem eine Antwort. Die hohe Arbeitslosigkeit hat sich nur knapp unter zehn Prozent verstetigt, während Wall Street voriges Jahr wieder Rekordrenditen auszahlte. Fundamentalisten sind in Afghanistan auf dem Vormarsch und im Irak nicht besiegt, auch wenn Obama dort die Kampfhandlungen im Sommer für beendet erklärte. Zwischen Israel und den Palästinensern haben sich die Verkantungen nicht gelöst, und die Botschaften der Vereinigten Staaten stehen weltweit unter dem Wikileaks-Schock des Bruchs der diplomatischen Diskretion in einem unvorstellbaren Umfang. Das Weiße Haus scheint seltsam machtlos gegenüber einem Iran, der sich unbeeindruckt von internationalen Warnungen nuklear bewaffnen will, und gegenüber Nord-Korea, dessen Regime mehr und mehr das Gebaren eines pathologischen Waffennarren an den Tag legt.

Coolness wird zum Hindernis

Noch verheerender für das einst so strahlende Image Obamas war aber seine vermeintliche Unterkühltheit. Er, der Kopfmensch, schimpfte nicht auf die Banker, und er mischte sich viel zu selten Trost spendend, die Ärmel aufgekrempelt, unter jene Massen, die zuerst den Job und danach ihr Haus, den Inbegriff amerikanischer Sicherheit, verloren hatten. Hätte Obama frühzeitig demonstriert, dass er die Schaffung neuer Jobs als Chefaufgabe begreift, hätten seine Gegner nicht unterstellen können, der Akademiker aus dem Elfenbeinturm wissenschaftlicher Theorien habe den Kontakt zu den realen Problemen des Durchschnittsbürgers verloren. Beispielsweise zu denen von Velma Hart. Die schwarze Mittelschichtsbürgerin sagte im September bei einem Townhall-Meeting in Washington dem Präsidenten ins Gesicht, sie habe ihn "und den Wandel gewählt, und jetzt warte ich, Sir, ich warte, und ich merke noch nichts". Obama reagierte nicht mitleidig, sondern er wollte in einer ersten Reaktion die Enttäuschung der Frau weglächeln. Das war er wieder Mr. Spock, der Tränenlose. Der sagte in einer "Star Trek"-Folge: "Ich habe festgestellt, dass die gesunde Freisetzung von Emotionen regelmäßig ungesund ist für diejenigen, die am dichtesten dran sind." Mr. Obama hatte von diesem Moment an sein "Velma-Hart-Problem".

Obama muss sich gegen das in der "Tea Party" organisierte Misstrauensvotum eines wachsenden Teils der US-Amerikaner durchsetzen - eine derart große Graswurzelbewegung gab es seit den Anti-Vietnamkriegs-Demonstrationen gegen Lyndon B. Johnson nicht mehr. Neuerdings sieht sich Obama zudem mit einem geteilten Kongress konfrontiert - ein Schicksal, das er mit vielen Vorgängern teilt. Bei den Zwischenwahlen im November jagten die Republikaner den Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus ab, und im Senat schwächten sie die Partei des Präsidenten deutlich. Er habe "eine Tracht Prügel" bezogen, sagte Obama demütig.

Seitdem erleben wir einen anderen Präsidenten. Obama hatte immer von "Überparteilichkeit" gesprochen. Aber in den Jahren 2008 und 2009 versuchte er vor allem, demokratische Programmatik abzuarbeiten. Er kämpfte mit erstaunlicher Energie und taktischem Geschick die Gesundheitsreform durch, und er sicherte sich bereits einen Platz in den Geschichtsbüchern. Aber er nahm den Mund zu voll, als er gleich bei seinem Amtsantritt eine Schließung des US-Gefangenenlagers Guantánamo auf Kuba versprach. Da wollte er sich demonstrativ vom "War on Terror" seines Vorgängers George W. Bush absetzen. Doch der Jurist Obama hatte die rechtlichen wie politischen Komplikationen nicht seriös geprüft und gewichtet.

Ein veränderter Präsident

Eine solche Spontanaktion würde Obama heute nicht mehr wagen. Er hält an Prinzipien fest, etwa wenn er die Verlängerung von Bushs Steuererleichterungen nur für Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen propagiert. Doch er ist pragmatisch genug, um für einen Kompromiss mit den Republikanern auch die Gutverdienenden in das Paket einzubeziehen.

Obama wird keine spektakulären Reformen in diesem oder im nächsten Jahr mehr angehen. Der Präsident orientiert sich jetzt vielmehr am Machbaren und steuert einen Kurs in Richtung Zentrum. Das tat auch Bill Clinton nach der Midterm-Wahl 1994, in denen die Republikaner die Mehrheit im Senat und zudem erstmals seit 40 Jahren im Repräsentantenhaus gewannen. Clinton wurde zwei Jahre nach dieser krachenden Niederlage im Präsidentenamt bestätigt. Dass Obama von einer Wiederwahl 2012 auch nur träumen könne, wollten viele Beobachter im vergangenen Jahr ausschließen, als die Umfragewerte immer schlechter wurden. Inzwischen gibt es aber wieder leichten demoskopischen Rückenwind. 53 Prozent der US-Bürger bescheinigen dem Präsidenten nach zwei unabhängigen Umfragen von Gallup wie von AP/GfK eine gute Amtsführung. Diesen Wert erreichte Obama zuletzt im März 2010, vor der Verabschiedung der Gesundheitsreform. Im August verortete ihn Gallup bei nur 42 Prozent.

In den kommenden Monaten dürfte sich Obama viel mehr unter die Menschen mischen und den direkten Kontakt suchen. Dass er ein ausgezeichneter Redner ist, weiß die Nation inzwischen. Jetzt muss er beweisen, dass er zuhören kann. Der Präsident wird zudem häufiger beim Kirchenbesuch zu sehen sein. Neben der Verschwörungstheorie der "Birthers", er sei gar nicht auf Hawaii, sondern in Afrika geboren und darum illegal im Weißen Haus, zirkuliert im Internet eine zweite Denunziation: Barack "Hussein" Obama sei kein Christ, sondern ein heimlicher Muslim.

Hat der Amtsinhaber noch Chancen? Fragte Captain Kirk in größter Gefahr: "Wie stehen die Chancen, dass wir hier rauskommen?" Antwortete Spock: "Lässt sich schwer genau sagen, Captain. Ich würde sagen, ungefähr 7823,7 zu eins." Und etwas später wieder Kirk: "Wie stehen die Chancen jetzt?" - Spock: "Unter 7000 zu eins." Und Kirk atmet auf: "Unter 7000 zu eins. Es wird besser und besser."