Berlin-Wahlen

Es ist ein offenes Rennen, sagen die Meinungsforscher

Auch die Meinungsforscher stehen staunend vor dem Höhenflug der Grünen, der im kommenden Jahr nicht nur in Berlin die politische Landschaft verändern könnte. Richard Hilmer, Chef von Infratest Dimap, hält das Phänomen im Grundsatz jedoch für dauerhaft, zumindest so lange, wie die Grünen nicht an Regierungen beteiligt sind, dort Fehler machten oder schmerzhafte Kompromisse eingehen müssten.

"Die Gefahr, dass die Grünen ebenso abstürzen könnten wie die FDP, ist gering", sagte Hilmer. Und selbst wenn sie regieren, wie es ja in Hamburg, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland der Fall ist, hätten es die Grünen zunächst einfacher als die Liberalen. Deren Anhänger seien darauf aus, "schnell Cash" sehen zu wollen durch die versprochenen Steuersenkungen. Die Grünen hätten hingegen einen langfristigen politischen Ansatz, den ihre Wähler nachvollziehen könnten, sagte Hilmer.

Seine Prognose für die Berliner Wahlen in elf Monaten: "Es ist ein offenes Rennen." Die Entscheidung fällt nach Einschätzung des Demoskopen zwischen dem Sozialdemokraten Klaus Wowereit und der Grünen Renate Künast. Die Ex-Ministerin agiere, anders als die Akteure der Berliner Landespolitik, mit Wowereit auf Augenhöhe. Für die anderen Parteien werde es schwierig, in einer solchen Zuspitzung sichtbar zu bleiben. Das gelte besonders für eine Wahl wie in Berlin, bei der eben der Bürgermeister einer Stadt bestimmt werde. Der oder die sei eben mehr als ein Regierungschef, sondern mehr als ein Ministerpräsident eines Flächenlandes auch eine Identifikationsfigur für die Bürger.

Dass eine Partei ihren Zuspruch bei den Wählern verdoppelt, so, wie es für die Grünen derzeit möglich erscheint, hält der Meinungsforscher für denkbar und verweist auf Beispiele wie die Schill-Partei in Hamburg, die es aus dem Nichts auf 20 Prozent geschafft habe. Für einen nachhaltigen grünen Aufschwung sprächen derzeit sowohl konjunkturelle als auch strukturelle Aspekte.

Der Atomstreit - Punkt für die Grünen. Stuttgart 21 - Punkt für die Grünen. Und von den Verwerfungen der Integrationsdebatten seien die Anhänger der Grünen weniger betroffen als die Wähler anderer Parteien. Die Grünen-Klientel stehe weitgehend hinter den Positionen der Partei, anders als große Teile der Anhängerschaft von Union, SPD und auch der Linkspartei.

Neben dem Rückenwind, den die großen Debattenthemen für die Grünen bedeuten, spräche auch strukturell einiges für die Ökopartei. Sie sei personell aus Sicht der Wähler gut aufgestellt. Die Bundestagsfraktionschefs Jürgen Trittin und Renate Künast hätten ihr "Steinewerfer-Image" längst abgestreift und träten "ernsthaft und streitbar" auf.

Die positiven Sympathiewerte dieser Spitzenleute sind aus Sicht Hilmers noch wichtiger für die Grünen als die noch größere Zustimmung, die einst Joschka Fischer erhalten hatte. Fischer sei ein Solitär gewesen, der nicht so stark mit der Partei in Verbindung gesehen worden sei.

Einen Rat hat Hilmer aber noch für Künast: Sollte sie als Spitzenkandidatin im Bundestag bleiben, würde ihr das die Sache in Berlin schwerer machen: "Das wird ihr im Wahlkampf um die Ohren gehauen."