Missbrauch

Wie der Fall Canisius zu einem weltweiten Skandal wurde

Der Vergleich mit einem Tsunami mag übertrieben sein, aber die Welle der seit Januar 2010 bekannt gewordenen Missbrauchsfälle in Schulen, Internaten und Pfarreien hat in der katholischen Kirche Schäden hinterlassen, die nicht so leicht zu beheben sind: Das Vertrauen in die Institution Kirche hat gelitten.

Fast alle 27 Bistümer melden gestiegene Austrittszahlen. Vor allem in der kritischen Phase von März bis Mai kehrten viele Katholiken ihrer Kirche den Rücken. Am stärksten betroffen sind die Bistümer Rottenburg-Stuttgart mit einer Steigerung von 10 619 (2009) auf 17 169 Mitte November und Augsburg mit 6953 auf 11 351 Mitte Dezember - hier spielten auch die Prügelvorwürfe gegen Bischof Walter Mixa eine Rolle. In der Berliner Erzdiözese, in der die Missbrauchsaffäre ihren Ausgang nahm, erklärten bis Ende November 2010 insgesamt 4800 Gläubige ihren Austritt, gegenüber 4700 im Vorjahr. Die Bistumsleitung hatte sich frühzeitig hinter den Aufklärer Klaus Mertes vom Canisius-Kolleg gestellt. Erzbischof Kardinal Georg Sterzinsky und der in der Hauptstadt residierende Botschafter des Papstes, Nuntius Jean-Claude Peresset, dankten Mertes für den Mut, die Missbrauchsfälle publik gemacht zu haben. Insgesamt dürften die Austritte bundesweit die Rekordzahl aus 2009 (123 681) erheblich übersteigen.

Zwar liegen die meisten sexuellen Verfehlungen von Klerikern Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurück, aber ihre Wirkung ist so, "als ob sie gestern geschehen wären", bedauerte "Medienbischof" Gebhard Fürst (Rottenburg-Stuttgart). Der Ungeist der Vertuschung war lange erfolgreich: durch Aktenvernichtung, falsches brüderliches Miteinander von Geistlichen, Missachtung der Opfer. Das hat exemplarisch ein Gutachten zu Missbrauchsfällen in der Erzdiözese München und Freising, der von 1977 bis 1982 der heutige Papst vorstand, an den Tag gebracht. Benedikt XVI. kam persönlich ins Gerede: In seiner Münchner Zeit war ein pädophiler Geistlicher aus dem Bistum Essen unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen in der Seelsorge eingesetzt worden. Hier hatte er auch mit Kindern und Jugendlichen Kontakt. War der damalige Kardinal Joseph Ratzinger wirklich nicht in den Fall involviert? Darauf gibt es noch keine konkrete Antwort.

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Die Spitze der Bischofskonferenz tat sich schwer, das Ausmaß der von Pater Mertes bekannt gemachten Affären einzuschätzen. Es dauerte Wochen, bis sie offiziell "Versagen" einräumte und sich dazu bekannte, "Opfer zu wenig gehört, Fehler falsch beurteilt" und das Handeln zu sehr darauf ausgerichtet zu haben, dass das Ansehen der Kirche gewahrt bleibe. Unter dem Druck der Öffentlichkeit verschärfte der Episkopat seine Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch, er übernahm mit einem Präventionskonzept eine Vorreiterrolle bei der Auseinandersetzung mit dem Kindesmissbrauch in Familien, Schulen und Verbänden. Bischöfe wie der Osnabrücker Franz-Josef Bode bekundeten in einem Bußgottesdienst Solidarität mit den Opfern; Bode bekannte "strukturelle Sünden". Mit dem von Erzbischof Robert Zollitsch in Gang gesetzten "Dialogprozess" kommt auch ein Nachdenken über den Zölibat, die Sexuallehre und die Machtkontrolle in Gang, um die "bleierne Zeit" der Kirche in Deutschland zu überwinden. In ihrem aktuellen Zustand sei die Kirche aufgeschlossener für Veränderungen, hoffen Laienverbände: Wenn nicht jetzt, wann dann? Doch dieser Prozess verläuft schleppend, bislang konnten sich die Bischöfe nicht einmal auf ein im September angekündigtes Wort an die Gemeinden einigen. Ein "offener Dialog" werde im Jahr des Deutschlandbesuchs von Papst Benedikt XVI. "kaum möglich" sein, vermutet die amtskirchenkritische Gruppierung "Wir sind Kirche".