Transplantation

Wenn das Glück des Lebens die Niere eines Fremden ist

"Es war wie ein Geschenk. Es war so unwirklich, dass ich es kaum glauben konnte, als das Krankenhaus anrief und sagte, wir haben eine Niere für Sie", beschreibt Sebastian Rosmus seine Gefühle, als er die Nachricht bekam, dass für ihn eine Spenderniere gefunden worden sei. 2009 war das, nachdem er fast acht Jahre gewartet hatte. "Ich fühle mich seither wieder so viel stärker und leistungsfähiger.

Es ist einfach wunderbar, und ich bin dankbar", sagt der Berliner. Rosmus musste bereits als Dreijähriger wegen einer Erkrankung eine Niere operativ entfernt werden. "Aber das war damals kein Problem", sagt er, "man kann auch mit einer Niere ganz gut leben." Nach dem Abitur arbeitete er im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres in einem Krankenhaus. "Ich bin ein paar Mal umgekippt, und da hat man festgestellt, dass meine Niere nicht mehr richtig arbeitet", sagt Rosmus.

Der 29-Jährige gehört zu jenen Deutschen, die in den vergangenen Jahren das Glück hatten, ein Spenderorgan zu finden. Mehr als 12 000 Menschen warten pro Jahr bundesweit auf eine Transplantation, davon sterben jedes Jahr etwa 3000. 2010 konnte so vielen Patienten geholfen werden wie noch nie, wie aus der Jahresbilanz der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) hervorgeht. 1296 Menschen haben demnach 2010 nach ihrem Tod Organe zur Verfügung gestellt. Das sind 79 mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Organspender pro eine Million Einwohner erhöht sich damit gegenüber 2009 von 14,9 auf immerhin 15,9. 2010 wurden insgesamt 4326 Transplantationen durchgeführt, 2009 waren es noch 4051. In Ländern wie Spanien spendeten dagegen schon 2009 34,4 Menschen pro eine Million Einwohner ein Organ. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit noch immer im Mittelfeld.

Das soll sich nun ändern. Nach der Diskussion um die Präimplantationsdiagnostik könnte die Debatte um Organspenden das zweite wichtige medizinethische Thema werden, dem sich Regierung und Opposition in diesem Jahr stellen. Das Beispiel von SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, der seiner kranken Frau im Sommer eine Niere gespendet hat, mag ein Grund sein, dass das Thema stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist und ein Licht auf die Menschen geworfen hat, die dringend auf ein Spenderorgan warten, um weiterleben zu können. Entlastet werden sollen aber auch Angehörige von Unfallopfern, die nicht wissen, ob sie in meist traumatischen Situationen der Organentnahme eines hirntoten Familienmitglieds zustimmen sollen.

Bislang muss man sich in Deutschland eindeutig bereit erklären, ein Organ oder mehrere spenden zu wollen. Dazu ist eine Hürde zu überwinden, die vielen Medizinern und Politikern zu hoch ist: der Antrag auf einen Organspendeausweis. Doch der Ausweis muss im Ernstfall erst gefunden werden, und selbst Angehörige sind nicht immer über jeden letzten Willen eines Familienmitglieds informiert. In Spanien gibt es dagegen die sogenannte Widerspruchslösung. Das heißt, jeder, der einer Organentnahme im Fall eines Hirntods nicht ausdrücklich widerspricht, gilt als Organspender. Eine Lösung, die auch in Deutschland Anhänger hat.

Umstrittene Lösungswege

Im Bundestag herrscht Einigkeit, dass man eine generelle Lösung herbeiführen möchte, die mehr lebensrettende oder lebensverlängernde Transplantationen möglich macht, doch der Weg dorthin ist umstritten. Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) hat angekündigt, sich im Parlament für die sogenannte Entscheidungslösung starkzumachen. Er nahm damit einen Vorschlag von SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier auf. Die Idee ist, bei der Ausgabe des Personalausweises, des Führerscheins oder der Versichertenkarte die Haltung zur Organspende abzufragen und die Antwort auf dem Dokument zu speichern. Ein Meinungswechsel soll jederzeit möglich sein. "Die Menschen müssen einmal im Leben mit dieser Frage konfrontiert werden. Das halte ich für zumutbar", sagt Kauder.

In der SPD herrscht mit diesem Vorstoß schon wegen des Falls Steinmeier weitgehende Übereinstimmung. Die gesundheitspolitische Sprecherin der Sozialdemokraten, Carola Reimann, sagt: "Wir haben das in der Fraktion auch so diskutiert und unterstützen die Idee grundsätzlich. Wir wollen nicht, dass andere für einen Menschen entscheiden, jeder soll selbst zu Lebzeiten sagen können, wie er zu diesem Thema steht, deshalb lehnen wir auch die Widerspruchslösung ab." Reimann spricht sich allerdings gegen eine Speicherung medizinischer Daten auf dem Personalausweis oder auf dem Führerschein aus. "Solche Daten haben da nichts verloren", sagt die SPD-Politikerin. Die Karten der Krankenkassen seien dafür das geeignetere Medium.

Nahezu deckungsgleich stimmt die Linke-Gesundheitspolitikerin Martina Bunge mit Kauders Vorschlag überein: "Ich war schon immer der Meinung, dass man sich in dieser heiklen Frage einmal im Leben positionieren muss." Sie sei zwar eher eine Vertreterin der Widerspruchslösung, aber die Lösung des Unionsfraktionschefs mit dem Eintrag einer Willenserklärung in ein Personaldokument sei ein Schritt in die richtige Richtung, so Bunge.

Die Grünen unterstützen den Vorschlag nur zum Teil: Für die Bundestagsabgeordnete Elisabeth Scharfenberg ist ein Eintrag in Führerschein oder Personalausweis nicht der richtige Weg: "Ich denke, das Thema ist viel zu sensibel, als dass Menschen damit im Bürgerbüro oder auf der Führerscheinstelle konfrontiert werden dürften." Der moralische Druck, der damit an einer solchen öffentlichen Stelle aufgebaut würde, sei nicht der richtige Weg, mit so einem angstbesetzten Thema umzugehen. "Es muss sich nicht jeder mit diesem Thema befassen müssen. Das halte ich ethisch für nicht richtig", sagt Scharfenberg. Etwas anders sieht es Christine Scheel, die Kauders Initiative unterstützt (siehe Interview).

Vorbehalte gibt es auch im Bundesinnenministerium. Das Ausstellen eines Ausweises sei ein hoheitlicher Vorgang, heißt es dort lapidar. Ein Hinweis der Behörde zur Organspende könne zu einer moralischen Drucksituation führen.

Der CSU-Bundestagsabgeordnete Johannes Singhammer fordert zuerst eine neue Grundsatzdiskussion über den Hirntod. "Wir sollten die Diskussion, wann ein Mensch tot ist, sehr offen und ohne Tabus führen", sagt er. Die Unsicherheit, wann ein Mensch wirklich tot sei, sei der "tief sitzende Grund" für viele Menschen, einer Organspende nicht zuzustimmen.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) begrüßt dagegen Kauders Vorschläge. Aus ethischen Gründen sei es notwendig, die Anstrengungen für mehr Organspenden auszubauen. Es gebe Wege, die Menschen ohne Druck für eine Organspende zu sensibilisieren. Auch für ihn ist ein freiwilliger Eintrag auf der elektronischen Gesundheitskarte vorstellbar, der nur für Ärzte sichtbar sei.

Für DSO-Chef Günter Kirste ist es "natürlich zu begrüßen, wenn jeder Bürger motiviert wird, seine Entscheidung für Organspende zu treffen, und dementsprechend Impulse gesetzt werden". Voraussetzung sei aber, dass jeder Bürger ausreichend Informationen erhält, um sich entscheiden zu können. "Hat er das nicht, besteht die Gefahr, dass er sich aus Unwissenheit spontan gegen eine Organspende entscheidet", befürchtet Kirste. Knapp, aber deutlich auch Barbara Nickolaus vom Berliner Herzzentrum: "Alles ist gut, was die Organspende beschleunigt und das Thema ins Gedankengut der Menschen bringt."

Mehr Lebensqualität

Bei Sebastian Rosmus dauerte es vom Erkennen der Niereninsuffizienz noch ein Jahr, bis er sich regelmäßig einer Dialyse unterziehen musste. Die Dialyse, sagt er, sei belastend, aber letztlich hätte er die Zeit bis zur Transplantation ohne sie nicht überlebt: "Ich wünsche mir, dass es eines Tages einfach nicht mehr so lange Wartezeiten gibt." Zehn Jahre hält im Durchschnitt eine transplantierte Niere. Sebastian Rosmus lässt sich davon nicht schrecken: "Ich kenne Fälle, da sind es 20 bis 25 Jahre gewesen", sagt er. "Der Rekord liegt bei 30 Jahren habe ich gehört. Es gibt keine Regel. Manche Menschen verlassen mit ihrer neuen Niere nicht einmal das Krankenhaus." Aber die Chance sei doch das Wichtigste.

Rosmus war schon als Dialyse-Patient aktiv. Er hat eine Ausbildung gemacht und bis zum Bachelor Arbeitslehre und Sozialkunde auf Lehramt studiert. Jetzt studiert er im Masterstudiengang weiter. "Besonders schön aber ist", sagt Rosmus, "ich kann endlich wieder fast alles essen und trinken und muss keine spezielle Diät mehr halten." Manchmal, sagt er und schmunzelt, sei sogar auch mal ein Bierchen drin.