Transplantation

"Einmal im Leben entscheiden"

Ihre Position zur Organspende ist auch innerhalb der Grünen umstritten: Florian Kain sprach mit Christine Scheel.

Berliner Morgenpost: Frau Scheel, im Bundestag will man sich auf ein Gesetz einigen, das Deutschland mehr Organspender bescheren soll. Sie unterstützen die Initiative. Warum?

Christine Scheel: Ich engagiere mich gemeinsam mit Unionsfraktionschef Volker Kauder im Kuratorium der Stiftung Pro Gesellschaft, die hinter dieser Initiative steht. Wir brauchen eine gesellschaftspolitische Kultur, in der das Thema Organspende eine größere Rolle spielt. Nur 14 Prozent der Menschen besitzen in Deutschland einen Organspenderausweis, obwohl eigentlich rund 70 Prozent dem Gedanken positiv gegenüberstehen. Das zeigt, dass die derzeitigen Rahmenbedingungen eine zu große Barriere darstellen. Offenbar scheuen viele davor zurück, aktiv zu werden und sich so einen Ausweis zu besorgen. Die Folgen dieser sogenannten Zustimmungslösung sind fatal.

Berliner Morgenpost: Was spricht aus Ihrer Sicht gegen das Modell der "Widerspruchslösung", wonach nur jene nicht als Spender infrage kommen, die zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen haben?

Christine Scheel: Das würde die Freiheit der Bürger vielleicht faktisch nicht einschränken, aber einer Bevormundung gleichkommen, die wir nicht wollen. Ein guter Weg ist dagegen, dass wir jedem einmal im Leben die Chance geben, sich zu entscheiden, ob er im Falle seines Todes Organe spenden will, um ein anderes Leben zu retten. Genau darum geht es mit der geplanten Gesetzesinitiative. Selbstverständlich muss die Entscheidung jederzeit auch wieder geändert werden können.

Berliner Morgenpost: Die Zahl der Organspenden hat in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht. Ist der Handlungsbedarf wirklich so dringend?

Christine Scheel: Die Steigerung ist nur gering. Sie kommt hauptsächlich dadurch zustande, dass man aufgrund der dramatischen Wartelistensituation heute unter Inkaufnahme erheblicher Risiken Organe verpflanzt, die vor zehn Jahren noch nicht einmal vage für eine Transplantation in Betracht gezogen worden wären. Es ist immer noch so, dass in Deutschland Jahr für Jahr etwa 12 000 Menschen auf ein Spenderorgan warten. Ich kenne aus meinem privaten Umfeld mehrere Fälle von Menschen, die zur Dialyse gehen mussten, weil ihre Nieren nicht mehr richtig gearbeitet haben - aber die Hoffnung auf eine Organspende hat sich nie erfüllt. Es war traurig, das mitzuerleben.

Berliner Morgenpost: Warum ist die Bereitschaft zu Organspenden in anderen EU-Ländern höher als hier?

Christine Scheel: Fernab von bestimmten Unterschieden in der Mentalität bleibt festzustellen, dass in anderen Staaten wohl mehr Aufklärung betrieben wird. In Deutschland dominieren deshalb oft irrationale Ängste. Viele haben die Sorge, dass etwa im Falle eines Verkehrsunfalls womöglich vorschnell Organe herausgeschnitten werden. Dabei gibt es genaue Vorschriften, die besagen, dass nach Ausschöpfung aller Therapiemöglichkeiten und langem Abwarten durch zwei Neurologen festgestellt werden muss, ob ein Patient hirntot ist oder nicht. Deshalb brauchen wir in Deutschland weitere Stellen zur Information. Aber es gibt auch eine Bringschuld des Staates.

Berliner Morgenpost: Kann man jeden Bürger, der eigentlich nur aufs Amt kommt, um seinen Personalausweis abzuholen, dazu zwingen, sich für oder gegen eine spätere Organspende zu entscheiden? Es gibt in Deutschland doch auch keine Pflicht, sich an Bundestagswahlen zu beteiligen.

Christine Scheel: Wir wollen den Bürgern die Chance geben, sich selbstständig dafür oder dagegen zu entscheiden. Oder auch so, dass ihre Angehörigen im Falle eines Falles die Entscheidung treffen sollen. Letzteres gilt übrigens schon heute, wenn der Verstorbene keinen Spenderausweis besitzt. Es geht darum, jene besser zu erreichen, die grundsätzlich zu einer Organspende bereit sind. Keiner wird überrumpelt. Jeder soll auch angeben dürfen, dass er nicht weiß, ob er ein Organ spenden will. So wird ihm aber möglicherweise bewusst, dass er die Entscheidung dann auf seine Angehörigen überträgt. Die sind dann in einem Moment damit konfrontiert, der schwieriger kaum sein könnte.

Berliner Morgenpost: Allerdings wollen sich viele Menschen am liebsten gar nicht mit Fragen auseinandersetzen, die ihre eigene Sterblichkeit betreffen.

Christine Scheel: Das stimmt. Das hängt mit der Angst vor dem Tod zusammen, die so viele Menschen haben. Der Respekt vor solchen Ängsten ist auch in der Kirche ein ganz hohes Gut. Im Detail gibt es also noch viel zu besprechen. Aber bitte vertrauen Sie darauf, dass wir uns bewusst sind, dass die Qualität unseres gesellschaftlichen Miteinanders auch davon abhängt, wie wir in der Politik mit dem Thema Organspende umgehen. Deshalb bin ich auch sicher, dass wir am Ende zu einer einvernehmlichen Lösung im Bundestag kommen.