Tunesien

Warnsignal für die Herrscher der arabischen Welt

Die Führer der arabischen Welt verhalten sich auffallend still. Kaum ein Staats- oder Regierungschef will sich mit einer vorschnellen Einschätzung zu den Ereignissen in Tunesien zu weit aus dem Fenster lehnen. Denn der überraschend plötzliche Sturz des tunesischen Präsidenten Zine al-Abidine Ben Ali wird aufmerksam verfolgt.

Die Schockwellen erschüttern eine Region, in der zahlreiche autokratische Herrscher seit Langem ihre Macht verteidigen. Die Art, wie Ben Ali sein Amt verlor, löst vielerorts offenbar Fassungslosigkeit aus.

Die Einzigen, die sich im Moment ohne Wenn und Aber auf die Seite des gestürzten Präsidenten Zine al-Abidine Ben Ali stellen, sind die Saudis, die Ben Ali und seine Familie bei sich aufgenommen haben, und der libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi. Obwohl Gaddafi selbst schon seit mehr als 40 Jahren an der Macht ist, trägt er bis heute den Titel "Revolutionsführer". Andere Revolutionäre duldet er ungern neben sich. "Tunesien hat sich jetzt in ein Land verwandelt, das von Banden regiert wird", schimpft er. "Ich bin schmerzhaft berührt von dem, was in Tunesien geschieht", sagt er im libyschen Fernsehen. "Ich kenne diese neuen Leute nicht, aber wir alle kennen Ben Ali und die Veränderungen, die in Tunesien erzielt wurden. Warum zerstört ihr dies alles?"

Gestiegenes Selbstbewusstsein

Üblicherweise verläuft die Machtübergabe in Ländern der Region in einem von langer Hand vorbereiteten Prozess. "Viele Regierungen werden besorgt sein, dass die Krise so spontan kam und kaum organisiert war", sagt der Analyst Henry Wilkinson von der Sicherheitsberatung Janusian. Zwar haben andere arabische Länder möglicherweise eine effektivere Sicherheitspolizei oder mehr Geld, um die Bevölkerung - etwa über einen gut ausgebauten Wohlfahrtsstaat - ruhig zu halten. Aber die Probleme sind vielfach genau dieselben, die Demonstranten in Tunesien auf die Straße getrieben haben: explodierende Preise für Grundnahrungsmittel, ein Mangel an Arbeitsplätzen und nur Demokratiedefizite. "Die Revolte von Tunesien ist auf allen Ebenen überraschend. Sie zeigt, dass ein Volk ein repressives Regime stürzen kann. In der arabischen Welt wird das einen Effekt haben, er wird sich allmählich ausbreiten", sagt der junge ägyptische Polit-Aktivist Abdelrahman Mansour voraus.

Anders als noch vor wenigen Jahren hatten auch normale Araber dank des Internets die Möglichkeit, den Sturz von Tunis live mitzuerleben. Mit Facebook und Twitter ist die Revolution nur noch einen Mausklick entfernt - und kann so mehr Menschen ermutigen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Auch dank TV-Sendern wie al-Dschasira hätten Hunderte Millionen von Arabern die Demonstrationen mitbekommen, stellt der Beiruter Analyst Rami G. Khouri fest. Potenzielle neue Brandherde sehen Beobachter unter anderem in Ägypten, Jordanien und Syrien. Auch in der Golfregion hat sich mitunter Frust in den Bevölkerungen aufgestaut.

Trotz der steigenden Gefahr für manches Regime rechnen aber nur wenige Analysten mit einem Dominoeffekt und dem Sturz weiterer Regierungen, wie es in kommunistischen Ländern nach dem Fall der Berliner Mauer passierte. Denn mancher Staatschef hat auf den Unmut reagiert und versucht, ihn rechtzeitig abzuschwächen. In Jordanien hat die Regierung etwa ein Hilfspaket angekündigt, um die Preise für Benzin und Waren des täglichen Bedarfs zu senken.

Unstrittig ist, dass der Erfolg des tunesischen Aufstands die Menschen möglicherweise ermutigt, ihrerseits gegen die Autokraten und Monarchen der Region zu protestieren. In Kairo gingen Demonstranten bereits gegen den ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak auf die Straße: "Wir werden Tunis bald folgen." In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa haben rund 1000 Studenten zum Sturz der Regierung nach dem Vorbild von Tunesien aufgerufen. "Freies Tunis, Sanaa grüßt dich tausend Mal", rief die Menge, der sich am Sonntag auch Menschenrechtsaktivisten angeschlossen hatten. In Jordanien gingen schon am Freitag mehr als 5000 Menschen auf die Straße. Sie protestierten gegen steigende Preise und forderten den Rücktritt des Ministerpräsidenten. "(Der Aufstand in Tunesien) sollte eine Mahnung an die anderen Führer sein, dass die Menschen es satthaben. Sie wollen politische Freiheit und ernsthafte Wirtschaftsreformen. Es muss Schluss sein mit Korruption und Vetternwirtschaft", sagt der jordanische Politikwissenschaftler Labib Kamhaui.