Tunesien

"Das ist dort jetzt so wie 1989 zur Wende in der DDR"

Die Bilder von Gewalt, Plünderungen und Tumulten flimmern über die Bildschirme des Vereins El Kantara in Neukölln. Die Mitglieder des tunesischen Unterstützungsvereins, der auf Deutsch "Die Brücke" heißt, verfolgen besorgt die Bilder aus der Heimat. Seitdem dort die Unruhen losgingen, treffen sich die acht Vereinsmitglieder und viele tunesische Landesleute in ihrem Ladenlokal in der Schierker Straße jetzt jeden Tag.

Gemeinsam sitzen sie vor einem riesigen Fernseher. Jede TV-Information wird registriert und auch per Videotelefon mit Verwandten diskutiert.

Als sich ein Markthändler in der Stadt Sidi Bouzid mit Benzin übergoss und anzündete, sei das in Deutschland nur eine Meldung gewesen, sagt der 35-jährige Tierpfleger Hedi Sdira. Seitdem hat auch Klubchef Ezzedine Neji die Fernbedienung des vereinseigenen Flachbildschirms nicht mehr aus der Hand gelegt. Ständig zappt er zwischen den fünf tunesischen TV-Kanälen, dem arabischen Nachrichtensender al-Dschasira und dem deutschen Fernsehen hin und her.

"Die Gewaltszenen verfolgen wir mit Sorge", sagte der 65-jährige Neji. "Das ist ein Aufschrei der Menschen in Tunesien. Das ist dort jetzt so wie 1989 zur Wende in der DDR. Ein Volk befreit sich vom verhassten Diktator Ben Ali."

"Es tut in meinem Herzen richtig weh, dass sich erst ein junger Mensch als Protest gegen den Präsidenten und seinen Clan anzünden musste, damit sich was in Tunesien ändert", sagt Abdessatar Boudaya, der seit 40 Jahren in Deutschland lebt und jetzt im Ruhestand ist. Der 60-Jährige hat jahrelang als Anlagenführer gearbeitet. Rund 3000 Tunesier leben nach Angaben des Vereins in der deutschen Hauptstadt.

Der erste tunesische Präsident Bourguiba habe vor Jahrzehnten ein Bildungsprogramm gestartet. "Viele konnten studieren, wurden beispielsweise Ingenieure." Doch Arbeit habe es nicht gegeben, so Boudaya. Auch er studierte. Um der Chancenlosigkeit zu entgehen, sei er nach Deutschland gekommen.

Andere hätten die Situation zu Hause so hingenommen. "Es ist ihnen nichts anderes übrig geblieben. Als Ali an die Macht kam, habe er einen Polizeistaat aufgebaut", hakt Vereinschef Neji ein. Zum Westen hin habe er den "lupenreinen Demokraten" gegeben. "Nach innen war er knallhart. Man durfte nichts sagen."

Tierpfleger Hedi Szedira sagt, er empfinde große Freude, dass Ben Ali verjagt worden sei. "Es tut mir unendlich weh, dass Menschen sterben mussten", fügt Vereinschef Neji hinzu. Er telefoniert wie die meisten mehrmals täglich mit seinen Verwandten in Tunis. "Die sind so froh, dass Ali weg ist." Über Skype funktioniere der Kontakt bestens, sagen die Männer und ziehen an ihren Wasserpfeifen. Sie wollen nun Hilfe für die Landsleute organisieren und Geld sammeln, um Schulen und Krankenhäuser zu unterstützen.