Die Frühgeschichte des deutschen BND

Agenten enthüllen ihre Geheimnisse

"Bis zur Mitte des Jahrzehnts", heißt es bewusst ungenau auf der Internetseite des Bundesnachrichtendienstes, "zieht der BND mit den meisten seiner Abteilungen von Pullach bei München nach Berlin." Erst im vergangenen Jahr wurde das Richtfest für den riesigen Neubau an der Chausseestraße gefeiert.

Bis 2015 soll möglichst auch eine der schwersten Lasten auf dem Auslandsgeheimdienst der Bundesrepublik abgetragen werden: die schlecht bis gar nicht erforschte, dafür umso mehr von Mythen umrankte Frühgeschichte des "Dienstes", wie seine Mitarbeiter kurz sagen.

Für die SED-Propaganda war es eine perfekte Vorlage: Ausgerechnet ein General aus Hitlers Oberkommando des Heeres leitete den westdeutschen Geheimdienst, in dem zahlreiche weitere frühere Wehrmachtsoffiziere und SS-Leute gegen die DDR arbeiteten. Reinhard Gehlen hieß der Mann; er war bis 1945 Karriereoffizier gewesen und baute nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands im Auftrag der Amerikaner einen neuen Geheimdienst auf. Seit Ost-Berlin diese Information 1952 mit großem Aufwand öffentlich machte, gilt die Organisation Gehlen und ihr 1956 gegründeter Nachfolger, eben der BND, als Hort alter Nazis.

Doch Genaues weiß bisher so gut wie niemand. Denn der BND hat bisher nur in geringem Umfang alte Akten freigegeben. Das muss sich ohnehin ändern, denn ungeordnete und also auch nicht inventarisierte Akten sind "nicht umzugsfähig". Auch diese Erkenntnis dürfte dazu beigetragen haben, dass Ernst Uhrlau, seit 2005 und noch bis Ende dieses Jahres Präsident des BND, jetzt eine hochkarätige Historikerkommission berufen hat. Sie hat den Auftrag, die Vor- und Frühgeschichte des BND in der gesamten Amtszeit Gehlens zu erforschen, also immerhin bis 1968.

Die jetzt vorgestellte Kommission ist bereits der zweite Anlauf Uhrlaus, die NS-Verstrickungen, aber auch die Tätigkeit seines Dienstes im Kalten Krieg transparenter zu machen. Der Erlangener Historiker Gregor Schöllgen hatte einen ähnlichen Auftrag zurückgegeben, nachdem sowohl über die Finanzierung als auch über den Umfang der Arbeit zu disparate Auffassungen deutlich geworden waren.

BND-Chef verspricht freien Zugang

Die neue Kommission ist aber keineswegs "zweite Wahl". Mit dem Marburger Geheimdienstspezialisten Wolfgang Krieger, dem Potsdamer Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller, dem Dresdner Stasi-Spezialisten Klaus-Dietmar Henke sowie dem Kölner Emeritus und Außenpolitikexperten Jost Dülffer hat Uhrlau renommierte Fachleute gewinnen können. Noch sind die Verträge nicht unterschrieben, aber geklärt werden müssen nur noch kleine Formalien. Jedenfalls verabreden die vier Historiker schon Termine, zu denen sie erstmals Akten ansehen wollen.

Freie Einsicht in die Unterlagen bis 1968 für die Kommissionsmitglieder ist die Grundvoraussetzung der Vereinbarung. Allerdings wird vor jeder Publikation von Ergebnissen, darauf legt der BND sowohl aus praktischen Erwägungen wie aus rechtlichen Gründen Wert, eine Überprüfung stattfinden müssen, ob schutzbedürftige Interessen der Bundesrepublik berührt sein könnten. "Von meiner Seite aus wird es keinerlei Restriktionen für die unabhängige Historikerkommission geben", versprach Uhrlau, fügte aber hinzu: "Die einzige Einschränkung ihrer Arbeit werden die geltenden Gesetze sein. Das muss so sein bei einem Dienst, der nach Recht und Gesetz handelt."

Sorgen haben die heutigen Geheimdienstler vor allem aus zwei Gründen: Einerseits könnten Quellen dekonspiriert werden, die Informationen an den BND weitergeleitet hätten. Ob das tatsächlich auch vier bis sechs Jahrzehnte nach Eingang der Informationen noch relevant wäre, gehört zu den Fragen, über die BND und Kommission wohl noch intensiv streiten werden. Andererseits, und diese Sorge ist leichter nachzuvollziehen, könnten Partnerorganisationen des BND verschnupft reagieren, wenn selbst alte Informationen aus ihren Beständen über den Umweg einer deutschen Historikerkommission veröffentlicht würden. Jedoch nehmen andere Dienste, zum Beispiel die CIA oder die britischen MI5 und MI6, ihrerseits wenig Rücksicht. Die Amerikaner machten ab 2001 mehrere Tausend Dokumente zu Gehlen selbst zugänglich. Der Schwerpunkt der Arbeit der Historikerkommission wird in der Frühgeschichte des BND liegen, also in der Phase des Aufbaus unter amerikanischer Aufsicht und der Zeit des Kalten Kriegs. Es gibt hier viele offene Fragen: Wie sehr waren die Organisation Gehlen und der BND tatsächlich von alten Nazis durchsetzt? Traf die massive Propaganda aus Ost-Berlin weitgehend zu - oder war sie wie so häufig in anderen Punkten etwa zum vermeintlichen "KZ-Baumeister" Bundespräsident Heinrich Lübke maßlos übertrieben? Gewiss wird eine Überprüfung des möglichst gesamten Personals auf frühere NS-Verstrickungen notwendig sein, doch wollen sich die vier Historiker darauf keineswegs beschränken. Das anfangs hymnisch gefeierte, inzwischen aber zunehmend für Oberflächlichkeit und Einseitigkeit kritisierte Buch "Das Amt" über die NS-Verstrickungen des Auswärtigen Amtes ist eine Warnung.

Überhöhte Erwartungen

Mindestens genauso wichtig dürfte aber festzustellen sein, wie gut, also "erfolgreich", der BND tatsächlich gearbeitet hat - und nicht zuletzt: gegen wen. Obwohl offiziell ein Auslandsnachrichtendienst, kümmerte sich "der Dienst" von Beginn an besonders um die DDR - die nach Verständnis der Bundesregierung nie Ausland war. Und inwieweit ließ Gehlen seine Leute auch westdeutsche Bürger überwachen, bespitzeln oder anwerben? Das gehört zu den vielen offenen Fragen, die auf Antworten warten. Auf die bisher rund 5000 in Pullach erschlossenen und 15 000 noch zu erschließenden Aktenbände aus der Zeit 1945 bis 1968 werden die Kommissionsmitglieder vollen Zugriff haben - aber wie viel danach auch die breite Öffentlichkeit zu sehen bekommt, ist noch offen.

"Sehr nobel" sei Uhrlaus Initiative, sagte Lutz Hachmeister der Morgenpost. Es handele sich um einen "sinnvollen ersten Schritt". Jedoch kritisierte der Historiker und Direktor des Berliner Instituts für Medienpolitik die Zusammensetzung der Kommission als "etwas skurril". Er hätte sich auch jüngere und vielleicht weibliche Forscher gewünscht.

Der BND-Chef hat sich, gerade auch angesichts eines Urteils des Bundesverwaltungsgerichts über Aktenherausgabe im Fall Eichmann, für einen Mittelweg entschieden: Renommierte Historiker werden Zugang bekommen; aufgrund ihrer Bekanntheit in der Öffentlichkeit ist ihre Unabhängigkeit unstrittig. Aber wie viel Details die Öffentlichkeit schließlich zu lesen bekommt, bleibt seinem Nachfolger als BND-Chef überlassen. Ob sich der Druck auf den Geheimdienst auf diese Weise dauerhaft senken lässt, bleibt abzuwarten. Es könnte aber sein, dass die Nachforschungen die Erwartungen enttäuschen werden. Allerdings nicht, weil Material zurückgehalten würde - sondern weil die Geheimdienstarbeit vielfach eben doch profaner ist, als sich fantasiebegabte Beobachter das vorstellen.